Vor der iranischen Botschaft in Berlin

Am Ende passierte ein kleines Missgeschick, das ich leider noch nicht im Bild zeigen kann. Ein Kameramann hat es aufgenommen, aber sein Material habe ich noch nicht bekommen. Wir hatten 30 Minuten lang eine Videoschleife auf eine Leinwand projiziert, die auf dem Mittelstreifen der Berliner Podbielskyallee stand, frontal vor dem Gebäude der iranischen Botschaft in Berlin. Wir – 30 sehr bürgerliche Protestler ohne jegliche Demoerfahrung – und der Beamer standen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Einer war extra aus Darmstadt angereist. Ein anderer stellte sich als Jungliberaler aus Daun in der Eifel vor, der zur Bundesdelegiertenversammlung in Berlin sei. Auch einige iranische Flüchtlinge waren da. Elisabeth Herrmann, Journalistin, Buchautorin und frühere Kollegin, mit der ich das Happening organisiert hatte, verlas einen Brief an den Botschafter. Dann hörten wir noch ein paar Takte Imagine von John Lennon, sahen das Bild von Sakineh Ashtiani auf der Leinwand vor der Botschaft heranzoomen, die Bilder von Protestaktionen in Europa und Nordafrika, die Textfolien, die Freiheit für Sakineh Ashtiani, ihren Anwalt, ihren Sohn und die beiden in Teheran inhaftierten Berliner Journalisten fordern. Eigentlich wollten wir die Bilder auf die Fassade der Botschaft projizieren, aber das hatte uns die Berliner Polizei verboten.

Elisabeth hatte unsere Aktion ordnungsgemäß 48 Stunden vorher angemeldet, wie das Versammlungsgesetz es will. Offenbar führte sie ein längeres Gespräch mit dem Bearbeiter, der die Aktion wohl am liebsten untersagt hätte. Ich habe den Verdacht, dass sie mir das Telefonat etwas verharmlosend schilderte, aber immerhin erfuhr ich, dass es darin um internationale Verwicklungen ging, um Protest, der höheren Orts von iranischer Seite zu erwarten sei, und darum, dass nichts, auch nicht der dezenteste Lichtstrahl, auf die Fassade der Botschaft fallen dürfe. Das, so erfuhr Elisabeth am Telefon, werde auch streng überwacht werden. Ich musste mich ein bisschen zusammenreißen, als sie mir das erzählte. Erst recht, als sie beichtete, sie, ganz brave Bürgerin, habe in alles eingewilligt.

Was für eine bescheuerte Welt, dachte ich, in der ein Lichtstrahl auf der Fassade der iranischen Botschaft verboten werden muss. Der ein Protestbild gegen einen Vorgang schaffen soll, den Bertrand-Henry Lévy in der FAZ sehr vorsichtig, aber detailliert so schildert: Als die Scharia-Richter das Todesurteil gegen Sakineh Ashtiani verkündeten, verstand die offenbar nicht, worum es hier ging. Die Verhandlung wurde in Farsi geführt, das Urteil verkündeten die Scharfrichter auf arabisch. Ashtiani soll fröhlich und guter Dinge gewesen sein. Widerstandslos unterzeichnete sie das Dokument, offenbar nicht wissend, dass es sich um ihr Todesurteil handelte. Ashtiani gehört zur Volksgruppe der Aserbaidschaner. Ihre Sprache ist nicht Farsi, sonder Aseri. Auch arabisch versteht sie nicht. Irgendetwas hat sie glauben lassen, sie sei soeben freigesprochen worden. Als sie ins Gefängnis von Täbris zurückgebracht wurde, soll sie sogar gesungen haben. Mitgefangene hätten berichtet, niemand habe sich getraut, Ashtiani auf ihren Irrtum hinzuweisen. Das, schreibt Levy, habe dann eine Wärterin übernommen, die als besonders sadistisch bekannt sei. Höhnisch und triumphierend habe sie ihr geschildert, dass sie bis zum Hals vergraben werde, nur noch ihr Kopf herausschauen werde, der dann sehr lange mit kleinen, dafür spitzen Steinen beworfen werde, bis sie tot sei.

Noch ein Motiv unserer Wunschprojektion

Das Werfen von Licht auf eine Fassade aus Protest gegen das Totwerfen mit Steinen finde ich dagegen vergleichsweise tolerabel. Ich finde es sogar tolerabler als das Schottern von Gleisen, was merkwürdigerweise gesellschaftlich akzeptierter zu sein scheint.

Beklemmend finde ich außerdem, dass die Inhaftierung von Ashtianis Sohn, ihrem Anwalt und den beiden Berliner Journalisten so gespenstisch im Halbverschweigen hängt. Über das Schicksal von Sohn und Anwalt ist offenbar nichts bekannt. Es gibt kein Lebenszeichen von ihnen. Was die beiden Journalisten betrifft: Deren Namen nennt bisher niemand öffentlich. Einen kenne ich, den anderen nicht. Gelegentlich habe ich mit jemandem telefoniert, der näheres wissen müsste, aber nur sagt, es sei schädlich, die Namen zu nennen. Das Auswärtige Amt kümmere sich um die Angelegenheit. Die beiden würden vermutlich schon bald freikommen. Kurz nach der Verhaftung hieß es, das dauere vielleicht 14 Tage. Die sind jetzt schon zwei Mal rum. Jetzt heißt es immer noch, die Sache dauere nicht lange. Bis Weihnachten seien die beiden gewiss zurück. Aber warum soll man Leuten trauen, die Regeln erfinden, nach denen das Werfen von Licht auf die Botschaft der iranischen Führung verboten ist?

Auch über die Einzelheiten dieser Verhaftung weiß man nur wenig. Offenbar hatten die beiden Kollegen vorab Kontakt mit Ashtianis Anwalt aufgenommen und sich in seinem Büro in Täbris mit ihm und dem Sohn getroffen. Dieses Treffen muss dann von Schergen des Regimes beendet worden sein. Alle vier wurden verhaftet. Die beiden deutschen Journalisten haben offenbar Kontakt zu deutschen Diplomaten in Teheran. Es heißt, sie hätten ein bisschen Geld bekommen, was nicht weiter erläutert wird. Ich habe mich gefragt, warum Inhaftierte Geld bekommen und warum das als eines von wenigen Details erwähnt wird, und die Erklärung, die mir dazu einfällt, finde ich nicht besonders beruhigend, weil sie möglicherweise darin besteht, dass hinter den Gittern der islamischen Republik brutale Regeln herrschen, denen ein Gefangener sich entweder mit den Fäusten oder mit Bestechungspotential stellen muss. Derjenige der beiden Kollegen, den ich kenne, ist zwar kein Schwächling, aber alles andere als ein trainierter Schläger und eher klein gewachsen.

Solche Gedanken waren es, die uns zu unserer Aktion motivierten. Und als brave Bürger stellten wir also eine Leinwand zwischen den Beamer und die Botschaft, damit die Bilder, die wir zeigten, bloß nicht auf die Fassade trafen. Die Polizisten, die uns zugeteilt waren, eilten sofort herbei, als beim Einrichten der Projektion ein Streifen Licht unter der Leinwand hindurchschlüpfte und den Zaun zum Botschaftsgelände erreichte. Möglicherweise hätten sie sich großen Ärger eingehandelt, wenn sie weniger penibel gewesen wären. Schließlich stand alles vorschriftsmäßig, bis zum Schluss. Nachdem Elisabeth die Veranstaltung beendet hatte, geschah dann das erwähnte Missgeschick. Die Leinwand klappte weg, als der Beamer noch lief. In voller Größe war plötzlich dieses ikonenhafte Bild von Sakineh Ashtiani auf Höhe der ersten Botschaftsetage zu sehen. Aus irgendeinem Grund funktionierte die Fernbedienung nicht, die den Beamer abschalten sollte. Sogleich rannten zwei oder drei Polizisten hinzu. Es war ausgerechnet die Stelle unserer Slideshow, an der das Gesicht von Sakineh Ashtiani immer größer heranzoomte. Wie ein Geist erstreckte es sich über die gesamte Höhe des Gebäudes, vielleicht 20 Meter hoch. Dann stellte sich ein Polizist direkt vor das Beamer-Objektiv, blockierte den Lichtstrahl, und auch die Fernbedienung funktionierte wieder. Aber es war zu spät. Sakineh Ashtiani hatte unübersehbar von der Botschaftsfassade geschaut. Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.

11 Kommentare
  1. aa bb sagte:

    Es hätte vielleicht mehr Wirkung, wenn man – anstatt sich im Dunkeln zur Diashow vor der iranischen Botschaft zu treffen – mit anderen Leuten abspricht und gemeinsame Protestaktionen organisiert.

    Antworten
  2. exo sagte:

    Das habt ihr gut gemacht, bravo! Und für diese gute Sache stand auch das „ungünstige“ Schicksal bereit, indem es die Leinwand beseitigte. Dafür könnt ihr nichts, schließlich ist Berlin eine stürmische Stadt. Wäre gern dabei gewesen. Infos über zukünftige Aktionen sind willkommen ;-)

    Antworten
  3. bitterlemmer sagte:

    Am 12. November. Woher hattest Du den 7.11.? Den haben wir nur intern kommuniziert und fallengelassen, als wir so kurzfristig die Organisation nicht geschafft haben.

    Antworten
  4. Nic sagte:

    wie soll ich das beantworten :-) Du hast ja das Bloghaus angeschaut (Danke für die Antwort)… ich habe viel mit der iranischen Community zu tun und irgendwer wurde per Mail davon informiert (und später per Handy davon, dass es abgesagt ist).

    Wenn Ihr solche oder ähnliche Sachen plant: immer her mit den Infos (Mailadresse siehst Du ja :-)

    CU Nic

    PS: Kann ich den Artikel ins Bloghaus übernehmen?

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. … [Trackback]…

    […] Informations on that Topic: bitterlemmer.net/2010/11/14/lichten-gegen-das-steinigen/ […]…

  2. […] This post was mentioned on Twitter by bitterlemmer, Dr. Michael Kreutz. Dr. Michael Kreutz said: Das ikonenhafte Bild von Sakineh Ashtiani projiziert auf die Fassade der iranischen Botschaft in Berlin: http://bit.ly/9O8ikf #iran […]

  3. […] This post was mentioned on Twitter by Tobias Blanken and Parisi1, Thierry Chervel. Thierry Chervel said: Ein großartiger Protest gegen die drohende Steinigung von Sakineh Ashtiani: Lichten gegen das Steinigen http://j.mp/af408F […]

  4. […] Sehr lesenswerter Bericht über eine Demonstration vor der Iranischen Botschaft in Berlin, welche si… Veröffentlicht in Reaktionen von außerhalb. Kommentar schreiben » LikeSei der Erste dem dieser Beitrag gefällt. […]

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.