Zweierlei gilt es zunächst festzuhalten – erstens: Die Kölner Polizeiführung hat Medien und Öffentlichkeit (Steuerzahler) über die Silvesterausschreitungen am Hauptbahnhof vorsätzlich belogen, glaubt man den empörten Beamten, die das jetzt öffentlich machten (und hier). Und zweitens: Das ZDF hat seine Zuschauer und auch alle nicht zuschauenden Gebührenzahler durch Verschweigen ebenfalls belogen, wie dessen stellvertretender Chefredakteur zerknirscht einräumte. Wie konnte es dazu kommen?

Zum Verständnis eine Rückblende: Als ich Anfang der 1980er Jahre mein Reporterleben begann, da war es üblich, auch Verdächtige mit vollem Namen in jedem Artikel zu nennen. “Namen sind Nachrichten”, hämmerte mir mein Lokalchef bei der Berliner Morgenpost ein. Nach Möglichkeit wurde auch gleich seine ganze Lebensgeschichte erzählt – wie alt, Beruf, was hat er früher womöglich schon angestellt, wo stammt er her.

Die Dinge änderten sich. Nicht abrupt, sondern peu à peu. Zuerst wurde es schwieriger, die vollen Namen zu erfahren. Die Polizei ging dazu über, dem Vornamen nur ein Nachnamens-Initial anzufügen. Die Herkunft von Verdächtigen wurde in verallgemeinerter Form bekanntgegeben, etwa: “südländisches Aussehen”. Nach und nach fiel auch das weg. Die Begründungen dafür sind bis heute gängig und gewiss auch nicht ganz falsch: Verdachtsberichterstattung sollte niemanden öffentlich zu Unrecht stigmatisieren.

In den 1980er Jahren, das muss man dazusagen, konnte sich auch kaum jemand gegen eine Zeitung wehren, wenn sie etwas falsches schrieb. Im äußersten Fall setzte jemand eine Gegendarstellung durch. Die versteckten wir so gut wie möglich mit kleinen Buchstaben, winzigen Überschriften und unauffindbaren Platzierungen, möglichst zwischen irgendwelchen Anzeigen.

Aber mit der immer weiter reduzierten Informationslage änderten sich auch Gesetze und die Rechtsprechung. Irgendwann erstritten die ersten Protagonisten Schadensersatz oder Schmerzensgeld. Als in den 1990er Jahren das Internet populär wurde, da erfanden Gerichte den “fliegenden Gerichtsstand”. Das Hamburger Landgericht profilierte sich als regelrechtes Antimedien-Gericht, wo im Grunde jeder Recht bekam, auch, wenn er völlig zurecht medial kritisiert wurde.

Und noch etwas änderte sich: Seit den 1990er Jahren rückten Leute in die Redaktionen nach, die es nicht mehr schick fanden, möglichst kompromisslos Dinge offenzulegen, sondern die Rolle einer vierten staatlichen Gewalt zu spielen. Was als berechtigte Korrektur im Redaktionsbetrieb begann, entwickelte eine Eigendynamik.

Irgendwann, ich denke, es muss um die Jahrtausendwende gewesen sein, nahm der Trend die nächste Hürde und definierte ganze Gruppen von Menschen, denen zuliebe die Berichterstattung eingeschränkt wurde. Diese Steigerung vom individuellen Recht auf Persönlichkeitsschutz zum kollektiven Recht auf Sippenschutz war möglicherweise der entscheidende Schritt zu viel.

Der wurde und wird bis heute nämlich vor allem mit einem tiefen Misstrauen gegenüber dem eigenen Publikum begründet, in vielen Redaktionen “Die Leute” genannt. Es könnte “Die Leute” zu irgendwelchen Nazis ziehen, sollten sie diese oder jene Wahrheit erfahren. Oder auch: Man wolle “denen” – wer auch immer – “keine Plattform” bieten. An diesem Punkt haben wir uns meilenweit vom alten Ideal der freien Presse entfernt – im guten, aber auch im schlechten.

Zurück nach Köln und Mainz anno 2016: Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, was die Kölner Polizeiführer trieb. Weil es ihnen “politisch heikel” erschien, preiszugeben, dass sie bereits in der Silvesternacht von syrischen und afghanischen Asylbewerbern als Tatverdächtigen wussten, logen sie zunächst, alles sei friedlich gewesen. Weil sie aber keinen Deckel auf die Wahrheit bekamen, mussten sie auf Krisenmodus umschalten und die Fakten scheibchenweise rauslassen, sehr gezwungen und nach wie vor nicht vollständig.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch verstehen, was die Nachrichtenredakteure beim ZDF bewegte. Ob sie die Wahrheit nicht berichten wollten oder ob sie zu feige waren ist egal. Sie verschwiegen, was sie nach eigenem Eingeständnis ihres Hauses nicht hätten verschweigen dürfen. Es waren die unsäglichen Gedankenspiele über “die Leute” und “die Nazis”.

Es wird Zeit, die Debatte über die Freiheit der Medien neu zu führen. Die gut gemeinten Einschränkungen, die der Staat und wir Journalisten uns auferlegt haben, sind nicht mehr gut. Sie gehen viel zu weit, und zwar schon lange.

Und was haben sie eigentlich gebracht? Im besten Fall gar nichts. Im schlimmsten Fall zerlegen sie gerade den Rest des gesellschaftlichen Konsenses in unserem Land. Und nebenbei: In den 1980er Jahren, als sich Redakteure wenig um solche Ängste scherten, gab es trotz allem weder Pegida noch Nazis in den Parlamenten noch eine herumreisende rechtsradikale Killerbande.

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