Normalerweise sind die SPON-Kolumnen des ftd-Gründers Wolfgang Münchau einfach nur geschwätzig. Seine aktuelle, in der er unter seinem Motto „Die Spur des Geldes“ die deutsche Wiedervereinigung zum Fehler erklärt, ist dagegen pure Geschichtsfälschung. Er präsentiert eine These, die die alten Gegner der Wiedervereinigung in West und Ost lieben werden. Der „Anschluss der DDR an die Bundesrepublik“ sei „überhastet“ gewesen. Stattdessen hätte es besser eine Konföderation zwischen den deutschen Staaten geben sollen. Es ist der alte Sermon, den die westdeutsche Linke seit den 70er Jahren predigte, nur mit neuer Begründung: Die Wiedervereinigung sei die tiefere Ursache der Euro-Krise, behauptet Münchau.

Ein „was-wäre-wenn-Spiel“. Nun gut – spielen wir das Spiel mit. Stellen wir uns, damit es für Münchau und Co. nicht ganz aussichtslos beginnt, vor, die Mauer sei am 9. November 1989 nicht gefallen. Wir hätten damit wenigstens die Chance, die DDR-Bewohner noch eine Weile im Zaum zu halten.

Die Lage in Europa sähe dann also so aus: Die Sowjetunion ist zerfallen. Drei ihrer früheren Sowjetrepubliken sind Mitglied der EU, nämlich Estland, Lettland und Litauen. Ebenfalls Teil des westlichen Bündnisses sind Polen und Tschechien, die beiden östlichen Nachbarn der DDR und mit ihnen Ungarn, Rumänien und Bulgarien.

Für Münchaus DDR ein echtes Problem. Denn bisher war sie eine Art Billig-Standort für westdeutsche Handelshäuser. Der Quelle-Versand ließ z.B. dort Kühlschränke und andere Küchengeräte der Marke Privileg herstellen. Bekanntlich existiert Quelle heute nicht mehr. Einer der Gründe ist der Wegzug der Produktion (wobei die DDR ohnehin nie ein großer Standort im Weltmaßstab war). Inzwischen dominiert China den Markt, wie (fast?) jeder weiß und hätte die DDR längst mit günstigeren Kosten und besserer Qualität ausgestochen.

Nicht weniger brisant: Die DDR hätte ihren wichtigsten Energielieferanten verloren, die Sowjetunion. Die lieferte zu Ostblock-Zeiten Öl gegen Industrieware. Ein Tauschgeschäft ohne Devisen, die weder Moskau noch Ost-Berlin hatten. Verrechnet wurde mit Hilfe einer fiktiven Währung namens Transferrubel. Heutzutage verlangen russische Ölkonzerne Dollar oder Euro für ihr Öl. Woher aber sollte Münchaus DDR die nehmen?

Der Spur des Geldes wäre damit nachgegangen – mit einem simplen Resultat. Die DDR wäre wirtschaftlich schlimmer dran als Griechenland, hätte sie einen eigenen Weg ohne Euro und den Westen versucht. Wenden wir uns damit der unvermeidlichen politischen Perspektive zu. Die DDR hätte ihre Mauer komplett um das ganze Land errichten  müssen. Die Menschen hätten sie in Scharen verlassen – was sie ja auch zu Mauerzeiten und vor der Mauer schon taten. Ein isoliertes politisches DDR-Gebilde inmitten der EU wäre schlicht undenkbar, zumal da noch die Frage wäre, was mit Berlin passieren sollte. Da hat Herr Münchau schlicht nicht nachgedacht.

Seine Kolumne weckt zudem ernste Zweifel an seiner demokratischen Gesinnung. Darauf bringt mich dieser Satz:

Wenn eine Konföderation erst einmal etabliert gewesen wäre, glaube ich nicht, dass die Bevölkerung im Osten die Wiedervereinigung einige Jahre später immer noch gefordert hätte.

Wie hätte denn eine Konföderation etabliert werden sollen? Hätte man die Leute mit Gewalt und gegen ihren Willen in der DDR halten sollen? In der Hoffnung, dass irgendwann alles so toll wäre, dass sie freiwillig in ihrer DDR hätten bleiben wollen?

Und wie hätten die technischen Entwicklungen auf die DDR gewirkt? Glaubt Herr Münchau vielleicht, das Internet und die Mobiltelefone hätten sie als einziges Land der Welt (neben Nord-Korea vielleicht) unberührt gelassen?

Was für ein Kokolores!

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.