Gerade erst lĂ€sterten noch alle ĂŒber die GrĂŒnen, denen nichts Wichtigeres einfiel, als die EinfĂŒhrung der Homoehe zur unverhandelbaren Grundbedingung fĂŒr kĂŒnftige Koalitionspartner zu verkĂŒnden. Jetzt lĂ€stert keiner mehr. Erst zog die FDP mit derselben roten Linie nach. Und jetzt rĂ€umte die Kanzlerin im Ratsch bei „Brigitte“ in Energiewende-Manier das bis dahin störrische Nein der Unionsparteien aus dem Weg. Wieso gerade jetzt? Und hat die sinkende PopularitĂ€t der Ehe im Allgemeinen damit zu tun?

Seit Jahren wird in Deutschland immer weniger geheiratet, wobei die Zahl der Hochzeiten wenigstens nicht weiter sinkt, sondern auf niedrigem Niveau verharrt.

Gut 400.000 Paare heirateten im Jahr 2015, zĂ€hlte das Statistische Bundesamt. Das war 1950 noch ganz anders, da gab es noch mehr als 750.000 Hochzeiten. Aber Jahr fĂŒr Jahr wurden es dann immer weniger. Hochgerechnet auf je 1000 Einwohner sank die Zahl der Eheschließungen von 11 auf 4,9.

Aufschlussreich auch, wie unterschiedlich Menschen unterschiedlicher Landesteile zum Heiraten stehen. In Berlin, dem Saarland oder ThĂŒringen halbierte sich die Zahl der Hochzeiten zwischen 1990 und 2015 annĂ€hernd (Berlin: von 21.850 auf 13.759, Tendenz wieder leicht steigend). In Bayern, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern Ă€nderte sich dagegen nur verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenig (Bayern: von 74.387 auf 65.128, Tendenz wieder leicht steigend).

Insgesamt lĂ€sst sich aber sagen, dass eine Ehe nicht mehr zum Lebensentwurf eines oder einer jeden gehört. Heiraten ist keine Grund-, sondern eine Geschmacksfrage. Niemand fĂŒhlt sich mehr genötigt, fĂŒr ein Kind ein VerhĂ€ltnis zu legalisieren. Schon dieses Wort, legalisieren, benutzt kein Mensch mehr. In manchen KindergĂ€rten sind Kinder von Unverheirateten oder alleinerzieheden Frauen (nur sehr selten MĂ€nnern) in der Mehrheit, in Berlin wohl hĂ€ufiger als in Bayern.

WĂ€hrend also die traditionelle Ehe zwischen Mann und Frau immer bedeutungsloser wird, ist es bei der Homoehe genau umgekehrt. Gerade erst wird wieder eine Umfrage viel geteilt, die allerdings auch schon vor einem halben Jahr viel geteilt wurde und vergangenen Januar veröffentlicht wurde. In Auftrag gegeben hat sie die „Antidiskriminierungsstelle des Bundes“. Demnach stimmen 64,4 Prozent der BundesbĂŒrger der Aussage „voll und ganz“ zu, „Ehen zwischen zwei MĂ€nnern bzw. zwei Frauen sollten erlaubt sein“. Weitere 18 Prozent sagten, sie stimmten dem „eher zu“. Das bedeutet neben anderem, dass die Hetero-Mehrheit die eigene Ehe immer weniger, die Homo-Ehe dagegen immer mehr ernst nimmt.

Das war durchaus mal anders. Die Homoehe begann als eher spaßhafte Persiflage auf die als spießig empfundene Mann-Frau-Familienehe. Im Zuge der 68er-Kulturrevolution war auf einmal alles mögliche erlaubt. Sogar die Benutzung von Kindern im Kontext der „sexuellen Befreiung“ fanden manche Aktivisten toll, was den GrĂŒnen, als geistigen Erben des PĂ€do-Aktivismus, bekanntlich einigen Ärger bereitete. Aber damals passte es einfach zu schön. Alles, was nach verklemmter Moral aussah, sollte weg, die Institution der Ehe vorneweg. Happeningartige schwule Heirats-Inszenierungen sollten die Traditions-Ehe nicht stĂ€rken, sondern lĂ€cherlich machen.

Dann aber, nicht ganz klar, wann, wurde aus der Homoehe heiliger Ernst. Es muss wohl um die 1990er Jahre gewesen sein, als die Forderung nach Gleichstellung mit der Mann-Frau-Ehe aus den politischen Lobbys herĂŒbersickerte in die politischen Bollwerke. Karneval und ernsthaftes Statement verschmolzen zu „buntem Protest“. Der alljĂ€hrliche Christopher-Street-Day in Berlin steht fĂŒr genau diese Mischung. Kein Berliner Politiker von Rang, der sich da nicht blicken lĂ€sst, auch von Unionsseite.

Und jetzt dĂŒrfte es wohl geschafft sein. Die GrĂŒnen waren keineswegs auf Selbstmordkurs, als sie ihre „rote Linie“ fĂŒr kĂŒnftige Koalitionspartner zogen. Sie haben vielmehr – wieder mal – ein uraltes links-emanzipatorisches Projekt strategisch ĂŒber Jahrzehnte durchgezogen. Und wie so oft spielt es keine Rolle, dass nur wenige sie wĂ€hlen. Die GrĂŒnen setzen ihre Themen langfristig, und ein weiteres Mal haben sie Angela Merkel dazu gebracht, mal so eben eine bis gerade noch hartnĂ€ckig gehaltene Bastion zu schleifen. Die Homoehe ist durch. Sie wird kommen, mit allem drum und dran, von VerfassungsĂ€nderung bis Standesamt und Familienbuch. Die GrĂŒnen bestimmen die Normen, Angela Merkel exekutiert mit ihrer Strategie der assymetrischen Demobilisierung, die fremde Positionen unverdaut einfach ĂŒbernimmt. Das KalkĂŒl: Wer die Homoehe will muss dafĂŒr nicht mehr grĂŒn wĂ€hlen, ebensowenig wie bei Atomkraft, Windenergie, FlĂŒchtlingen, Entwicklungshilfe oder der EU-Politik.

Wobei die Homoehe in der öffentlichen Debatte eine weit grĂ¶ĂŸere Rolle zu spielen scheint als im realen Leben. Auch dazu ein paar Zahlen: Im Jahr 2015 zĂ€hlten die Statistiker deutschlandweit 7401 eingetragene Lebenspartnerschaften von Homosexuellen. Das waren knapp 300 mehr als im Vorjahr, so wenige, dass es sich eher um EinzelfĂ€lle handelt denn um eine statistisch fassbare GrĂ¶ĂŸe. Und wĂŒrde man Ehen zahlenmĂ€ĂŸig gegen homosexuelle Lebenspartnerschaften rechnen: Letztere wĂŒrden nur rund 1,8 Prozent von ersteren ausmachen.

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