Angenommen, bei der Wahl des Bundespräsidenten kommt es tatsächlich zur Kampfabstimmung zwischen Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff und Stasi-Aufklärer Joachim Gauck (und seit eben heißt es, er hätte zugesagt) – da hätte Gauck die besseren Chancen und Merkel ein Problem. Warum? Weil Gauck gute Aussichten hat, ein paar Stimmen aus Union und FDP abzubekommen, zumal in der Bundesversammlung, die ja nicht so zuverlässig mit Parteigängern besetzt werden kann wie der Bundestag. Gauck war unter einer unionsgeführten Regierung zum Stasi-Unterlagen-Aufklärer ernannt worden. Umgekehrt hat Wulff kaum Chancen, Stimmen aus den Oppositionsfraktionen zu mobilisieren. Auch keine taktischen Stimmen aus der Linkspartei, die Gauck hasst. Die will einen eigenen Zählkandidaten ins Rennen schicken.

Ich selber bin auch für Gauck und damit zum ersten Mal in meinem Leben für einen SPD-Kandidaten. Das konnte ich mir bis vor ein paar Minuten nicht vorstellen. Aber für Gauck gibt es mehrere Gründe:

  • Er hat in der DDR-Diktatur gelebt, ohne sich an die SED anzubiedern. Er hat also Mut und Charakter.
  • Er hat nach der Wende mehr als die Parteien dazu beigetragen, Wahrheiten über die DDR öffentlich zu machen.
  • Er ist kein Parteipolitiker, er gehört nicht zur politischen Klasse. Aber er ist ein politischer Mensch und kann auch einstecken (was ja, wie wir jetzt wissen, nicht ganz unwichtig ist).
  • Er ist wie sonst niemand befähigt, die Ossi-Wessi-Kluft abzubauen. Und zwar tiefgreifend, nicht nur als Showeffekt à la Peter Sodann oder Gregor Gysi.

Gespannt bin ich auf die Gründe der SPD für diese Nominierung. Sie könnte damit vielleicht in künftigen Wahlkämpfen die Ypsilanti-Falle entschärfen. Ein Freund der SPD ist Gauck ja nicht. Er könnte den Sozialdemokraten sogar höchst unbequem werden, wenn er nämlich an Staatsfeiertagen in Reden an die historische Rolle der SPD während der deutschen Teilung erinnert. Ihr damaliger Kanzlerkandidat Lafontaine hat die Wiedervereinigung ja bis ins Jahr 1990 hinein bekämpft, und der weitaus größte Teil der westdeutschen Linken stimmte mit ihm überein und versucht bis heute, die Debatte darüber zu verhindern.

Eine Rede von Bundespräsident Joachim Gauck zum Tag der Deutschen Einheit – die würde ich gerne hören. Sie wäre viel spannender als eine Rede von Christian Wulff.

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