Eine Bemerkung vorab: Die meisten Kollegen im Gerichtssaal beurteilen die Zeugin Silvia S. anders als ich. Sie folgen eher der Auffassung, die auch das Gericht, die Bundesanwaltschaft und die Nebenklage vertreten – dass sie nämlich nur unwillig über ihre Unterstützung für Beate Zschäpe aussagte, ja gar patzig gewesen sei, wie die Süddeutsche schrieb. Ich habe eher den Eindruck, dass es sich um eine harmlose, nicht besonders intelligente und auf eine fast bemitleidenswerte Art folgsame junge Frau handelt, die einfach nur das getan haben könnte, was ihr Mann und der Mitbeschuldigte und mutmaßliche NSU-Terrorhelfer Holger G. ihr aufgetragen haben.

Unstrittig ist, dass Silvia S. ihre AOK-Versichertenkarte für 300 Euro an Holger G. verkaufte, der sie an Beate Zschäpe weitergab. Zschäpe soll damals, 2005, ein Unterleibsproblem gehabt haben und musste wohl dringend zum Arzt. Über die Art und Weise, wie dieses Geschäft vonstatten ging, gibt es keine endgültige Klarheit. Holger G. sagte in einem Polizeiverhör, er habe Silvia S. die Karte mühsam abschwatzen müssen. Silvia S. erzählte dagegen vor Gericht, sie sei mit ihrem Mann zu Besuch bei Holger gewesen. Man habe Alkohol getrunken und „was geraucht“, und dann habe Holger „in die Runde gefragt“, ob jemand seine Versichertenkarte abgeben wolle, er werde dafür 300 Euro bezahlen. Daraufhin habe sie ohne Nachfrage und ohne Nachdenken ihre Karte aus dem Portemonnaie gezogen und abgegeben.

Natürlich ist diese Darstellung völlig unglaubhaft. Wenn man zur Kenntnis nimmt, was Silvia S. sonst noch dazu sagte, dann könnte es sich so zugetragen haben, dass Silvia S. zuerst mit Alkohol und Dope zugedröhnt wurde und dann vielleicht mit schwerer Zunge keinen allzu großen Widerstand leistete, als vermutlich beide Männer ihr die Karte abluchsten. Zu dieser Vermutung komme ich so:

  • Silvia S. ist Friseurin und verdient dementsprechend erbärmlich. Die Scheine von Holger Gerlach dürften zu den seltenen Momenten in ihrem Leben geführt haben, während derer sie eine Barschaft von 300 Euro in der Tasche trug.
  • Ihr Ehemann ist ein alter Kumpel von Holger Gerlach. Sie lernte beide Männer 2005 in einem Laden in Hannover namens Soap Club kennen. Auf Fragen der Nebenkläger gab sie an, ihr Mann sei früher in einer rechtsextremen Kameradschaft gewesen. Er sei tätowiert, und auf der Brust habe er sich das Wort „Skinhead“ sticheln lassen.
  • Offenbar sind die Rollen bei Silvia S. und ihrem Mann eher traditionell verteilt. Sie sagte mehrfach, bei Treffen habe sie sich mehr mit den Frauen unterhalten, während die Männer ihre Angelegenheiten unter sich ausgemacht haben. Gut möglich, das Silvia S. nicht für alles, was ihr Mann so tat und dachte, einen Grund genannt bekam.
  • Vergangenen Sommer, als klar war, dass sie als Zeugin vor Gericht geladen würde, gab es im Seehaus bei Hannover ein Treffen mit Holger G., der gerade aus der U-Haft freigekommen war. Er wurde von zwei Polizisten gebracht, die auf ihn aufzupassen hatten, denn G. befindet sich in einem Zeugenschutzprogramm, übrigens bis heute, obwohl er bis auf eine dürre verlesene Erklärung zu Prozessbeginn ein Zeuge ist, der ansonsten nur schweigt und auch keine Fragen beantwortet. Anwesend waren bei dem Treffen außerdem Holgers Mutter, Holgers Freundin und Silvia S. und ihr Mann.

Dass dieses Treffen stattfand und dass Holger G. von seinen Schutzbeamten begleitet wurde, war eine echte Neuigkeit, die die Zeugin vor Gericht enthüllte. Schon darum sticht der Vorwurf nicht, sie sei verstockt. Dass sie Fragen zum Inhalt des Treffens dann wieder nur wortkarg beantwortete, könnte daran liegen, dass Holger und ihr Gatte ihr solche Antworten verboten haben könnten. Einige Nebenklägeranwälte vermuteten, Holger G. könne sie in seinem Sinne auf ihre Aussage vorbereitet haben.

Auffallend war, dass die Zeugin immer dann kaum verwertbare Antworten von sich gab, wenn Richter, Bundesanwälte oder Nebenklägeranwälte sie aggressiv in die Mangel nahmen. Offensichtlich war auch, dass sie manche Fragen intellektuell nicht verstand. Ob sie mit ihrem Mann im Auto „spekuliert“ habe, was sie beim Polizeiverhör erwarte, fragte Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten immer wieder – und bemerkte offenbar gar nicht, dass Silvia S. schon das Wort „spekulieren“ nicht richtig verstand. Das wiederholte laute und hämische Gelächter von der Presse- und Zuschauertribüne dürfe sie zusätzlich eingeschüchtert haben. Es wirft auch kein gutes Licht auf die Lacher.

Allein Rechtsanwalt Alexander Hoffman schaffte es, relativ zügig ziemlich viel aus ihr herauszubekommen. Er war der einzige Vernehmer, der kurze, offene Fragen stellte und eine klare, verständliche Sprache führte. Außerdem gestattete er ihr, überhaupt zu antworten. Die anderen Vernehmer, einschließlich Richter Götzl, formulierten in ihrer Ungeduld ständig Antwortmuster vor und stellten Silvia S. vor die Wahl, dazu ja oder nein zu sagen – und wunderten sich dann, dass sie sich auf ein ja oder nein beschränkte.

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