Ach könnte ich doch nur Gedanken lesen! Was mag die konsequent schwarz-weiß gestylte Frau gerade denken, der ich von der Zuschauerempore auf den Hinterkopf schaue? Auf ihr tiefschwarzes Haar? Sie spricht leise in ihr Mikrofon, mit einer angenehm weichen Stimme, glasklaren Sätzen, nie ausweichend, mit nur leichtem sächsischen Einschlag. Sie formuliert verständlich und in ganzen Sätzen, die nie auswendig gelernt klingen, sondern spontan und echt. Auch, als sie sagt – wörtlich mitgeschrieben:

“1998 hat jemand an meiner Tür geklingelt, ob ich drei Leute bei mir schlafen lassen kann, die hätten Scheiße gebaut. Mir ist dann eingefallen: Der Max Florian B. [ihr damaliger Freund] schläft ja bei mir, seine Wohnung ist frei. Ich wusste ja nicht, wer die sind, worum es geht. Die drei habe ich selber erst in Max’ Wohnung kennengelernt. Als ich in der Wohnung war, standen wir Angesicht zu Angesicht. Ich habe auch sehr wenig Kontakt gehabt zu den dreien.”

Nicht jeder glaubt ihr das. Glaubt ihr, dass sie nie erfahren habe, wer die beiden Männer und die Frau sind, die da dringend versteckt werden mussten. Nicht einmal ihre Namen habe sie gekannt. Dabei habe sie sich vor allem mit der Frau gut verstanden. Sie sei “niedlich” gewesen und sie habe “schöne Locken” gehabt. Einmal, sie ist ja von Beruf Friseurin (der Richter sagt konsequent Friseuse) habe sie ihr wohl die Haare blondiert, genau wisse sie es nicht mehr. Und sie habe sich natürlich dafür interessiert, ob die Frau mit einem der Männer eine Beziehung habe.

“Rumgeküsst hat sie sich mit niemandem vor mir. Ich hatte das gefühl, dass sie halt – es hat so gewirkt, als würde sie beschützt werden von denen. Streit gab’s nicht. Gingen eigentlich nett miteinander um. Aber rausfinden konnte man nicht, mit wem sie enger zusammen war. Ich jedenfalls nicht.”

Ohnehin habe sich mehr ihr Freund Max um die drei gekümmert. Sie habe ihn nur ein paar Mal begleitet. Einen der beiden Männer fand sie nett, den anderen eher unheimlich. Gesprochen habe sie aber fast nur mit der Frau. Die sei sehr freundlich gewesen. Einmal habe sie sogar gesprächsweise vermittelt, als es – wieder einmal – in der Beziehung mit Max kriselte. Und doch will sie nie ihren Namen erfahren haben.

Richter Götzl glaubt ihr das nicht. Immer wieder hakt er nach, manchmal recht grob. Auch die Nebenkläger glauben ihr nicht. Einer ihrer Prozessvertreter, Rechtsanwalt Alexander Hoffmann, verschickt nach dem Verhandlungstag eine Erklärung an Journalisten und schreibt:

“Aus Sicht der Nebenklage ist es sehr zu begrüßen, dass der Vorsitzende die offensichtlichen Lügen und vorgeschobenen Erinnerungslücken der Zeugen aus der Nazi-Szene nicht weiter akzeptiert und kritisch nachfragt. Interessant ist, dass ausgerechnet die Zeugin Struck, die jede Aussage verweigern könnte und die vor Gericht ihren Rechtsanwalt dabei hatte, sich hier wahrscheinlich in ein Strafverfahren wegen Falschaussage hineinrutscht.”

Aber warum sollte sie das tun – sich grundlos in ein Strafverfahren wegen Falschaussage hineinquatschen? Sie rede ihre eigene Rolle klein, meint Anwalt Hoffmann. Das allerdings wäre weniger eine Falschaussage, sondern verständlich. Schließlich ermittelt die Bundesanwaltschaft noch gegen sie wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Und dann stimmt es auch nicht ganz. Es ist eher anders herum: Mandy S. schildert ihren Werdegang in der Szene ziemlich offen und nachvollziehbar, und zwar gleich von den Anfängen. Richter Manfred Götzl konfrontiert sie mit einer ihrer Aussagen bei der Polizei:

“Das waren die Leute, die alle die ’88’auf der Jacke stehen haben. Wie ich bereits gesagt habe fand ich durch den Kai S. und den Enno Einlass in diese Szene. Ich war der ,Männeranhang’. Es ist definitiv so gewesen, dass Frauen überhaupt nichts zu sagen gehabt haben. Entweder sie haben sich angepasst oder sie sind ausgelacht worden. “

Später zieht sie für ein Jahr nach Bayern, genauer: Nach Büchenbach in Franken. Dort absolviert sie ihre Friseur-Lehre. Sie findet Anschluss an die Skinheadszene von Selb bis Nürnberg. Sie lernt vor allem Männer kennen – es gibt ja eh nicht viele Mädchen in der Szene. Der Richter erkundigt sich auch nach privaten Details, und Mandy S. schildert mit gleichbleibend ruhiger Stimme, mit wem sie kürzere oder längere Affären oder Beziehungen hatte. 

Die Männer, mit denen sie sich einließ, waren natürlich nicht die kleinen Mitläufer am unteren Ende der Hierarchie, sondern die Anführer und Organisatoren. Sie nehmen sie auf Demos oder Konzerte mit. Drei Mal sei sie zu Schulungen gewesen, erinnert sich Mandy S. Einmal sei es um Rudolf Hess gegangen, einmal um rechtliche Tipps, einmal um “Grundbausteine nationaler Politik”. Sie nennt Namen und beschreibt Strukturen, etwa die hochkonspirative Aufnahmeprozedur der Hammerskins, die Bedeutung der Blood & Honour-Bewegung und die sogenannten 88er, die überall im engeren NSU-Umfeld mitmischen. Und sie erzählt, wie erstaunt sie war, als sie bemerkt habe, dass manche ihrer Freunde aus Franken und Sachsen sich untereinander längst kannten.

Es war wohl kein Zufall, dass das Trio die Hälfte seiner bekanntgewordenen Morde in Bayern verübte und dass die Serie in Nürnberg begann. Die Erkenntnis, dass die Szene überregional und koordiniert agierte, verdanken die Behörden auch Mandy S. Die anderen Szene-Zeugen, die dazu bisher vernommen wurden, schoben allesamt Gedächtnislücken vor.

Mandy S. berichtete auch über vertrauliche, interne Abläufe. Einer der Chemnitzer Anführer hatte sie an die HNG vermittelt, eine Organisation, die inhaftierten Kameraden half und Kontakte nach draußen ermöglichte, ähnlich wie die Rote Hilfe es einst für die RAF-Gefangenen tat. Mandy S. berichtete im Gericht, sie habe mit zwei Inhaftierten Briefkontakt angefangen und beide nach der Entlassung persönlich getroffen (auch hier mit intimen Details). Mit einem habe sie gemeinsam einen Artikel für das Szene-Blatt Landser verfasst. Sie habe das Manuskript entworfen und ihm in die JVA Straubing geschickt. Er habe es verändert zurückgesandt, darauf sie wieder zu ihm. Nach mehreren Redigier-Runden wurde der Text dann anwaltlich begutachtet, erst dann druckte der Herausgeber ihn ab.

Warum Sie den Text verfasst habe, will der Richter wissen. “Da gab es viel Streit in der Szene, und ich dachte, da musst Du was schreiben.” Entsprechend liest sich der Aufsatz hier und da wie die Ratgeberseite einer Frauenzeitschrift:

“Viele Unstimmigkeiten werden durch Missverständnisse und Gerüchte hochgespielt. Vielleicht wäre es besser, wenn jeder mal über sich selbst nachdenkt, bevor man sich über einen Kameraden auslässt. Auch sollte nicht jeder seine privaten Probleme in die Szene einbringen, was ein Parteiergreifen anderer Personen mit sich bringt und wieder spaltet.”

Dann wieder gibt es Passagen wie diese:

“Der Nationale Widerstand ordnet sich dem System nicht in irgendeiner Richtung zu, sondern steht ihm frontal gegenüber und dieser soll alle in unserer Nation umfassen, die reinen Blutes sind.”

Wieder würde ich gern Gedanken lesen können und herausfinden, wer der beiden Autoren was zu dem Text beigetragen hat. So oder so ist Mandy S. weit oben in der Szenehierarchie gelandet. Reiner Männeranhang ist sie nicht mehr. Ihr Name steht gleichberechtigt mit ihrem inhaftierten Ko-Autor unter dem Artikel. Und der Landser, das war schon was, den hat die Szene gekannt und geschätzt. Und Mandy S. hat vor Gericht nicht einmal den Versuch unternommen, ihre Rolle herunterzuspielen.

Nur: Warum erzählt sie das alles, obwohl sie schweigen könnte?

Seit 2007 habe sie sämtliche Kontakte in die Szene einschlafen lassen und sich inzwischen vollständig gelöst, sagt sie in ihrer Vernehmung. 2007 wurde ihre Tochter geboren. Als das NSU-Trio im November 2011 aufflog, da dauerte es nicht lange, bis nicht nur die Polizei, sondern auch die ersten Reporter auf Mandy S. in ihrem kleinen Heimatort in Sachsen stießen, denn Mandy S. war ja auch eine der Tarnidentitäten von Beate Zschäpe.

Mandy S. hat bisher nur zwei Interviews gegeben. Das erste bekam die Welt. Sie sagte darin, sie hoffe, mit diesem einen Interview sei es für immer getan, denn sie wolle in Ruhe gelassen werden. Das zweite holte sich Stern-Reporterin Lena Kraft. Sie reiste in Mandy S.’ Heimatort und ließ sich als vermeintliche Kundin einen Termin in ihrem Friseursalon geben. Es funktionierte. Mandy S. ließ sich auf ein langes Gespräch ein. Die Reporterin notierte:

Mandy S. wirkte in dem Gespräch verzweifelt, wie eine Getriebene. Irgendwann hatte ich den Eindruck, dass sie mir alles erzählen wollte, ich sollte Verständnis für ihre Situation entwickeln.

Die vorletzte Männerbeziehung, von der Mandy S. erzählte, ist die zu dem Vater ihrer Tochter. Es ging schief, er sei gewalttätig geworden, sie habe ihn vor die Tür gesetzt. Danach gab es dann noch einen Mann, der ihr Kind nicht akzeptiert habe und den sie darum schnell abserviert habe. Sie habe Lehrgänge gemacht und sich qualifiziert. Jetzt ist sie nicht mehr einfache Friseurin, sondern Chefin ihres Salons.

Ja, in ihrer Geschichte, die sie mit ihrer weichen, schönen Stimme erzählt, steckt manches, was unwahrscheinlich klingt. Aber vielleicht sagt sie doch die Wahrheit. Sie hätte gute Gründe dafür. Und vielleicht wäre es eine gute Idee, mit den Frauen der NSU-Unterstützer zu reden. Schon möglich, dass die eine oder andere noch eine Rechnung mit einem ihrer früheren Männer offen hat.

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