Die meisten in Rosenheim waren für KTG, aber sie ließen auch diesen anders tickenden jungen Mann aufs Podium

Die Initiatoren der Facebookseite “Wir wollen Guttenberg zurück” haben für heute zu Demonstrationen aufgerufen, um ihrer Forderung auch außerhalb des Web Nachruck zu verleihen. In Rosenheim ist ihnen das gelungen. Vielleicht 500 Leute versammelten sich auf dem Marktplatz. Originell: Es gab keine gesetzten Redner. Jeder, der wollte, konnte das Podium erklimmen.

Entsprechend bunt war denn der Reigen derer, die ihre Meinung zur Causa Guttenberg zum Besten gaben. Da fand sich ein Arzt, der Guttenbergs Promotions-Schummelei anprangerte und ganz und gar nicht der Meinung war, der zurückgetretene Verteidigungsminister solle zurücktreten. Ganz anders ein weiterer Doktor, der sehr engagiert die ja weißgott erbärmliche Rolle der Uni Bayreuth und Guttenbergs Doktorvaters aufspießte und damit unter lautem Applaus Guttenbergs Plagiat etwas milder aussehen ließ. Die meisten, die ans Podium traten, wünschten sich KTG zurück, was sicher nicht verwundert, aber zensiert wurde hier offensichtlich gar nichts. Auch der junge Mann auf dem Foto durfte auftreten und ein linkes Referat zum Thema Kapitalinteressen, Rohstoffe und Afghanistan halten. Sie sind durchaus tolerant in Rosenheim. Linke Kundgebungen in Berlin verlaufen weniger plural.

Auffällig war sowohl bei Rednern auch beim Zwischenapplaus die massive Kritik an den öffentlich-rechtlichen Medien, namentlich Anne Will und Maybritt Illner. Die wurden als Scharfgericht bezeichnet, unter großem Jubel, und auch sonst kamen ARD und ZDF nur schlecht weg. Da fragte man sich zweierlei: Hat Verbraucherministerin Ilse Aigner, die ja demnächst auch den Vorsitz des CSU-Bezirks Oberbayern übernimmt, zu dem Rosenheim gehört, inzwischen ihre fundamentale Kritik an Facebook überdacht? Ihren Facebook-Account hat sie ja bisher offenbar nicht erneuert. Und zum zweiten: Merken die CSU-Großkopferten eigentlich, dass die Kritik an ARD und ZDF, die man inzwischen ja allerorten hört, auch eine Kritik an der eigenen Medienpolitik ist? Die CSU mischt ja gut mit im öffentlich-rechtlichen Kartell. Dieses Jahr hätte sie die Chance, damit aufzuhören – wenn die nächste Änderung des Rundfunkstaatsvertrags im Landtag behandelt wird, der die GEZ-Kopfsteuer für alle regelt.

6 Kommentare
  1. Maximilian Meier sagte:

    Ihre Berichterstattung an dieser Stelle ist aber auch nicht besonders plural. Erstens ist die Personenangabe maßlos übertrieben, weil allenfalls 300, eher aber 200 Personen an der Kundgebung teilgenommen haben, und zweitens verschweigen Sie, dass allein 30 Personen, also mindestens 10%, der Teilnehmer_innen zu satirischen Zwecken teilgenommen haben.
    Die Medien-Kritik der Guttenberg-Anhänger_innen ist nebenbei bemerkt nicht besonders fundiert: Stellen Medien Guttenberg positiv dar, ist es in Ordnung. Kommen Sie Ihrem impliziertem demokratischen Auftrag nach, bei Bedarf auch kritisch zu sein, dann sind sie schlimm. Im Falle Guttenbergs war es das Gebot der Stunde, kritisch zu sein: Nicht unbedingt, weil er seine Dissertation gefälscht hat – sondern, weil er zunächst wie ein Bessener darauf beharrte, dass er das nicht getan hätte. Und weil er in einer Arroganz nicht zu überbietenden Art und Weise diejenigen angriff, die den Nachweis sauber führten. Das kann Qualitätsjournalismus nicht auf sich sitzen lassen!
    Für diesen Abgang ist Guttenberg einzig und allein selbst verantwortlich. Er erfolgt ja just in dem Moment, in dem Kritik auch an seiner handwerklichen Arbeit (Bundeswehrreform, Gorch-Fock-Affäre) erfolgte. Er hatte einfach keinen Bock mehr, Politiker statt Pop-Star zu sein.

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  2. bitterlemmer sagte:

    @Maximilian: Lesen und verstehen sind manchmal hilfreich. Ich habe ja nur meine Beobachtungen notiert, wobei mir dann z.B. der Widerspruch der Versammelten zur CSU-Medienpolitik auffiel. Dein Statement ist dann wohl eher eine Art Standardprogramm eines Anti-Guttenberg-Fans und für ernsthafte Erwägungen so nützlich wie ein Fan-Statement. Wobei unser Land ja frei ist und Unnützes nicht verboten.

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