Ich gebe zu, dass es so aussieht, als würde ich mich auf das Münchner Oberlandesgericht einschießen. Aber es ist auch fast unmöglich, das nicht zu tun. Aus Schaden klüger geworden habe ich tägliche Routinen entwickelt, um bloß sofort mitzubekommen, was über das neue Akkreditierungsverfahren für Journalisten zum NSU-Prozess verfügt werden könnte. Bisher nichts. Es ist absolut nichts zu hören. Wen immer man im Gericht anruft und fragt – komplette Stille. Es sei so still, dass es ein bisschen unheimlich sei, meinte jemand. Bei der Pressekonferenz letzte Woche fragte die Korrespondentin der SZ, Annette Ramelsberger, die beiden Pressesprecherinnen, ob der Vorsitzende Richter Götzl auch intern nur mit schriftlichen Verfügungen kommuniziere, und Pressesprecherin Nötzel sagte nicht wirklich nein dazu. Und jetzt kommuniziert er seit Tagen offenbar gar nicht mehr. Irgendwo im Innern des Dienstgebäudes wird er tagsüber wohl stecken, aber es kann ebensogut sein, dass er seine Tage woanders verbringt. Man weiß es einfach nicht.

Die Situation wirkt ein bisschen bizarr, und sie wird durch Hinweis auf die Unabhängigkeit des Gerichts nicht besser. Ein Richter darf mit der Öffentlichkeit sprechen, wenn er das möchte. Richter Götzl möchte nicht. Das ist sein gutes Recht, aber es ist nicht besonders klug. Es wirkt ein bisschen göttlich, aber auch Richter Götzl ist nur ein Mensch. Und die Auskünfte aus dem Gericht klingen ein bisschen wie die Kommentare von Vatikan-Berichterstattern beim Konklave. Man weiß nicht, was die Kammer gerade ausbrütet. Man weiß auch nicht, wie lange sie brütet. Erst recht nicht, woran sie brütet. Man liest von einem Vater, dessen Sohn mutmaßlich von den NSU-Terroristen erschossen wurde. Es handelt sich um den Betreiber des Internet-Cafés in Kassel, der plötzlich hinter seinem Tresen in seinem Blut lag und in den Armen des Vaters starb. Der Vater schrieb einen Brief an Richter Götzl und bat darum, den Prozess per Video in einen Nebenraum zu übertragen, weil er sichergehen wolle, dass er das Verfahren verfolgen könne. Der Mann ist kein Zuschauer, auch kein lästiger Reporter, sondern Nebenkläger und darum ein Beteiligter an dem Verfahren. Richter Götzl sagte nicht ja, er sagte auch nicht nein – er antwortete einfach nicht. Das muss er auch nicht, aber er wenn er wollte, dürfte er.

Warten wir also in Demut ab, wie die Kammer jetzt, zum verschobenen Start, in das Verfahren einsteigen will. Im Namen des Volkes.

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