Kürzlich habe ich mich mit einem türkischen Freund, der politisch eher links steht, Erdogan nicht ausstehen kann, der sehr für die USA schwärmt, die PKK für eine stalinistische Terrortruppe hält und die IS-Leute manchmal terroristische „Kamelficker“ nennt, über Kobane unterhalten. Er gab zu bedenken, dass ein Verwandter von ihm gerade Wehrdienst in der Türkei ableiste und an der Grenze zu Syrien stationiert sei. Er wolle auf keinen Fall, dass der rüber gehe nach Kobane, um sich von den YPG-Leuten abschlachten zu lassen.

Die YPG-Leute, die in mehr oder weniger allen deutschen Nachrichtenmedien regelmäßig nur neutral als „kurdische Kämpfer“ bezeichnet werden, beherrschten bis zur Attacke der IS-Milizen ein Gebiet, das sie West-Kurdistan oder „Rojava“ nannten. Rojava gilt linken Revolutionsromantikern als eine Art neuer Garten Eden. In diversen Propagandamedien heißt es, das Leben dort sei basisdemokratisch, multiethnisch, multikulturell, feministisch, etc. pp. Wörtlich identische Formulierungen habe ich gelegentlich auch von Hörfunkkorrespondenten der ARD gehört.

Leute wie mein türkischer Freund beschreiben die Lage etwas anders. Die YPG sei ein militanter Flügel der PKK, dessen Anführer gern den inhaftierten PKK-Chef Özalan beerben würde. Das gelobte Rojava sei dem syrischen Diktator Assad in Wahrheit gemeinsam von PKK-Leuten und militanten Islamisten entrissen worden. Das System dort sei schlicht stalinistisch, und alle, die es nicht unterstützten, seien ermordet worden. Dann, als der gemeinsame Feind keine Rolle mehr spielte, habe der IS sich daran gemacht, auch die Kurden zu vertreiben. Es gehe in Wahrheit also gerade darum, welche von zwei Terrororganisationen ein Gebiet erobern könne.

Warum, fragte er, solle die Türkei da Partei ergreifen? Alles, was die Türkei wolle, sei, dass weder die eine noch die andere Gruppe das türkische Hoheitsgebiet überschreite. Nur darum, und aus keinem anderen Grund, habe die Armee ihre Panzer zur Grenze beordert.

Und dann fragte er noch, warum Frau Merkel und alle möglichen anderen europäischen Politiker nicht ihre eigenen Soldaten ins gelobte Rojava schickten und ob es nicht ein bisschen arg billig sei, genau das kategorisch auszuschließen und nur von der Türkei zu verlangen. Und Bomben aus Flugzeuge werfen – dafür brauche man keine Amerikaner, das könne die Türkei notfalls auch allein.

Grafik: Panonian

1 Antwort
  1. Joachim Adamek sagte:

    Nun, ich war nie im Irak und in Syrien gewesen, aber ich weiss, weil ich seit Jahren über den Balkan arbeite, dass Bürgerkriege so mit zum Schlimmsten gehören, was man sich an Gewalt, Widerwärtigkeit und Skrupellosigkeit vorstellen kann. Genauer, die Phantasie bleibt hier wirklich meist um Längen hinter der Wirklichkeit zurück. Ich habe Aussagen von Zeugen gelesen, die in Den Haag ausgesagt haben, dass Leute wegen einer Deutschmark umgebracht wurden, dass man Häuser bis auf den letzen Dachziegel geplündert hat, ja, dass selbst Unterwäsche eine begehrte Beute war. Für viele sind Kriege eine willkommene Gelegenheit, um Karriere und Profit zu machen. Ob auf dem Balkan, im Nahen Osten oder in der Ukraine, das dürfte kaum einen Unterschied machen. Wenn ich mich dennoch mit den Ereignissen in Syrien und Irak befasse, dann weil die Menschenverachtung des IS neue Rekorde aufstellt, schlimmer, als alle andere Gruppen, und jede Woche irgendwelche Youngsters in den Nahen Osten reisen, in der Hoffnung, die Welt mit ihrem Beitrag ein bisschen menschlicher zu machen. Diesen jungen Menschen rechtzeitig die Augen zu öffnen, sollte uns allen ein Anliegen sein, damit ihr Leben nicht für lange, sehr lange Zeit Schaden nimmt, wenn sie denn den Schlamassel überstehen. Der letzte Youngster, der aus den EU nach Syrien reisen wollte, wurde vor zwei Tagen in CZ aufgegriffen: Eine 16-jährige Niederländerin, im Zug, unterwegs nach Belgrad.
    Es war schön, mal wieder bei „bitterlemmer“ reingeschaut zu haben. Schade, dass in der Causa P.K. scheinbar keine Veränderung eingetreten ist. Ich könnte auf Anhieb leider noch vier weitere Fälle nennen, wo sich seit Jahren nichts tut, nur dass in drei Fällen irgendwann die Leiche gefunden wurde. Natürlich wünsche ich, dass unser „Mädchen“ irgendwann hoffentlich lebend gefunden wird. Die Chancen sind m.E. allerdings sehr, sehr gering — Schönes Wochenende!

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