Vielleicht hat Birgit Kelle sich schon darüber geärgert, dass ein Buch nicht im Tagesrhythmus aktualisiert werden kann. Vermutlich hätte sie sich mit Wonne mit dem Mann in Berlin beschäftigt, der vor einigen Monaten ein Kind zur Welt brachte. Die Bild nannte diesen Vorgang ein „medizinisches Wunder“. Ähnlich war der Tenor schon vor einigen Jahren, als der Amerikaner Thomas Beatie sein erstes von inzwischen drei Kindern gebar. Die Gender-Fraktion kann triumphieren: Jetzt akzeptiert auch der Springer-Boulevard bis in die letzte Konsequenz die Theorie vom sozialen Geschlecht. Der Geist der Emanzipationsbewegung bezwingt die schnöde Körperlichkeit. Der Mensch hat Gott jetzt auch beim Schöpfen des Lebens für überflüssig erklärt.

Nur hat der Mensch, und davon handelt ihr Buch „Dann mach‘ doch die Bluse zu“ auch, eben noch nicht die göttliche Stufe an Denklogik und Widerspruchsfreiheit erreicht. Wo ein Thomas Beatie und sein Still-Genosse aus Berlin Babys gebären, da krabbeln dann eben auch kleine Fienchen herum, die von Gender-Theorien keine Ahnung haben und denen erstmal nur die Mama fehlt. Der Mann in Berlin verbindet seine Absonderlichkeit zudem noch mit der perversen Grausamkeit des politisch erziehenden Elternpaares Stocker aus Toronto und erklärt wie sie, er werde sein Kind geschlechtsneutral erziehen und niemandem verraten, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Da macht jemand aus schierem Egoismus ein Kind zum Freak. Eine der Stärken von Birgits Buch ist, dass sie die Kälte und Hartherzigkeit der politischen Gender-Konzepte, wie sie bis hin zu Ursula von der Leyen vertreten werden, auf den Punkt bringt und historisch herleitet. Auch der legendäre Sexologen-Professor John Money fehlt nicht, der einst bei den Vorkämpfern der Bewegung – auch der heutigen Bild-Kolumnistin Alice Schwarzer – dafür gefeiert wurde, dass er einen Säuglings-Jungen kastrierte und von den Eltern als Mädchen großziehen ließ – mit der dramatischen Folge, dass sich im Erwachsenen-Alter erst der Zwillingsbruder und dann der Verstümmelte das Leben nahm.

Birgits Buch reiht sich in eine Abfolge von Veröffentlichungen, die seit einiger Zeit frontal gegen den Geist der 68er-Bewegung anrennen und zunehmend Relevanz entfalten. Ein Meilenstein dieser Sorte Literatur war der Roman „Das bleiche Herz der Revolution“ von Sophie Dannenberg, die darin mit ihrer eigenen sozialistisch-libertären Erziehung abrechnete. Nicht weniger bedeutsam war später das lakonische „Unter Linken“ des Spiegel-Redakteures Jan Fleischhauer. Zu nennen ist auch der immense Erfolg des schlagfertigen Hendrik Broder. Die Attacke auf die Institutionen kommt heute aus einer Richtung, die sich mal liberal-rechs, dann wieder abendländisch-christlich gibt. Eingeleitet wurde sie von Protagonisten, die die 68er-Zeit entweder als Akteure (Broder) oder als Opfer (Dannenberg und Fleischhauer) erlebten. Mit Birgit Kelle, geboren 1975 in Siebenbürgen, betritt jetzt eine Autorin die Bühne, die mit alldem nichts zu tun hat. Im Gegenteil: Sie schreibt über 68er-Symptome, ohne das geistige Klima dieser Zeit je erlebt zu haben. Und siehe da: Ihre Sorte gesunden Menschenverstandes passt ziemlich bündig auf die Sicht der politisch geprägten Anti-68er-Kämpfer.

Ihr Buch ist übersichtlich strukturiert – nach dem klassischen Zwiebelprinzip. Das heißt: Sie fängt mit den sichtbaren Äußerlichkeiten an und arbeitet sich Schicht für Schicht in die intellektuellen Verästelungen vor. Ihr Einstieg ist die #aufschrei-Debatte nach der Dirndl-Ausfüll-Affäre von Rainer Brüderle. Dürfen Männer Frauen die Tür aufhalten oder die Rechnung bezahlen, fragt sie, und lässt die Frauen-Frauen antworten: Ja, weil wir das erwarten. Nein, weil das sexistisch wäre. Und beides bitte gleichzeitig, meine Herren. Von dieser Ausgangslage argumentiert sie sich durch die Themen Gender, Familie und Kinder. Und am Ende landet sie bei der Forderung, endlich Schluss zu machen mit dem zentral verordneten intellektualisierten Egoismus der emanzipierten Erwachsenen – vor allem der Frauen – gegen ihre Kinder. Stattdessen möge jede Frau nach ihrer Façon Frau und jeder Mann nach seiner Façon Mann sein. Oder, um es mit Birgits Worten zu verkürzen: „Diversität“ der Geschlechter statt Mainstreaming.

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