Es ist eine gewagte Aussage, zu der sich der Kollege Holger Schmidt vom SWR als sachverständiger Zeuge im NSU-Untersuchungsausschuss hinreißen ließ. Die Polizistin Michèle Kiesewetter sei nur zufällig in Heilbronn zum Mordopfer des NSU geworden. Das stehe für ihn fest, zitieren ihn mehrere Nachrichtenseiten und auch das Portal seines Senders. Zwar stamme Kiesewetter aus Thüringen, mehr Gemeinsamkeiten gebe es aber nicht. Schmidt liegt damit zwar auf der Linie der Bundesanwaltschaft, aber sogar dort spricht man eher von einer These, wenn es um die Frage geht, warum die Beamtin sterben musste.

Feststehen dürfte eher, dass der Fall bis heute viele Rätsel aufwirft und eben gerade nichts wirklich feststeht. Der Unions-Obmann des NSU-Bundestagsausschusses, Clemens Binninger, wirft etwa die Frage auf, warum Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt telefonisch ihr Wohnmobil bei der Mietwagenfirma verlängert hatten, als sie Ende April 2007 in Heilbronn unterwegs waren. Kiesewetter war ein paar Tage auf Heimaturlaub in Thüringen. Wenn sie ein Zufallsopfer war, warum haben die beiden Terroristen dann nicht einfach einen anderen Polizisten ermordet statt auf Kiesewetters Rückkehr nach Heilbronn zu warten? Und dann ist es ja auch nicht so, dass Michèle Kiesewetter einfach nur aus Thüringen stammt, sondern sie ist über Familie und Freunde mit dem engsten Umfeld des NSU und zu Uwe Böhnhardt verbandelt. Dubios ist nach wie vor auch die Zugehörigkeit einiger ihrer Polizei-Kollegen zum KuKluxKlan. Das alles kann Zufall sein oder nicht, aber man weiß es halt noch nicht. Man weiß, das gehört zur Wahrheit dazu, freilich auch nichts über ein Motiv, aus dem der NSU Kiesewetter als Mordopfer ausgewählt haben könnte. Das kann daran liegen, dass es keines gab, oder auch daran, dass es noch niemand ermittelt hat.

Ich möchte beileibe keine Verschwörungstheorien schüren, aber ich wäre ein bisschen vorsichtig mit voreiligen Festlegungen. Der Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg sollte sich besser an die Primärquellen heranwagen und nicht zu viel auf Journalisten als Experten geben. Wir kochen allesamt auch nur mit Wasser.

 

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