Matthias von Herrmann, eine Art Berufsaktivist zur Verhinderung eines Bahnhofsbaus

Matthias von Herrmann, eine Art Berufsaktivist zur Verhinderung eines Bahnhofsbaus / Bild via Greenpeace Stuttgart

[Aktualisiert – siehe PS ganz unten] Hier sehen wir den Mann, der in der Tagessschau seit einigen Wochen als Gegenspieler von Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus gezeigt wird. Matthias von Herrmann, Initiator der Stuttgarter „Parkschützer“, die an vorderster Front gegen den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofes kämpfen. Um große Gesten ist er nicht verlegen. Sehr unterhaltsam ist dieses Interview, in dem er der Einschätzung zustimmte, man könne geradezu von der Gründung der Stuttgarter Republik sprechen. Dann erzählt er, wie der Plan für Stuttgart 21 entstand. Das, so von Herrmann, war 1994, als der Bahnchef, der damalige baden-württembergische Ministerpräsident und „nochmal jemand“ in einem Hubschrauber über dem Stuttgarter Hauptbahnhof schwebten. Wie sie da so von oben das „riesige Gleisvorfeld“ sahen, sagten sie sich, „tja, äh, das passt da irgendwie nicht so richtig hin, da können wir Immobilien drauf legen und gleichzeitig den Bahnhof in den Keller“. Sagt Herr von Herrmann. 1997 sei dann der Plan öffentlich vorgestellt worden, und damals seien „die Bürger“ schon erbost gewesen, weil sie nur ganz wenig mitbestimmen durften, nicht mehr als wo die Blumenrabatten hinsollen. Dann habe sich 1999 der damalige Bahnchef Ludewig das Gelände beguckt und habe das Projekt für völligen Quatsch gehalten und in der Schublade versenkt. Da habe es gelegen, bis der „unselige“ Ministerpräsident Oettinger, nachdem er Filbinger von seiner Nazivergangenheit freisprach und darum Ärger hatte, einen politischen Erfolg benötigte. Der „hat dann dieses Projekt Stuttgart 21 neu ausgegraben“, sagt von Herrmann. Damit habe sich das dann auch wieder für die Bahn gelohnt, weil sie ja nur noch einen „ganz kleinen Anteil“ zu zahlen hatte, denn Oettinger habe für seinen politischen Erfolg fast eine Millliarde Euro aus Landesmitteln geboten, zusätzlich zu Zuschüssen des Bundesbundes und der regionalen Verkehrsverbünde.

Nicht weniger erbaulich ist die Facebook-Seite der Parkschützer, mit der von Herrmann seine Schäfchen organisiert. Da schreibt etwa eine Heidi Hähnle: „wirt jetzt das grundwasser zerstört , ist nun stuttgart verloren und noch mehr zerstört“ – als sei die Schwabenmetropole schon jetzt so etwas wie ein verwüstetes Trümmerfeld. Und über die Polizisten, die „so hart und prudal vorgingen“ meint sie: „das haben die mit absicht gemacht bestimmt aus spass an der freut“.

Auf diese Idee konnte man ja wirklich kommen, wenn etwa Spiegel Online, aber auch praktisch alle anderen Medien das so suggerieren. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Fotos von Protestler Dietrich Wagner, der mit blutenden Augen vom Schlachtfeld geführt wurde. Suchen muss man dagegen nach den Details über das Zustandekommen dieser Szene. Der Tagesspiegel weiß von zwei verschiedenen Versionen. Eine ist Wagners. Er habe Jugendlichen helfen wollen und plötzlich einen scharfen Strahl abbekommen. Die zweite stammt von Polizeipräsident Dietrich Stumpf. Demnach haben Beamte Wagner mehrfach beiseite geschafft, er sei aber immer wieder bewusst in den Wasserstrahl gelaufen. Sogar die tendenziell protestfreundliche Frankfurter Rundschau protokollierte einen „Kratzer“ an seinen „Märtyerer-Image“ und bezieht sich auf Fernsehaufzeichnungen, die ihn beim Werfen von Gegenständen auf Polizisten zeigen.

Es wird wohl mit der Erfahrung von Kampagnenführer Matthias von Herrmann zu tun haben, dass der Protest gegen einen Bahnhofsbau (und die zugegebenermaßen unschöne Aussicht auf zehn Jahre Großbaustelle mitten in der City) derart aufgeladen wurde. Als Symbol für die künftige Unregierbarkeit des Landes, eine neue Protestkultur, die Herausforderung des parlamentarisch-rechtsstaatlichen Systems. Sogar die nötige Dosis Naziverdacht gegen Antifaschismus hat der Chefpropagandist aufgetrieben. Herrmann lernte sein Handwerk als Sprecher bei Greenpeace (aus dieser Zeit stammt auch das Foto oben). Offenbar erwirbt man dort Fertigkeiten, mit denen man ausgerechnet dort eine fast bürgerkriegsähnliche Stimmung entfachen kann, wo es den Leuten besser geht als fast überall sonst in Deutschland und auf der Welt.

Vielleicht sollte Matthias von Herrmann für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen werden. Schließlich geht es ja um einen legitimen politischen Kampf, weil doch der demokratische Sektor der Stadt Stuttgart jetzt am Bauzaun endet. Alles wie früher in der DDR. Da ist Widerstand natürlich angebracht. Und wer kennt schon diesen Liu Xiaobo aus China. Hat der sich gegen Mappus und die Bahn gestellt? Nein. Stand der im Sturmfeuer der schwäbischen Wasserwerferschwadron? Nein. Hat nur eine Charta 08 geschrieben. Weiß irgendjemand, warum er sein Papier so genannt hat? Jetzt ehrlich… Und außerdem sagt ja Chinas Führung, er sei nur ein gewöhnlicher Krimineller. Aber vielleicht klingelt ja irgendwo demnächst ein lauter Wecker, wir wachen alle auf und stellen fest: Stuttgart ist eben nicht das eingemauerte Ost-Berlin von damals oder das Peking von heute.

PS. Seit heute steht eine Art Fahndungsseite im Netz, in der Politiker und Unternehmer quasi zum Abschuss freigegeben werden. Die Seite enthält kein Impressum. Laut Whois-Datenbank hat sie ein gewisser Linh Wang in Hongkong registriert. Ein Gutes hat die nunmehr wohl kriminelle Zuspitzung. Der Protest gegen Stuttgart 21 wird zerfallen, in eine kleine fanatische Kampftruppe einerseits und legitimen und maßvollen Protest andererseits. Die Vernünftigen unter den S-21-Gegnern sollten schnell klarmachen, dass sie mit Fanatikern nichts am Hut haben.

PPS. Jetzt findet sich plötzlich doch ein Impressum auf der Seite, die damit allerdings nur noch dubioser wird. Als Betreiber der Seite firmiert eine Holding in Istanbul. Darüber finden sich formlos die Namen Rainer Rose, Peter Bly, Götz Penenberg, Udo Hamann, Sieglinde Roth und Nelly Adam. Wer sich hinter diesen Namen verbirgt ist einstweilen nicht festzustellen. Ich vermute, es handelt sich um Fake-Namen. Auf dem Kontaktformular habe ich einige Fragen an die Betreiber gerichtet. Mal sehen, ob jemand antwortet.

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  1. […] This post was mentioned on Twitter by bitterlemmer, bitterlemmer. bitterlemmer said: Nächster Aspirant auf den Friedensnobelpreis? Das Gesicht des Stuttgarter Bahnhofsprotestes http://bit.ly/9gbGsR […]

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