Urlaub heißt für freie Journalisten, einerseits Geld für die Reise auszugeben, andererseits während der Reise keines zu verdienen. Weihnachtsgeschenke werden aus dem üblichen monatlichen Cash-Flow bezahlt (bei vielen eher ein Rinnsal), weil Freie selbstverständlich kein Weihnachtsgeld, kein 13. oder 14. Monatsgehalt bekommen. Kündigungsfristen oder irgendeine Form von formaler Sicherheit haben Freie natürlich auch nicht, und wenn sie einmal krank werden, sollten sie vor der nächsten fälligen Miete möglichst wieder gesund sein. Das alles wäre vermutlich kein großes Problem, gäbe es nicht die Kaste der Festangestellten, die nach Tarif bisher 13,75 Gehälter pro Jahr erhalten bei sechs Wochen (oder mehr) bezahltem Urlaub und natürlich bezahlter Krankenzeit. Die umfassende Sicherheit der einen Gruppe geht zu Lasten der anderen, und den Zusammenhang bestreitet niemand, außer diversen Festen.

Da gab es etwa vor einiger Zeit in der Honorarabteilung einer Zeitung, für die ich arbeite, eine Software-Umstellung, und natürlich kamen dann vorübergehend die Honorare nur zögerlich aufs Konto. Das war sicher kein böser Wille, aber meine Frage, ob man diese technisch von mir aus verständliche Panne gleichermaßen entspannt akzeptiert hätte, wenn die Gehälter der Festangestellten verspätet ausgezahlt worden wären, traf auf völliges Unverständnis. Das sei doch etwas ganz anderes. Sogar Betriebsräte denken so.

Dieser Satz ist kein Ausrutscher, sondern bei vielen (nicht allen) tiefe Überzeugung. Auf Seiten der Festangestellten kämpfen lobbystarke Gewerkschaftsbataillone, die eben herausholen, was geht. Das sparen die Verlage da ein, wo sie können, eben dort, wo sie für manchmal schämenswerte Tagessätze Freelancer heranholen, ohne, dass sich irgendjemand schämte – auch nicht die festen Kollegen am selben Tisch, die etwa von Urlauben erzählen, von denen nicht einmal gut verdienende Freie noch träumen, womöglich, während sie einen Leitartikel über die klaffende Schere zwischen arm und reich dichten. Da gibt es Betriebsräte, die manchmal lächerliche Pups-Probleme aufblasen, sofern festangestellte Redakteure davon betroffen sind. Da wird gejammert, wenn Feste nicht nur an wirtschaftlichen Erfolgen teilhaben, sondern auch ihr Schärflein beitragen sollen, wenn die Geschäfte mal nicht so laufen. Für Freie ist das Normalzustand. Ich wüsste nicht, wann eine Redaktion zuletzt Tagessätze oder Texthonorare auf breiter Basis erhöht hätte, auch nicht als Ausgleich für steigende Preise, was für Feste Jahr für Jahr selbstverständlich ist.

Die Lobby der Festen ist unsolidarisch. Darum erlaube ich mir, die anstehenden Arbeitskämpfe in den Redaktionen aus meiner Perspektive zu bewerten – als Zwergenaufstand der Besitzstandswahrer. Von „Ausbeutung“ zu sprechen, wie das gerade bayerische Zeitungsredakteure tun, ist maßlos.

6 Kommentare
  1. Stefan Aigner sagte:

    Hallo,

    nachdem hier auf meinen Text verlinkt wird und etwas missverständlich formuliert wird, dass hier bayerische Zeitungsredakteure von Ausbeutung sprechen, möchte ich nur klarstellen, dass ich selbst freier Journalist bin, die beschriebenen Bedingungen als Freier zur Genüge kenne und in dieser Eigenschaft trotzdem von „Ausbeutung“ spreche und schreibe. Wenn’s den Festangestellten schlechter geht, wird die Situation keines einzigen Freien besser.

    Nach dem Motto zu verfahren „Mir geht’s schlecht, warum soll’s den anderen nicht genau so gehen“ und so verstehe ich das oben stehende Plädoyer, ist eine Form von Egoismus, die nicht einmal etwas bringt, außer vielleicht die Freude darüber, dass es den „Festen“ eben jetzt auch mal so geht, wie man’s selbst schon lange gewohnt ist. Nachvollziehbar, aber irgendwie kurzsichtig

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    • bitterlemmer sagte:

      Hallo Stefan, das sehe ich anders. Wer jammert, er habe nur noch 13 statt 13,75 Monatsgehälter oder beklagt, der Jahresurlaub werde auf 30 Tage gedeckelt, lebt in einer anderen Welt. Die Konsequenz solchen Verhaltens ist sehr simpel. Sie besteht darin, dass Verlage praktisch keine Festverträge mehr vergeben und Nachwuchsleute derzeit kaum Entwicklungschancen haben. Die Branche ist rückwärtsgewandt und auf Festhalten ausgerichtet, auf Seiten vieler fester Redakteure, der Gewerkschaften und auf Seiten vieler Verlagsleitungen. Dieses Phänomen ist auch nicht allein für die Zeitungsbranche typisch. Andernorts ist es ähnlich oder gleich. Nehmen wir den Kündigungsschutz: Der ist derart überzogen, dass selbst Leute an der Grenze zur Arbeitsverweigerung nicht entlassen werden können, wenn sie nur lange genug im Laden sind. Solche Strukturen begünstigen Stillstand und zementieren die von mir beschriebenen Verhältnisse. Übrigens bin ich freiwillig Freier, an einer Festanstellung bin ich aus anderen Gründen nicht interessiert.

      PS. Wie kommst Du auf die Idee, wir seien die „4. Gewalt“? Nach meinem Berufsverständnis berichten wir über die staatlichen Gewalten, sind aber keine und sollten auch keine sein wollen.

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  2. Stefan Aigner sagte:

    Freiwillig Freier bin ich auch, das am Rande. Puh. Und 4. Gewalt versteh ich insofern, dass ein Bestandteil unserer Arbeit die Kontrolle der übrigen drei Gewalten sein sollte.

    Jetzt ne Diskussion über das Für und Wider von Kündigungsschutz und Arbeitnehmerrechten zu führen, geht schon etwas weit.

    Aber allein aus der Erfahrung heraus, wie Freie von den Verlagen behandelt werden, stehe ich einem Abbau von Privilegien der Festangestellten ablehnend gegenüber. Und die Vorstellungen der Verlage dazu, wie weit das Gehalt runter soll (wenn man alles zusammennimmt ist das eben ein Drittel), dass Berufsjahre keine Rolle mehr spielen sollen etc. sind einfach unverschämt; zumal die Geschäfte aller Jammerei zum Trotz gut laufen; Ausbeutung mag angesichts der momentanen Gehaltsstruktur überzogen klingen, aber mit Blick darauf, wohin die Reise gehen soll, ist er durchaus gerechtfertigt.

    Generell bin ich ein Verfechter von etwas mehr Solidarität untereinander, egal ob nun fest oder frei, auch wenn das jeweilige Gegenüber in einer anderen Welt leben mag…

    Ich geb Dir recht: Flexibel sind in der Branche nur wenige, aber das wäre ein etwas abendfüllenderes Thema.

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  3. Annett Schröder sagte:

    hat da Jemand Lange Weile ? Oder zu viel (noch) bezahlte Freizeit ? Schon vor 20 Jahren habe ICH im Urlaub Geld ausgegeben, und natürlich in dieser Zeit nichts verdient, weil ich ja im Urlaub auch nicht arbeite ! Welcher Chef, welcher Konzern und hoffentlich auch bald in der Zukunft, welcher Staat (für alle Beamten), gibt Geld für Erholungssuchende, Faulenzer und urlaubsreife Schwächlinge aus ? Ich persönlich hoffe Niemand, weil sich der Kommunismus doch nicht durch gesetzt hat … Warscheinlich liegt es nur daran, dass sich einige Individuen noch nie in die Lage eines Arbeitgebers versetzen mussten. Oder, Gott sei Dank, ist das so. http://de.wikipedia.org/wiki/Kapitalismus

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  4. Stefan Aigner sagte:

    @Annett Schröder

    Urlaubsgeld ist also Kommunismus? Na dann herzlich willkommen im Kommunismus. Das gibt es nämlich schon, zumindest für Festangestellte.
    Was sind „urlaubsreife Schwächlinge“? Oder was soll das heißen?
    Ganz schöner Käse, das….

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