Da sieht man’s mal wieder: Politiker schweben in völlig anderen Sphären als Normalbürger. Wäre Angela Merkel die Chefin eines Autokonzerns, sagen wir: VW, und würde sie ein neues Feature in ihre Autos einbauen, das ihre Werksspione bei der Konkurrenz geklaut haben, sagen wir: Opel, dann müsste sie damit rechnen, dass ein Staatsanwalt gegen sie ermittelt und ein Richter sie verurteilt. Da Angela Merkel aber CDU-Chefin ist, darf sie bei der SPD klauen, und sie darf es sogar zugeben, ohne, dass ihr etwas passiert. Im Gegenteil: Sie wird dafür bei der Wahl auch noch belohnt werden. Denn das, was die Kanzlerin da tut, ist im Marketing eine altbekannte Methode, über die nur selten offen gesprochen wird. Man nennt sie “strategic stealing”. Sie ist schmutzig, aber effektiv.

Sie funktioniert nur dann, wenn ein größerer Konkurrent seinem kleineren Konkurrenten eine Idee stiehlt. Nehmen wir als Beispiel zwei rivalisierende Radiosender, von denen der eine eine große Einschaltquote hat und der andere nur eine kleine. Der Kleine denkt sich also, um dem Großen etwas wegzunehmen, ein neuartiges Gewinnspiel aus. Hörer sollen ein bestimmtes Lied erkennen und sofort anrufen, wenn es zu hören ist. Dafür bekommen sie einen Geldpreis. Kaum hat der kleine Sender mit diesem Spiel begonnen, da spielt es der große auch. Ein typischer Fall von strategic stealing, wie es ihn schon häufig gegeben hat. Natürlich illegal. Aber wer will beweisen, dass die Köpfe des großen Senders nicht zufällig gleichzeitig dieselbe Idee hatten wie die beim kleinen Sender?

Der Diebstahl führt zum Erfolg, wenn die Hörer glauben, es sei der Größere gewesen, der die Idee hatte. Das werden sie auch, denn der größere Sender zeichnet sich dadurch aus, dass er mehr Hörer hat als der kleinere und darum mehr Hörern von seiner Gewinnspielidee erzählen kann. Darum ist er ja der größere. Der Kleine kann noch so fluchen – er sollte seine eigene Kampagne sofort beenden, weil er im Angesicht der Öffentlichkeit sonst als Plagiator dasteht und zudem ein Gewinnspiel veranstaltet, das schon nach kurzer Zeit die meisten Hörer mit dem Namen des großen Senders verbinden werden. Somit würde der Kleine auch noch unbeabsichtigt subtil für seinen unfairen Konkurrenten werben.

Ähnlich liegen die Dinge auch zwischen politischen Parteien. Auch sie kämpfen darum, dass die Menschen ihnen bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten zusprechen. Wahlkampf ist, vereinfacht, der Kampf ums attraktivste Image beim Wähler. Und darum versuchen die Parteien, sich mit Eigenschaften zu schmücken, die sie bei möglichst vielen Leuten attraktiv aussehen lassen. Welche das sind, das wissen die Parteien aus Marktstudien. Es sind dieselben Methoden, mit denen auch Unternehmen ihre Images testen und herausfinden, welche sie für den Erfolg benötigen.

Eines diese Images lautet offenbar “Mietpreisbremse”. Die Wähler der Mehrheitsmitte in Deutschland sind also der Meinung, dass Wohnungsmieten gesetzlich begrenzt werden sollten. Die erste Partei, die daraus eine Wahlkampfwaffe schmiedete, war die SPD. Das Thema passt auch gut zum Gesamtauftritt der Sozis und wirkt insofern glaubwürdig.

Dumm nur, dass Angela Merkel und – gerne übersehen – Horst Seehofer die Unionsparteien schon seit langem an die SPD angenähert haben. SPD-Themen sind heute auch immer CDU/CSU-Themen. Insofern hat es die Union womöglich genervt, dass die SPD mit der Mietpreisbremse plötzlich wieder mal ein Thema hatte, ohne, dass Ursula von der Leyen es rechtzeitig für die Union weggefischt hätte. Also musste die Chefin ran. Und Angela Merkel zeigte, dass sie auch in der Disziplin des strategischen Diebstahls eine einsame Meisterin ist.

Sie unternahm nicht einmal den Versuch, zu bestreiten, dass die SPD zuerst mit der Mietpreisbremse auf dem Markt war. Im Gegenteil: Sie gab es zu und lobte die SPD auch noch. Das wirkt ehrlich, obwohl es pure Chuzpe ist. Merkel klaut damit im Prinzip die komplette SPD für ihren Wahlkampf. Darauf wäre nicht einmal Machiavelli gekommen. Merkel hätte ihm gezeigt, dass sie die wahre Meisterin der Macht ist. Und der SPD bleibt nichts anderes, als in stiller Wut die Faust zu ballen – sie wird es nicht mehr schaffen, Wählern zu erklären, warum sie und nicht die CDU gewählt werden sollte.

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