Gerade höre ich von der neuesten Peinlichkeit, die sich im NSU-Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags anbahnen soll. Dort wird derzeit wohl überlegt, erneut Journalisten als Zeugen zu laden, um sie zu bitten, sich Fragen an den Polizisten Martin Arnold zu überlegen. Die Ausschussmitglieder wollen ihn wohl als Zeugen laden, wissen aber wohl nicht, was sie ihn fragen sollen.

Arnold ist der Kollege von Michèle Kiesewetter, die am 27. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese mutmaßlich von Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt erschossen wurde. Arnold saß neben ihr und überlebte den Anschlag mit knapper Not. Allein die Absicht des Ausschusses, Arnold als Zeugen zu laden, ist absurd. Egal, wie kreativ die Fragen am Ende ausfallen mögen – was sollte er zur Aufklärung beitragen können? Er hat keine Erinnerung an das Attentat. Daran konnte auch ein Hypnotiseur nichts ändern. Er hatte eine Kugel im Kopf und war bewusstlos.

Abgesehen davon begreife ich ohnehin nicht, was Arnold im Sinne einer parlamentarischen Untersuchung beitragen könnte, selbst, wenn er die Täter erkannt hätte. Die Aufklärung des Anschlags wäre nicht Aufgabe der Legislative, sondern die  von Polizei und Staatsanwaltschaft. Die haben im Fall des Kiesewetter-Mordes möglicherweise versagt. Das wiederum müsste das Thema der parlamentarischen Aufklärung sein. Dazu kann Arnold nichts beitragen. Dazu müssten die Parlamentarier eher die Vorgesetzten und das Umfeld befragen. Sie könnten sich daran machen, diesen ganzen Sumpf trockenzulegen.

Was ist mit den Beamten, die teils nachgewiesen, teils angeblich zum KuKluxKlan gehörten? Was ist mit dem Vorgesetzten, der sich als Libyen-Rambo einen Namen machte? Haben thüringische Herkunft und familiäre Bindungen von Michèle Kiesewetter etwas mit der Tat und der Motivlage zu tun? Wieso haben Böhnhardt und Mundlos die Mietdauer ihre Wohnmobils verlängert und tagelang darauf gewartet, dass Kiesewetter von ihrem Thüringen-Urlaub zurückkehrt – wenn sie doch angeblich ein Zufallsopfer war und es ebensogut jeden Polizisten hätte treffen können? Sind all die Zufälle in diesem Fall wirklich Zufälle oder sind es zu viele Zufälle, als dass sie noch zufällig sein können?

Die Frage, die der Stuttgarter Ausschuss beantworten muss, lautet, ob da etwas faul ist im Ländle oder nicht. Davor drücken sich die Abgeordneten aber nach Kräften. Als es endlich losging, da befragten sie tagelang alle möglichen Journalisten. Die können möglicherweise hier und da im Hintergrund mit Wissen und der einen oder anderen Aktenfundstelle aushelfen, aber als Zeugen taugen sie nicht. Sie sind bestenfalls Sekundärquellen. Außerdem staune ich über die mediale Absurdität der Ausschussvorführung. Politiker, die sonst von Journalisten befragt werden, befragten ausnahmsweise Journalisten. Andere Journalisten berichteten darüber, manchmal dieselben, die gerade selber von Politikern befragt wurden. Das war eine drastische Demaskierung vom Start weg.

Dieser Ausschuss ist offenbar nur eine selbstreferenzielle Show. Dass es anders geht, haben die Thüringer gezeigt. Deren Ausschuss hat neue Substanz in den Komplex gebracht und macht das schon jetzt sichtbare Debakel der Baden-Württemberger überdeutlich. Gerade weil die Thüringer gezeigt haben, dass es geht, wenn man will, scheint es, als wollten die Baden-Württemberger nicht und nähmen eher eine Blamage in Kauf.

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