“‘Europäische Zustände’ – Alarmierendes Ausmaß an Vorurteilen” lautet die erschreckende Überschrift einer europaweiten Studie. Man sollte sie nicht zu ernst nehmen. Denn die Autoren verwenden eine groteske Definition des Begriffs Vorurteil. Ebenso grotesk sind die Schlussfolgerungen des Grünen-Politikers Cem Özdemir, die auf eine Art Umerziehung der Bevölkerung hinauslaufen.

Als Vorverurteiler muss sich etwa bezeichnen lassen, wer auf die Frage, ob es zu viele Einwanderer gebe, mit ja antwortet. Dass diese Definition Quatsch ist, wird deutlich, wenn man die Aussage umdreht: Nur, wer in keinem europäischen Land die Einwanderung für zu hoch hält, darf sich nach dem Design der Studien-Autoren für vorurteilsfrei erklären. Die Frage geht nicht der Einstellung gegenüber Zuwanderern nach, fragt nicht nach Respekt oder Toleranz, sondern beschränkt sich auf ein quantitatives “zu viel”. Ob dieses “zu viel” mit einem Ressentiment verbunden ist oder nicht, interessiert die Autoren nicht. Plausibel ist natürlich, dass, wer Vorurteile gegen Fremde hegt, auch jegliche Zuwanderung ablehnt. Umgekehrt ist es aber sehr wohl möglich, ohne jegliches Vorurteil die Zuwanderung für zu hoch zu halten. Die nackte Zahl taugt folglich nicht für den Schluss, die gemessenen 50,4 Prozent Jasager seien fremdenfeindlich.

Offenbar geht es den Autoren darum, ihr eigenes – tendenziell totalitäres – Gesellschaftsbild auf pseudo-wissenschaftliche Weise zu verabsolutieren. “Immer noch behauptet eine Mehrheit der Europäer (60.2%) sexistische Einstellungen, die Frauen auf traditionelle Geschlechtsrollen festlegen”, klagen die Autoren und sehen auch das als Vorurteil. Ich sehe es eher als Indiz für die Intoleranz der Autoren, denen es schwer fällt, den Europäern die eigene freie Wahl ihres privaten Lebensentwurfs zu überlassen.

In denselben Zusammenhang sortieren die Sozialforscher dieses Resultat: “24.5% unterstellen, dass ‘Juden zu viel Einfluss’ in ihrem Land haben”. Daraus abzuleiten, die Europäer hegten Ressentiments gegen Juden, entlarvt sich schon auf den ersten Blick als Unsinn. 24,5 Prozent sind ein knappes Viertel, was ich für erfreulich wenig halte und eher für ein dumpfes Grundrauschen ohne Bezug zu irgendeiner gesellschaftlichen Relevanz. Die Frage, ob “Juden zu viel Einfluss haben” ist schlicht aus der Luft gegriffen. Niemand, der auch nur halbwegs ernst genommen werden möchte, fragt sie. Einen relevanten Kontext hätte die Frage, wenn man sie anders formulierte und im linken Milieu stellte: Sind Sie der Meinung, dass Zionisten zu viel Macht in der Welt haben? In diesem Milieu würde sich da vermutlich viel Zustimmung finden, bei mir dagegen nicht.

Schockierend an der Studie ist nicht ihr Befund, sondern was der Grünen-Politiker Cem Özdemir daraus macht. Seine Bewertung fügen die Urheber gleich in ihre Presseaussendung ein, und sie zitieren ihn mit einem Satz, der wirklich erstaunlich ist:

“Gerade weil niemand als Demokrat geboren wird, müssen wir in unseren Bildungseinrichtungen doch viel mehr Wert legen auf eine aktive Erziehung zur Demokratie, um Vorurteilen und Rassismus das Wasser abzugraben.”

Mir ist neu, dass “niemand als Demokrat geboren wird”. Wäre es wahr, dass “niemand als Demokrat geboren wird”, wäre die Demokratie keine gute Staatsform. Özdemir verlangt nichts anderes als eine Umerziehung des Menschen, weg von angeborenen Eigenschaften, hin zu einer gesellschaftlichen Utopie. Das ist totalitär und undemokratisch. Özdemirs Forderung bedeutet, dass die angeborenen menschlichen Eigenschaften von Staats wegen zurechtgebogen werden sollen. Im besten Fall hat er sich hier eine gedankenlose Entgleisung geleistet.

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  3. […] es offensichtlich bis in die obersten Führungsgremien Umerziehungsfantasien. Cem Özdemir etwa behauptete vor einiger Zeit, da ja niemand als Demokrat geboren werde, sei so etwas wie eine Umpolung jedes […]

  4. […] – außer für die Grünen und Cem Özedemir, an dessen demokratischer Haltung ohnehin Zweifel angebracht sind. “Stuttgart 21 kann nicht gegen friedliche Demonstranten durchgeprügelt […]

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