Ziemlich dreist, dieser Zeuge, der heute früh zum NSU-Prozess geladen war. Gleich nach der Eröffnung des Verhandlungstages berichtete Richter Manfred Götzl über einen Anruf des Mannes. Er sei mit dem Zug unterwegs gewesen und in Nürnberg wieder umgedreht. Jetzt sei er in Bamberg. Da suche er sich “eine Wirtschaft”, weil er “etwas trinken müsse”. Außerdem gehe er am Montag in eine Therapie. Und immerhin habe er sich die Zugfahrt bis Nürnberg angetan, das zeige seinen “guten Willen”. Der wird nicht reichen. Bundesanwalt Herbert Diemer regte an, den Zeugen vorzuführen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihm schon mal begegnet bin oder seinem Bruder. Ich habe jedenfalls an seiner Wohnungstür geklingelt, worauf ein Mann herunter kam, der sich als sein Bruder vorstellte, seinen Vornamen aber nicht verraten wollte. Er gab außerdem vor, für seinen Bruder sprechen zu können, weshalb ich ihm meinen Wunsch nach einem Treffen vortrug. Er werde das mit seinem Bruder besprechen, antwortete der Mann, glaube aber nicht, dass der daran Interesse habe. Er nannte auch diverse Gründe, die hier nichts zur Sache tun.

Er sprach mit mir auch über den NSU-Prozess in München und dass er da auf keinen Fall hingehen werde, beziehungsweise sein Bruder. Ich fragte ihn, wie er das denn vermeiden wolle, falls er eine Ladung vom Gericht erhalte. Dann müsse er dort hin, ob er wolle oder nicht. “Der Richter ist mir doch egal”, antwortete der Mann. Ladung hin, Ladung her, er werde da nicht hingehen. Beziehungsweise sein Bruder.

Der Mann dürfte ein vergleichsweise unwichtiger Zeuge sein. Aber er könnte ein paar aufschlussreiche Fragen über Uwe Böhnhardt beantworten. Er gehörte in den neunziger Jahren derselben Jugendbande an wie der spätere mutmaßliche NSU-Mörder. Und in einer Polizeivernehmung brachte er ein weiteres Bandenmitglied und späteren mutmaßlichen NSU-Waffenbeschaffer mit einem bis heute ungeklärten Kindermord in Jena in Verbindung.

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