Die vielleicht wichtigste Idee hinter dem Online-Shop Amazon klang vor 20 Jahren, als Gründer Jeff Bezos sie formulierte, wie eine verrückte Utopie. Er stellte sich vor, dass jeder Kunde seine Waren möglichst sofort ausgeliefert bekommt. Als rollende Warenlager sollen ständig Transporter unterwegs sein, die über Funk sogleich ans Ziel geleitet werden. Heute klingt diese Vision nicht mehr ganz so revolutionär. In England und den USA wird ein Großteil der Ware schon am selben Tag geliefert. Mit dem neuen Service „Subscribe and Save“ will Amazon Abos mit Milch oder Babywindeln anbieten und den Kunden die regelmäßige Schlepperei von Supermarkt-Ware ersparen. Ob das jetzt praktisch oder bedrohlich ist, darüber läuft die Debatte gerade erst an. In Deutschland scheint die Skepsis zu überwiegen und vieles an der Kritik an Amazon und anderen US-Firmen hört sich an, als sei sie im Kern kulturell bedingt.

Als Leitbild gilt hierzulande eine Landschaft kleinerer und größerer Geschäfte in den Zentren der Städte, wobei aber nicht alle Sorten von Läden gleichermaßen beliebt sind. Gut angesehen sind Buchhändler, Handarbeitsläden und Fahrradwerkstätten, weniger gern gesehen sind Media Markt, Schnäppchenmärkte oder Billigketten wie ehemals Schlecker. Irgendwo dazwischen liegen Edeka, DM oder die Parfümerie von nebenan. Das Problem dabei, und das hat Jeff Bezos besser erkannt als der Rest der Verkaufs-Branchen, sind die Menschen. Die erwarten – geht mir übrigens auch so – möglichst wenig Aufwand, ein möglichst komplettes Angebot und möglichst günstige Preise. Dem einen oder anderen mag das Ausflugserlebnis beim Einkaufen noch wichtig sein, aber sicher weniger bei Alltagsdingen.

Der Spaß beim Einkaufen ist oft auch nicht besonders groß. Kostprobe: Meine Freundin bestellte in der örtlichen Parfümerie ein Makeup von Lancôme. Das war gerade nicht vorrätig. Zwei Tage später sollte es abholbereit sein. War es aber nicht – die Verkäuferin erklärte, es dauere gut und gern noch weitere zehn Tage. Also im Netz geschaut, ob jemand anders das Makeup im Angebot hatte, was der Fall war. Und da wir schon den Browser offen hatten – gibt es eigentlich wirklich nur den einen Einheitspreis für Pampers, den unsere Super- und Drogeriemärkte dafür aufrufen, oder gibt’s das Paket auch für weniger als 6,75 Euro für 25 Stück? Gibt’s tatsächlich, und wieder landete ein Umsatz bei einem Online-Händler.

Für den traditionellen sogenannten stationären Einzelhandel ist so etwas (und es ist ja kein Einzelfall) eine schlechte Nachricht, aber ob es für die Gesellschaft auch eine schlechte Nachricht ist, halte ich noch nicht für ausgemacht. Ich habe noch nie verstanden, warum diese Mischung aus mittelmäßigen bis schlechten Läden so erhaltenswert sein soll. Nehmen wir die Gattung der Videotheken: Jahrelang haben die mit ihren protzigen Leuchtreklamen und Glitzerfassaden ansonsten idyllische Orte verschandelt. Jetzt hat iTunes sie gekillt. Jahrelang haben Lokalpolitiker die Ausbreitung der Videotheken als Verwahrlosung angesehen, und jetzt soll es sich um ein untergehendes Kulturgut handeln? Und genauso, wie ich das nicht glaube, nehme ich den Traditionalisten ihr Engagement auch deshalb nicht so ganz ab, weil ihr Hauptargument widersprüchlich ist. Es besteht in der Klage über die Finanzkraft und den angeblich monopolistischen Ehrhgeiz der Amis, also letztlich in einer eher grundsätzlichen Kapitalismuskritik. Aber welchem anderen Zweck als allein dem Gelderwerb dienen denn diese hässlichen Einheits-Innenstädte? Wollen die Traditionalisten ernsthaft behaupten, hässliche Ladenstraßen seien die schönere, womöglich kultiviertere Form des Kapitalismus?

Natürlich nicht. Und natürlich sind die Argumente, die da fallen, ziemlich hohl, und es ist schon auffällig, dass vor allem diejenigen gerade die Debatte antreiben, die selber etwas zu verlieren haben. Etwa die ARD, die die schwierigen Arbeitsbedingungen bei einigen Amazon-Betrieben thematisiert. Oder die großen Zeitungen, die plötzlich ihr Herz für kleine Verlage entdecken (die sie sonst schnöde zu ignorieren pflegen) oder die – wie die FAZ – gar befürchten, Amazon krempele jetzt unser aller Leben um.

Den Traditionalisten der deutschen Medienwelt ist wirklich kein Ansatz zu abseitig. Wenn er in die Linie passt, wird er für relevant erklärt, egal, wie unwichtig er in Wahrheit ist. Neuestes Beispiel ist ein Artikel bei Zeit.de, der einen wackeren Anti-Cyborg-Kämpfer namens Adam featured. Cyborg, lernen wir, sei jemand schon dann, wenn er mit Googles neuer Computerbrille herumlaufe und unbemerkt überall filme und Töne aufzeichne und mit seinem Material unablässig die Google-Server füttere. Ein Cyborg? Jemand, der eine Google-Brille aufsetzt, ist immer noch ein normaler Mensch, der ein Brillendings mit Kamera auf die Nase setzt, nicht mehr. Was daran so schlimm sein soll, steht nicht drin in dem Artikel, aber das muss es auch nicht. Die Tat in Verbindung mit ihrem Urheber – einem der großen US-Tech-Konzerne – reicht für die Bewertung schon aus. „Wir wollen Menschen ermutigen, überwachungsfreie Zonen zu schaffen, in denen Menschen frei und unbekümmert reden können“, zitiert Zeit.de den Cyborg-Bekämpfer Adam. Wie wäre es mit: nach Hause gehen und Tür schließen? Sich in der Arbeitspause einfach zum vertrauten Plausch außer Hörweite der Meute stellen? Und welche Luxusprobleme plagen Adam und seine Förderer, wenn sie so tun, als sei Google ein Unterdrücker und nicht etwa die Kims, Ahmadineschads und Assads dieser Welt?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir in einer Art geistigen Lähmung festhängen. Wir übersehen das Offensichtliche. Eine Ware zu bestellen und sofort geliefert zu bekommen ist praktisch, nicht bedrohlich. Innenstädte von billigen Leuchtreklamen zu befreien ist ästhetisch, nicht schädlich. Wochenlang auf überteuerte Ware zu warten und dafür ständig das Auto anzuwerfen ist dämlich, nicht wohltätig. Und wer jetzt sagt, es sei naiv und nicht zu Ende gedacht, was ich da aufschreibe, der hat vor 20 Jahren auch über Jeff Bezos gegrinst und sich gesagt, soll dieser Ami ruhig über seinen Sci-Fi-Kinderkram reden, der landet schon noch in der Realität.

Wie wir wissen, kam es anders. Er veränderte die Realität.

Bild via Urban Times
1 Antwort
  1. Holger Reeh sagte:

    Ich denke es gibt sogar einen ökologisch positiven Aspekt dabei. Denn wenn 1 Versandfahrer seinen Truck ausliefert entfallen 150 – 300 Einkaufsfahrten der Kunden. Bei den Energiekosten ist dies sogar noch wichtiger ein ökonomischer Aspekt. – Nur mal so vor mich hin gedacht.

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