Starker Tobak, was der Vorsitzende Mannheimer Landrichter Michael Seiding in seiner Urteilsbegründung „den Medien“ vorhielt. Dabei kann man wirklich nicht sagen, dass die Berichterstattung ungewöhnlich reißerisch gewesen wäre. die Staatssender brauchten eine Weile, um herauszufinden, wie sie mit dem Vorwurf gegen eine ihrer Gallionsfiguren umgehen sollten. Private Medien, vor allem Zeitungen und Magazine, berichteten mit viel Aktenkenntnis (woher die auch immer stammte). Auch die Bild, die sonst gern pauschal angegriffen wird, hatte mit Alice Schwarzer als Gerichtsreporterin eine gute Wahl getroffen (man kann anderer Meinung sein als sie, aber das sagt nichts über die Qualität ihrer Berichte). Dennoch gipfelte Richter Seidlers Kritik in der Feststellung:

„Mit öffentlicher Kontrolle der Gerichte durch die Medien hat diese Form der Medienarbeit nichts zu tun“.

Dieser Satz ist bedenklich, weil hier jemand über die Kontrolle der eigenen Tätigkeit spricht.  Daraus lässt sich lesen, dass er sich seine Kontrolleure gern selbst aussuchen würde.

Seidler räumt immerhin ein, dass manches am Prozessverlauf die Berichterstattung erschwerte. Er nannte die elf ehemaligen Kachelmann-Geliebten, die als Zeuginnen im Prozess aussagten, jedoch fast durchweg unter Ausschluss der Öffentlichkeit, was eigentlich nur in Ausnahmefällen möglich ist. Die Öffentlichkeit von Gerichtsverfahren gilt als heiliger Grundsatz, weil ein Urteil  nur „im Namen des Volkes“ gesprochen werden kann, wenn das Volk beobachten darf, wie es entsteht. Die Folgerung, die Richter Seidling zieht, ist allerdings  abwegig:

„Dies (der Ausschluss der Öffentlichkeit) hätte jedoch umso mehr Anlass zur Zurückhaltung bei der Berichterstattung sein müssen. Die Kammer hätte vor allem in diesem Zusammenhang von Seiten der Medien mehr Verständnis für die Belange des Strafprozesses erwartet“.

Das entspricht nicht der Rolle eines unabhängigen Beobachters. Es ist vielmehr völlig legitim, den Ausschluss der Öffentlichkeit aus einem Strafprozess zu hinterfragen. Zudem war es schon fragwürdig, all dieses Ex-Geliebten überhaupt zu Zeuginnen zu machen. Sie hatten mit der angeklagten Vergewaltigung ja nichts zu tun. Das sehen auch manche Juristen so, etwa der Hamburger Strafrechtler Gerhard Strate. Der hielt dem Gericht auch vor, dass er das Verfahren sogar mit diesen Leumundszeuginnen begonnen hat, statt, wie meistens üblich, zuerst die Belastungszeugin zu hörten. Der Richter antwortete in seiner Begründung, die Strafprozessordnung sehe keine Reihenfolge vor. Mag sein, beantwortet aber nicht die Frage, warum er so entschied. Seidler geht auch darauf ein, dass drei dieser Zeuginnen gegen Geld Interviews gaben, nachdem sie hinter verschlossenen Türen aussagten. Sie hätten sich „ihrer Persönlichkeitsrechte – jedenfalls teilweise – begeben“. Freilich wendet Seidling auch diesen Vorwurf gegen „die Medien“, denn sie hätten den Eindruck verstärkt, die Kammer habe „die Öffentlichkeit in exzessiver Weise ausgeschlossen“ .

Dabei, so der Richter, habe das Gericht nur die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten schützen wollen. Auch Herr Kachelmann und seine Verteidiger können nicht ernsthaft gewollt haben,

„dass das Beziehungs- und Intimleben des Angeklagten der Allgemeinheit in allen Einzelheiten durch eine Vernehmung der Zeuginnen in öffentlicher Verhandlung zugänglich gemacht worden wäre.“

Umso drängender die Frage, warum das Gericht vorging, wie es vorging. Überdies waren die sexuellen Vorlieben Kachelmanns da längst bekannt. Ausgewählte Medien hatten stapelweise Unterlagen aus den Prozessakten erhalten, darunter diverse Gutachten und Protokolle. Die Staatsanwaltschaft, von Seidling ausdrücklich in Schutz genommen,  bestreitet zwar, die Quelle zu sein, aber die Verteidigung konnte, da sieht auch Seidling, konnte kein Interesse an der breiten Erörterung der Eskapaden des Angeklagten haben.

PS. Mit einigen Vorwürfen gegen Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn hatte Seidler freilich recht. Schwenn hat das Verfahren zeitweise zur absurden Show gemacht.

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