Seit dem Erdbeben am 12. Januar ist Haiti ein globales Topthema. Die Katastrophe mobilisiert und bewegt Millionen Menschen. Sie setzt viel Energie frei und legt menschliche Eigenschaften offen – ehrliche Hilfsbereitschaft, wirkliches Interesse, aber auch Eitelkeit und manchmal schwer erträglichen Geltungsdrang.

Eine Sternstunde war die von George Clooney und Wyclef Jean initiierte Fernsehshow “Hope for Haiti”. Ihre mitreißende Wirkung rührte daher, dass die vermutlich 100 weltgrößten Stars aus Film und Musik auf kleiner Bühne, ohne Studiopublikum und ohne große Effekte auftraten. Etwa Madonna, deren fast-a-capella vorgetragenes Like A Prayer so intensiv und aufwühlend klang, wie ich es noch nie gehört habe. Diese Veranstaltung hatte einfach Klasse. Vermutlich war sie auch erfolgreich. Wie viel Spendengeld dabei zusammenkam, ist noch nicht bekannt. Es dürften etliche Millionen sein.

Geld ist im Zusammenhang mit Haiti vermutlich gerade das geringste Problem. Das Land hat neun Millionen Einwohner, sein Bruttoinlandsprodukt lag bis zum Erdbeben am 12. Januar bei 5,5 Milliarden Dollar. Mit den Geldern von Weltbank und IWF, den Mitteln, die Staaten und private Spender schon eingezahlt haben, dürften bisher wenigstens 500 Millionen bereitstehen. Das ist auf einen Schlag ein Zehntel der Jahreswirtschaftsleistung des Landes oder ein Betrag von 55 Dollar für jeden Einwohner. Das ist ansehnlich und wohl auch dringend notwendig.

Fraglich ist, ob das Geld gut angelegt wird und ob es dem Land wirklich auf die Beine hilft. Vor der Wiederaufbaukonferenz für Haiti in Montreal hat der Chef des IWF, Dominique Strauss-Kahn, einen Marshall-Plan für das Land gefordert. Er zog einen Vergleich zum Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Vergleich hinkt allerdings, denn der Marshall-Plan hatte eine viel geringere Dimension als allgemein angenommen. Im europäischen Durchschnitt trug er in den Jahren 1948 bis 1951 nur 0,5 Prozent zum BIP bei. Viel bedeutender für das damalige Wirtschaftswunder war die industrielle Vorkriegsgeschichte. Europa hatte gut ausgebildete Leute und ein hohes Niveau in Wissenschaft und Forschung. Eine vergleichbare Ausgangslage gibt es in Haiti nicht.

Vor dem Entladen: Uno-Reklame am Hilfsflugzeug

Strauss-Kahn ist Anhänger der Lehren von Keynes und war in der kurzen Amtszeit Oskar Lafontaines als Bundesfinanzminister dessen Amtskollege in Paris. Lafontaine und Strauss-Kahn planten damals die Errichtung eines europaweiten Super-Finanzministeriums, dessen Zweck es sein sollte, die unabhängige Währungsbank EZB an die politische Leine zu legen. Aus dem Plan wurde nichts – nicht zuletzt wegen Lafontaines abrupter Flucht aus dem Amt.

Bedenklich ist Strauss-Kahns Festhalten an der traditionellen Entwicklungshilfe. Vor zwei Jahren waren weltweit die Preise für Nahrungsmittel kräftig gestiegen. In mehreren Entwicklungsländern gab es Unruhen. In Haiti war darüber sogar die Regierung gestürzt. Strauss-Kahn sagte damals, die Entwicklungsfortschritte der vergangenen fünf bis zehn Jahre könnten “vollständig zerstört” werden. Dass es “Entwicklungsfortschritte” je gegeben habe bestreiten dagegen afrikanische Ökonomen wie John Shikwati oder Dambisa Moyo. Beide fordern einen vollständigen Stopp der Entwicklungshilfe. Allein als Katastrophenhilfe – so wie jetzt in Haiti – seien Überweisungen in arme Länder sinnvoll, schreibt Moyo in ihrem Buch “Dead Aid”. Ständige und institutionalisierte Entwicklungshilfe sei dagegen fatal. Sie verhindere den Aufbau einer funktionierenden Wirtschaft in den Empfängerländern und schaffe allein für korrupte Diktatoren Stabilität. Sie wirft die Frage auf, weshalb die westlichen Staaten an dieser Politik festhalten, obwohl trotz Milliardenzahlungen der Geberländer die Einkommens- und Wirtschaftsdaten in der Dritten Welt immer weiter sinken.

Eine ihrer wichtigsten Antworten ist eine schallende Ohrfeige für Entwicklungspolitiker und die Armada von Hilfsorganisationen. Es gebe inzwischen eine globale Entwicklungshilfeindustrie, deren Lobby in Europa und den USA nichts anderes mehr zulasse. Politiker würden sich lieber im Glanz von Musikern wie Bono oder Bob Geldof sonnen statt Einfuhrbeschränkungen und Zölle abzuschaffen und so die westlichen Märkte für Produzenten aus Afrika und anderswoher zu öffnen.

Tatsächlich gibt es sogar aus dem erdbebenzerstörten Haiti Bilder, die eine eitle und überflüssige Bürokratie zeigen. Eines der ersten Flugzeuge, das auf dem gerade wieder hergerichteten Flughafen von Port-au-Prince landete, war eine Maschine der Vereinten Nationen. Die erste Aktion der Funktionäre bestand darin, das Flugzeug und die Gangway mit Transparenten behängen zu lassen, auf dass die Fotografen das Logo der Uno-Organisation gut vor die Linse bekommen. Angesichts der schieren Not im Land war das eine zynische Geste. Sie passt so gar nicht zu der Würde und dem Engagement von Clooney und den anderen Stars der Hope-For-Haiti-Gala. Und sie wirft die Frage auf, ob Haiti nach der Erdbebenkatastrophe das nächste Dauerprojekt der westlichen Entwicklungshilfeindustrie wird.

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