Der Modus Vivendi ist mal wieder derselbe wie bei anderen rechtsextrem motivierten Terroranschlägen. Ein Einzeltäter besorgt sich eine Waffe und ermordet Menschen, die er anhand eines rassistisch gestrickten Rasters auswählt. Er hinterlässt eine Art Erklärung, Vermächtnis, Manifest, Theorie, Begründung, Rechtfertigung oder wie man das sonst nennen möchte. Er hat seine Tat – vermutlich – im Alleingang geplant und ausgeführt. Und er war – vermutlich – gleichwohl in ein gedankliches Netz eingebunden, in das auch der NSU gehörte, der Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke, der Münchner OEZ-Attentäter David Sonboli, der Norweger Anders Breivik und weitere quer über den Globus.

Wo das Konzept des „führerlosen Widerstands“ seinen Anfang nahm, ist nicht eindeutig zu beantworten, aber vermutlich darf der US-Nazi William Pierce (Foto) als Erfinder und Inspirator gelten. Pierce verfasste einen Roman, in dem der Held als einsamer Wolf ebenfalls mordend herumzieht. Der Held gründet mit wenigen Getreuen eine kleine Zelle, die eigenständig agiert. Im Laufe der Zeit finden sich die Zellen zu einer großen Armee zusammen. Die Armee kann sich Atomwaffen beschaffen. Mit denen zerstört sie dann die beiden Zentren von „ZOG”. ZOG steht für Zionist occupied government, also quasi die jüdische Weltverschwörung. Die beiden Zentren von „ZOG“ sind für Pierce New York und Tel Aviv. Als diese beide Städte und große Flächen der Welt verwüstet sind, ist der Krieg gewonnen. Die Menschheit ist zwar enorm dezimiert, aber sie kann in einer Katharsis neu, weiß, ethnisch rein und ohne dunkelhäutige Mitmenschen von vorn beginnen.

Spätestens seit dem NSU-Prozess ist dieses Konzept jedenfalls denjenigen bekannt, die sich halbwegs ernsthaft mit dem Stoff beschäftigt haben. Der Pierce-Roman fand sich auf den Computern der NSU-Terroristen und bei praktisch jedem aus der engeren oder weiteren Unterstützerszene. Die Thüringer Neonazis Tino Brandt und Hendrik Möbus und der sächsische „Hammerskin“ Mirko Hesse kannten Pierce persönlich. Hesse, weil seine Gruppe enge Bindungen in die USA unterhielt. Möbus, weil er vor der deutschen Justiz in die USA floh und Hesse ihm den Kontakt zu Pierce anbahnte. Brandt, der auf Kosten von Pierce eingeflogen wurde, um als Leumundszeuge die Ausweisung Möbus’ nach Deutschland zu verhindern (was aber nicht klappte). Alle drei, Brandt, Möbus und Hesse, pflegten auf diese oder jene Weise Verbindungen zum NSU (auch, wenn Möbus versuchte, mir zu verbieten, derartiges zu behaupten, dabei aber leider auf die große Klappe fiel).

William Pierce starb zwar im Jahr 2002, aber seine Idee scheint noch ziemlich lebendig zu sein. Das ist insofern teuflisch, als niemand wissen kann, wie viele führerlose, bewaffnete Widerständler noch so unterwegs sind. Man weiß es einfach nicht. Man kann es auch nicht herausfinden. Die einschlägigen Szenen sind für diese Sorte Anschlag wenig relevant. Es gibt keine Zugänge für Geheimdienste oder Polizei, weil diese Leute sich nicht auf systematisch auswertbare Weise verbreiten. Der eine schreibt absonderliche Dinge in ein Blog, der nächste produziert schräge Videos, wieder einer chattet in Spieleforen, der nächste plaudert mit Kollegen. Als einzige halbwegs belastbare Gemeinsamkeit mag durchgehen, dass diese Sorte Täter fast immer männlich ist und auf die eine oder andere Weise als verhaltensauffällig gelten kann. Der Hanauer Attentäter lebte als 43-Jähriger noch bei seiner Mutter. Aber daraus ergeben sich keine Ansätze, solche Leute im Vorhinein zu identifizieren.

In Deutschland gab es eine ähnliche Konstellation auch schon mal von links, nämlich mit den Revolutionären Zellen (RZ). Wikipedia definiert die RZ fälschlich als „Terrorgruppe“, erklärt dann aber doch zutreffend, dass deren „Mitglieder“ sich nach außen nicht zu erkennen gaben, normale Berufe hatten, dezentral agierten und sich als „Feierabend-Terroristen“ verstanden. Die RZ verbreiteten ein ähnlich mulmiges Gefühl wie es die führerlosen Widerständler rechts heute zu verbreiten trachten. Staat und Gesellschaft sollen sich hilflos fühlen. Niemand soll wissen können, wer wann wo gegen wen zuschlagen könnte.

Kurzfristig und taktisch ist dagegen wohl kaum etwas zu machen. Anders sieht es wohl aus, wenn es um die strategische, langfristige Bekämpfung dieser Form des Terrorismus geht. Die RZ gaben auf, als sie das Gefühl hatten, um sie herum finde sich keine Szene mehr, die sie für geistigen Rückhalt brauchten. Das Gefühl, sich ausgeliefert zu fühlen, drehte sich auf sie. Sie mussten mehr und mehr fürchten, ihre Ideen könnten sie verdächtig machen. Es gab immer weniger Freunde, mit denen man wenigstens abstrakt über die Möglichkeit von Gewalt sprechen konnte.

Dieser Sumpf existiert dagegen derzeit auf der rechten Seite. Die allgemeine Unzufriedenheit mit Staat und Medien, die Hinnahme offensichtlicher Widersprüche, eine Art Endzeitgefühl zum Ende der Groko- und Merkel-Ära schafft den Rahmen.

Auf der rechten Seite zeichnet sich der Staat zudem durch veritables, strategisches Dauerversagen aus Gründen der staatstragenden Gesichtswahrung aus. Die Bundeskanzlerin versprach nach dem Auffliegen des NSU rückhaltlose Aufklärung und sah dennoch zu, wie ihre eigene Behörde Bundesverfassungsschutz dafür notwenige Akten schredderte. Ich hörte von Warnungen ausländischer Dienste, die das Bundeskanzleramt brüsk ausgeschlagen haben soll. Dass ein hessischer V-Mannführer während eines der NSU-Morde in Kassel zeitgleich oder annähernd zeitgleich am Tatort war führte zu beschämend lächerlichen Konsequenzen. Bis heute beschäftigt der Bundesverfassungsschutz einen Mann, der die Szene um den NSU von Anfang an genau kannte und die Berichte der Landesämter dazu sammelte.

Hinzu kommt die staatstragende Bräsigkeit eines wesentlichen Teils der deutschen Medien. Nach dem Hanauer Anschlag fehlt es an der Schärfe der Analyse, basierend auf Faktenwissen. Stattdessen debattieren Kollegen um die Zulässigkeit dieser oder jener Adjektive in journalistischen Texten zu Hanau. Schreiben wir fremdenfeindlich oder rassistisch? Der Nachrichtenchef der dpa verfasste dazu auf Twitter sogar einen ganzen Thread.

Wie wäre stattdessen mal eine Debatte über ausreichend finanzierte, tiefschürfende und skrupellose Recherche zu hintergründigen Fakten? Statt einer Debatte über Adjektive, die in journalistischen Texten ohnehin fast immer deplatziert sind?

Wie wäre es, weniger aus Presseverlautbarungen von Behörden zu schöpfen statt aus Akten, die die Behörden zu verschließen trachten?

Aber das ist vermutlich ein frommer Wunsch. Es wird weitergehen wie immer. Es wird einen Wettbewerb um die schönsten Empörungs-Floskeln geben, aber keinen Wettbewerb um die klarsten Perspektiven.

Bild: Robert Hartnell/Wikipedia CC BY-SA 3.0
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