Tino Brandt war nach langer Zeit wieder als Zeuge im NSU-Prozess. Tino Brandt? Klar, kennt man, oder? Er war dünner als beim letzten Mal. Angeblich ist er mit dem Essen im Gefängnis unzufrieden. Darum mein kleiner Foto-Scherz mit Brandt-Zwieback. Immer nur Kinderschokolade mit Köpfen zur politischen Lage ist ja auch langweilig. Mir geht es jetzt auch nicht darum, nochmal alles aufzuschreiben, was man über Tino Brandt zur Sache aufschreiben könnte, sondern zu beschreiben, wie Leute auf die Nennung seines Namens reagieren, die keine Reporter und keine Nachrichtenjunkies sind. Und zwar mehr oder weniger so: “Tino Brandt? Ähm… ach ja, genau, das war doch nochmal…”. Im Gefängnis sitzt er übrigens nicht wegen terroristischer Vergehen, sondern wegen Missbrauchs minderjähriger Jungen, aber das nur am Rande.

Tino Brandt ist zweifellos eine der bekanntesten Figuren im Umfeld des NSU, aber ebenso zweifellos ist Beate Zschäpe viel berühmter. Zschäpe schreibt man mit Z am Anfang, nicht mit T, wie man es anfangs gelegentlich sehen konnte. Bei Tino Brandt fragte mich dieser Tage jemand, ob man Thimo mit T und H am Anfang schreibe. Dieser Jemand war Kollege, und zwar ein sehr geschätzter, aber keiner, der auf NSU-Themen spezialisiert ist.

Von den jetzt fast 290 Verhandlungstagen im NSU-Prozess habe ich genau zwei versäumt. Mit einer Ausnahme habe ich von jedem Prozesstag, an dem ich im Gericht war, hinterher berichtet. Der Ausnahmetag war einer, an dem mir beim besten Willen nicht einfiel, wie das, was da verhandelt wurde, irgendjemanden außerhalb des engsten Zirkels interessieren könnte.

An diesen fast 290 Verhandlungstagen habe ich eine immense Zahl an Namen und Leuten erlebt, von ihnen gehört oder über sie gelesen. Ein paar Dutzend dieser Namen gehören zur festen Nomenklatura des NSU und des rechtsextremen Umfeldes. Weitere mehrere Dutzend tauchen öffentlich nur punktuell auf. Mal im Prozess, mal in einem der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, wenn es um einen speziellen Vorgang geht, mal sonstwie.

Es gibt unfassbar viele Vorgänge, die mit der Gründung dieser Terrorgruppe, mit der Radikalisierung ihrer Mitglieder und Helfer, mit der Planung von Aktionen, dann Anschlägen, dann Morden zusammenhängen. Es sind ja alles in allem um die 20 Jahre, in denen eben passierte, was in 20 Jahren so passieren kann, also viel. Und nichts davon war behördenbekannt und damit medienbekannt, bis am 4. November 2011 ein Bankraub von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt schief ging und Beate Zschäpe die Fluchtwohnung der drei in Zwickau anzündete. Da krachte schlagartig der Wust von 20 Jahren auf die Öffentlichkeit ein, und der ist noch lange nicht verdaut.

Unter all diesen vielen Beteiligten spielt Tino Brandt eine herausgehobene Rolle. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob er für den Aufbau und die Motivation der NSU-Terroristen eine wichtigere Rolle spielte als Beate Zschäpe, aber Zschäpe ist trotzdem berühmter. Und das führt mich zu der Frage, ob medial gerade wieder etwas nicht richtig rund läuft.

Es liegt nicht daran, dass zu wenig über den NSU berichtet wird. Denn tatsächlich wird so viel darüber berichtet, dass man kaum noch nachkommt, will man das alles lesen. Es wird tatsächlich sogar immer mehr über den NSU berichtet, nach meinem – zugegeben subjektiven – Eindruck mehr als je zuvor. Jeder Prozesstag und jede Sitzung eines Untersuchungsausschusses ist Gegenstand von Berichterstattung. Dazu kommen investigative Geschichten, mit denen Medien eigene Themen setzen. Dazu wiederum Theateraufführungen und Fernsehverfilmungen unterschiedlicher Art und Qualität. Das Thema NSU ist ein dauerpräsentes Medien-Megathema.

Genau das – wiederum nur mein subjektiver Eindruck – lässt das öffentliche Interesse gerade erlahmen. Da hatten wir gerade Berichte, dass im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz nacheinander erst das Handy und dann SIM-Karten des V-Mannes “Corelli” auftauchten. Wer war noch mal Corelli? Und worin besteht hier nochmal der Skandal? Wie hängt das gleich mit Zschäpe zusammen? Diese Fragen sind keineswegs doof, sondern es sind Fragen, die mir Nichtexperten stellen, die ihre Zeit vorwiegend in anständigen Berufen und/oder mit ihren Familien verbringen. Es wäre interessant, mal von den Webmastern der Nachrichtenportale zu erfahren, wie sich die Klickzahlen zu NSU-Berichten in den letzten Jahren entwickeln. Manchmal hört man, die seien nicht mehr toll. Die Quoten der ARD-Filmtrilogie zum NSU waren schlecht. Buchverlage sind inzwischen sehr zurückhaltend bei Angeboten zum NSU. Overkill.

Schiere Masse ist wohl auch hier nicht unbedingt Klasse. Ich habe den Eindruck, dass sich das Thema gerade verselbständigt und nur noch eine schrumpfende Zahl besonders Interessierter erreicht. Dass all die NSU-Aufarbeitung außerhalb des engeren Zirkels immer egaler wird, dass immer mehr Leute abwinken, nach dem Motto: Jaja, schlimm schlimm, was soll man machen.

Eine Lösung dafür fällt mir nicht ein. Es wäre wohlfeil, irgendwelche Empfehlungen auszusprechen und außerdem völlig zwecklos. Natürlich muss berichtet werden, wenn ein Untersuchungsausschuss tagt oder im Gericht etwas passiert – da ganz besonders, denn nur da können die Verbrechen des NSU bestraft werden, und das müssen sie.

Aber jeder, der sich angesprochen fühlt, möge überlegen, ob das, was er schreibt, ihn auch persönlich interessieren würde, wäre er zufällig kein Reporter oder sonstwie an dem Thema dran. Ich weiß, das sagt sich leichter als es getan ist, das geht mir selber ja nicht anders.

Als ich über Tino Brandts neuerliche Zeugenaussage vor Gericht berichtete, da rief mich ein Kollege vom Desk an und meinte, er habe meinen ersten Absatz nicht verstanden. Ich musste selber erst mal über meinen eigenen Text lesen, um darauf zu kommen, dass er recht hatte. Sowas braucht’s. Sonst killen wir das Thema, und das wäre aus allen möglichen Gründen fatal.

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