Ein Mitglied der Chemnitzer „Blood & Honour“-Sektion erzählte gestern im NSU-Prozess ausführlich, dass seine Truppe eigentlich nur eine Musikorganisation gewesen sei. Das hatten vor ihm auch andere schon so behauptet. Man habe Konzerte veranstaltet, Bands aus der ganzen Welt eingeladen und den Laden mit den Einnahmen aus Eintrittskarten und Getränken finanziert. Vor allem die sächsische Sektion habe floriert, bekannte der Zeuge mit gewissem Stolz. Wörtlich sagte er:

“Wir waren die beste Sektion, haben die meisten Konzerte gemacht und andere Sektionen waren neidisch und wollten was abhaben. Und das haben wir nicht eingesehen.”

Erstaunlicherweise interessierte bisher niemanden, ob „Blood & Honour“ seine Gewinne auch versteuerte – bis gestern. Da fragte der Nebenklage-Anwalt Yavuz Narin den Zeugen:

„Wissen Sie, ob Steuern bezahlt wurden?“

Es gab ausschweifendes Gelächter im Verhandlungssaal. Am lautesten lachte der Zeuge selber. Nachdem er sich wieder beruhigt hatte antwortete er:

„Natürlich nicht!“

Erstaunlich ist, dass diese offene Antwort zwar belustigte, aber niemanden wirklich überraschte. Jedermann geht mit kurioser Selbstverständlichkeit davon aus, dass die Rechtsrocker ihr Geschäft steuerfrei betreiben. Die musikalischen Neonazis haben sich einen offensichtlich in jeglicher Hinsicht rechtsfreien Raum erobert. Die Geschäfte, von denen hier die Rede war, datieren aus den 90er Jahren. Konzerte der Rechtsrock-Szene gibt es aber bis heute. Und die Dimension dieser rechtsfreien Oase, in der sich diese Leute bewegen, bleibt verstörend. Denn es geht ja eben nicht nur um Musik. Ende der 90er Jahre waren es die Musikfreunde von “Blood & Honour”, die die drei Flüchtigen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bei sich versteckten. Und auch in dieser Hinsicht steht nach wie vor der Verdacht, dass mancher staatliche Dienst davon wusste, sich aber daran beteiligte, den rechtsfreien Raum zu schützen. Es ist eine Parallelgesellschaft, die sich hier etabliert hat.

Da die Geheimdienste nach Lage der Dinge keine Lust haben, endlich Tabula rasa zu machen – liebe Finanzämter in Thüringen und Sachsen, vielleicht prüft ihr einfach mal die Bücher der rechtsradikalen Musikfreunde. Möglicherweise verschafft ihr damit nicht nur der Staatskasse ein paar zusätzliche Einnahmen, sondern fördert, gewissermaßen kollateral, noch die eine oder andere Erkenntnis zusätzlich zutage. Auch Al Capone saß bekanntlich nicht, weil er so viel mordete, sondern weil er zudem den Fiskus behumpste.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.