Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft, stellte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung im März 2008 fest. Jetzt, zwei Jahre später, hat die Journalistin Ulrike Herrmann daraus ein Buch gemacht, das sie in einem Gastkommentar auf Spiegel Online mit einer sehr steilen These verkauft. Die Mittelschicht sei selbst schuld, schließlich stelle sie die meisten Wähler und bekomme nur die Regierung, die sie selber bestimme. “Die Mittelschicht kann nicht nur Opfer, sie muss auch Täter sein”, behauptet Herrmann. “Sie selbst ist es, die für eine Steuer- und Sozialpolitik stimmt, die ihren Interessen völlig entgegengesetzt ist.”

“Aber warum stimmt die Mittelschicht gegen ihre eigenen Interessen”, fragt die Autorin, verweigert jedoch die Antwort auf diese spannende Frage. Dass Medien und Lobbyisten die Mittelschicht “gezielt verwirren” könnten, bestreitet sie mit einer verwirrenden Begründung: “Zeitungen müssen gekauft, Sendungen gesehen und Lobby-Botschaften müssen erst einmal geglaubt werden”. Wohl eher unfreiwillig kommt Herrmann dem Casus knacktus damit schon sehr nahe, ohne freilich den Mut (oder Willen?) zu besitzen, Tacheles zu reden.

Welche Partei sollte ein Mittelschichtler denn wählen, um seine Interessen zu wahren? Und welche Fernsehsendung sehen oder welche Zeitung lesen? Etwa die Taz, bei der Ulrike Herrmann hauptsächlich tätig ist und die im Zweifel das Lobby-Kampfblatt der Hartz-4-Schicht ist, jegliches Ausufern staatlicher Wohltaten begrüßt und sich noch nie darum geschert hat, wer – nämlich die Mittelschicht – dafür zahlt? Oder das öffentlich-rechtliche Fernsehen, dessen GEZ-Zwangsgebühr unter dem Strich vor allem die Mittelschicht berappt und das als Lobby in eigener Sache ja auch recht schamlos auf der eigenen, sprich GEZ-finanzierten Plattform seine Interessen vertritt? Das Privatfernsehen mit seinen Unterschichtprogrammen dürfte Frau Herrmann wohl auch nicht meinen, ebensowenig den elitär-staatsnahen Deutschlandfunk. Die Mittelschicht mag zwar die meisten Wähler stellen, aber ein Medium, das ihre Interessen vertritt, hat sie gewiss nicht.

Eine ihr nahestehende politische Partei ebenfalls nicht. Ulrike Hermann macht es sich hier einfach und betrachtet die Sache gleich aus der Perspektive der Parteien, nicht aber der der Mittelschichtler: “Die Politik” wisse, “dass Wahlen nur mit der Mittelschicht zu gewinnen sind, weswegen alle etablierten Parteien auf die ‘Mitte’ zielen.” Angesichts der Themen, die die Parteien hauptsächlich bringen, nämlich vor allem die Hartz-4-Debatten, fällt ihr dafür dann auch nur ein einziges Beispiel dafür ein: “Die FDP etwa warb im vergangenen Bundestagswahlkampf mit dem Slogan ‘Die Mitte stärken'”. Das ist nun wirklich dreist. Ulrike Herrmann verlangt vom wählenden Mittelschichtler, dass er einen billigen Wahlslogan mal so einfach glaubt, ignoriert auf der anderen Seite , dass die großen Volksparteien “der Mitte” genau diese Schicht in ihrer Politik ignorieren. Wenn es denn so etwas Verallgemeinerbares gibt wie “Die Politik”, dann ist das die Vertretung der Interessen von Ober- und Unterschicht auf Kosten der Mittelschicht. Wen die Mittelschicht auch immer an die Regierung wählt – das Resultat ist immer dasselbe, seit Jahrzehnten. Die relevanten Beispiele aus der letzten Zeit sind die endlose Hartz-4-Debatte (unten) oder das jüngste Steuerprivileg für Hoteliers (oben).

Der Rat, den Ulrike Herrmann erteilt, wirkt denn auch etwas hilflos und ist alles andere als eine Wahlempfehlung. “Die Mittelschicht wird so lange für die Reichen zahlen, wie sie sich zu den Reichen zählt”, schwadroniert sie daher. Praktisch ist diese Aussage völlig bedeutungslos, und angesichts der Kostenanteile für Sozial-Transfers von – je nach Rechenweise – bis zu 80 Prozent der liquiden Steuereinnahmen ist sie pure Demagogie. Ihre Annahme, die Mittelschicht, der sie ein Nettoeinkommen von 1000 Euro monatlich (Single) bis 4600 Euro (Familie mit zwei Kindern) zurechnet, fühle sich mit den Reichen in einem Boot, ist völlig an den Haaren herbeigezogen. Die Autorin verwechselt Zugehörigkeitsgefühl mit Hoffnung. Dass der Mittelstand sich nach unten abgrenzt, liegt daran, dass er den Absturz fürchtet. Dass er der Oberschicht nacheifert, lässt sich mit dem Ehrgeiz erklären, dorthin aufzusteigen. Genau genommen predigt die Autorin die Spaltung der Gesellschaft und eine Umorientierung nach unten. Darin steckt der übliche kulturrevolutionäre Umerziehungswahn der 68er.

Dabei ist Frau Herrmann selber übrigens höchst geschäftstüchtig. Neben ihren Gastkommentar hat Spiegel Online zufälligerweise einen “Buchtipp” platziert. Mit einem Klick kann der geneigte Leser im Spiegel-Onlineshop das neue Buch von Ulrike Herrmann bestellen. Auf eine derart gekonnte Vermischung redaktioneller und kommerzieller Interessen muss man auch erstmal kommen. Frau Herrmann jedenfalls scheint in der Oberschicht gut angekommen zu sein.

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