Früher, als die DDR noch existierte, war es Journalisten streng verboten, auf eigene Faust dort loszuziehen und zu recherchieren. Jeder Reporter musste sein Vorhaben genehmigen lassen. Für diesen Zweck gab es in der Berliner Mohrenstraße eine spezielle Dienststelle mit angeschlossenem Presseclub. Die Leute, die dort herumsaßen, waren im wesentlichen Schleimer und Verlautbarer. Leute, die die Wunschagenda der SED für ihre Themenzettel übernahmen und Stücke über Planüberfüllung in Kombinat X verfassten oder aus irgendwelchen ZK-Beschlüssen Kaffeesatzleserei über die Machtverhältnisse zusammenspekulierten. Auch fest in Ost-Berlin akkreditierte West-Journalisten fanden sich da.

Ich gehörte nur gelegentlich dazu, wenn ich zu größeren Anlässen mit einem befristeten Journalistenvisum in den Osten fuhr. Das Visum regelte genau, wo in der DDR ich mich aufhalten durfte. Darauf habe ich meistens gepfiffen. Zum 40. Jahrestag im Jahr 1989 hatte ich ein Arbeitsvisum, das nur für Ost-Berlin galt, nicht aber für den Rest der DDR. Es waren die letzten Tage der Diktatur. Die Leute flohen in Massen. Die Führung tat so, als sei das ein Trugbild. Sie verschickte täglich Listen von offiziellen Terminen und Stellungnahmen, die aus einer abgeschotteten Parallelwelt stammten. Mich interessierten dagegen die Demonstrationen des Neuen Forums. Dann hörte ich gerüchteweise, in Dresden seien auf dem Hauptbahnhof Menschen zu Tode gekommen, die versuchten, einen der Züge anzuhalten, die mit den Prager Botschaftsflüchtlingen gen Westen fuhren. Also ging ich zum Berliner Ostbahnhof und setzte mich in den nächsten Zug nach Dresden. Es war schon Abend. Ich fand das Gerücht bestätigt. Ich habe mir dann ein Zimmer im Interhotel Stadt Dresden genommen (was eine Geschichte für sich ist) und meinen Bericht nach West-Berlin telefoniert, wo er dann im Radio gesendet wurde. Bei anderen Gelegenheiten fuhr ich mit einem Touristenvisum zu Kirchentagen in der DDR, besuchte Umweltgruppen (die nur so hießen, in Wahrheit aber politische Opposition betrieben) oder schmuggelte Fotos oder Manuskripte über die Grenze.

Letzteres war vielleicht das Riskanteste. Alles andere war lässlich. Dass die DDR Bescheid wusste, haben die Genossen mir ziemlich direkt mitgeteilt. Eines sehr frühen Morgens, als ich nach Erfurt fahren wollte, ging ich zu Fuß über den damaligen Grenzübergang Oberbaumbrücke. An der ersten Sperre gab ich meinen Ausweis ab. Als ich ihn an der zweiten Sperre zurückbekam, fragte mich der Grenzer: „Na, Herr Lenz, heute privat hier?“ Lenz war mein Pseudonym beim Rias. Ich antwortete: „Ja, wie immer.“

Kollegen, die mir vorwarfen, ich sei leichtfertig, fahrlässig oder verantwortungslos, habe ich nie verstanden. Ich habe sie sogar verachtet, und das tue ich bis heute. Journalisten, die der Agenda der Diktatoren gehorchen, sollten lieber Pressesprecher werden oder über Jahrestagungen von Kaninchenzüchtern berichten. Diktatoren haben gute Gründe, jegliche journalistische Betätigung genehmigungspflichtig zu machen. Wer diese Vorschriften befolgt, kann keinen Bürgerrechtlicher befragen, keinen politisch Verfolgten vorstellen, keine Unterdrückung aufdecken. Immerhin stand die DDR unter Aufsicht, das Risiko war darum überschaubar. Die Kommunistenführer wollten es sich schließlich nicht mit ihren Westmark-Spendern in Bonn verderben. Wenn es einmal Ärger gab, folgte der eingespielten Ritualen. Das Ärgste, was mir passieren konnte, wären ein paar Tage in der Verhörzelle gewesen, gefolgt von einer pompösen Freilassung in aller Öffentlichkeit. Da taten die Genossen dann doch lieber so, als wüssten sie nichts von meinem Rias-Pseudonym.

Anders liegt die Sache im Iran von heute. Die Regeln im Innern sind dieselben wie damals. Wer offiziell als Journalist arbeiten will, muss für jede Recherche eine Erlaubnis beantragen. Wie das eben in Diktaturen üblich ist. Wer sich an solche offiziellen Regeln hält, wird also nie ein Interview mit einer Frau führen können, die wegen Ehebruchs zu Tode gesteinigt werden soll. Das gibt es nur dann, wenn man die Regeln der freien Gesellschaft und wahrhaftiger Information über den Wunsch der Diktatoren nach Manipulation und Hofberichterstattung stellt. Anders als damals in der DDR ist das Risiko für Journalisten, die ihren Job ernst nehmen, dort bedeutend größer. Denn die Teheraner Führung schert sich nicht um ihr Ansehen im Westen und kann keinen westlichen Geldsack verprellen, weil sie keinen hat.

Womit wir bei einem aktuellen Fall wären. Im Iran wurden zwei deutsche Journalisten verhaftet. Wenigstens einen von ihnen kenne ich. Wenn es stimmt, was dazu momentan zu lesen ist, haben die beiden recherchiert, ohne den Staat um Erlaubnis zu fragen. Das ist mutig, ehrenvoll und anerkennenswert. Die meisten, die ich kenne, wären dafür zu feige. Ich habe vollen Respekt für diese Kollegen. Ich wünsche ihnen, dass es ihnen nicht zu übel ergeht und sie bald wieder frei sind. Und ich hoffe, dass unser Außenministerium, dessen Fähigkeiten beim Einsatz für Deutsche in Schwierigkeiten im Normalfall ja eher unterentwickelt sind, jetzt einen besseren Job macht als in anderen Fällen.

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