Kein Berliner Bezirk ist so grün wie Kreuzberg. Bei der letzten Bundestagswahl konnte Hans-Christian Ströbele als einziger grüner Kandidat in Kreuzberg-Friedrichshain sein Direktmandat zurückerobern und bekam 46,8 Prozent der Wählerstimmen. Kreuzberg-Friedrichshain ist der einzige Berliner Bezirk mit einem grünen Bürgermeister, Franz Schulz. Mit 20 Verordneten ist die grüne Fraktion im Bezirk die mit Abstand größte. Wahlen werden hier mit globalen Themen gewonnen: Gegen Kapitalismus, gegen Globalisierung, aber für Klima- und Umweltschutz. Jedenfalls im Großen und Ganzen.

Im Kleinen sieht das etwas anders aus, nämlich eher wie eine wilde Mülldeponie. Die schlechte Berliner Angewohnheit, jeglichen Müll einfach fallenzulassen, ist hier besonders ausgeprägt. Kurioserweise scheint das niemanden besonders zu stören, wohl auch deshalb, weil es inzwischen zum normalen Straßenbild gehört, dass sich der Müll manchmal regelrecht türmt. Meine Kreuzberger Nachbarn gucken mich immer ein bisschen befremdet an, wenn ich gelegentlich versuche, das Gespräch auf diesen Umstand zu lenken. Und für Besucher aus saubereren Städten scheint es irgendwie Ausdruck von Freiheit und wildem Lebensgefühl zu sein.

Angesichts der beliebten Reden über Klima, Atomkraft oder Feinstaub (aus Autos, nicht aus Zigaretten) frage ich mich manchmal, ob das Motto „Think Global, Act Local“ wirklich ernstzunehmen ist. Ein guter Anteil meiner Nachbarschaft versteht unter „Act Local“ eher einen gelegentlichen Demo-Einsatz, sagen wir: Gegen die Versteppung der Region südlich der Sahara. Auch Mülltrennung ist bei bewussten Kreuzbergern ein großes Thema, aber nur dann, wenn sich der Müll noch in der Wohnung befindet. Draußen, vor der Haustür, wird dann munter alles durcheinander geworfen. Da liegt dann Essen neben Ölkanistern, Papierresten, Verpackungen, ausrangierten Fernsehern und ganzen Möbelstücken, das alles immer gern mit dem einen oder anderen Hundehaufen drapiert. In den letzten Wochen habe ich immer mal wieder Schnappschüsse fotografiert und frage mal in die Runde: Ist darauf das berühmte liberale Berliner Lebensgefühl zu sehen, oder ist es einfach nur eine Sauerei? Und interessiert es eigentlich jemanden, ob, wann und wer diesen Müll am Ende doch noch beseitigt?

2 Kommentare
  1. B-like-Berlin sagte:

    Zu dem ersten Phänomen kann man auch bei Werner Schiffauer nachlesen, dass sich die Berliner Linke immer lieber um die globale Lufthoheit als um die lokalen Probleme gekümmert hat:
    "In Berlin, wo die legitimen Interpreten der Kultur in der Mehrheit von außerhalb kamen, fehlte ein derartiger vergleichbarer Bezug völlig. Die Berliner Linke befasste sich mit globalen Problemen, nicht mit der Stadt." (Prof. Dr. Werner Schiffauer, Fremde in der Stadt, 1997)

    Das zweite Phänomen hat m. E. eine Wurzel in der alten West-Berliner Versorgungsmentalität.

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