Das Dumme mit Verschwörungstheoretikern ist, dass man mit ihnen nicht diskutieren kann. Das liegt auch daran, dass Verschwörungstheoretiker sehr flott von einer Theorie in die nächste wechseln können, auch, wenn Theorie 1 und Theorie 2 überhaupt nicht zusammenpassen. Im Fall Peggy reden solche Leute davon, Peggy sei entführt worden und lebe als Schülerin in Weimar, habe unter anderem Namen im Osten Sachsens bis zu ihrer Ermordung als junge Frau gelebt, treibe sich in Pforzheim herum oder werde bis heute in der Türkei gefangen gehalten. Diese Leute halten mal die eine, mal die andere und manchmal auch alle Theorien auf einmal für plausibel. Besonders populär sind unter den Verschwörungstheoretikern im Fall Peggy zurzeit zwei Trends: Zum einen heißt es dort, Peggy sei keinesfalls tot, da sei man sich sicher. Zum anderen gilt es in diesen Kreisen gerade als Gewissheit, dass Peggy diversen Kinderpornoringen in die Hände fiel. Beide Theorien sind schlicht perfide, zumal in Kombination.

Die Kinderporno-Theorie erreicht gerade auch professionelle Medien. Auch Zeitungsportale präsentieren in voyeuristischer Manier zusammengepfuschte Fotokollagen, die in mehrfacher Ausführung das Portrait von Peggy zeigen, ergänzt durch ein weiteres Foto, von dem erstmal nur klar ist, dass die darauf gezeigte junge Frau eventuell gewisse Ähnlichkeit mit Peggy haben könnte. Die Herkunft dieses Bildes lässt sich bis zu einem gewissen Punkt nachverfolgen. Es stammt offenbar von jemandem, der sich – aus welchen Gründen auch immer – dem Kampf gegen Kinderpornographie verschrieben haben will. Dieser jemand wiederum will das Foto von einem aktiven Päderasten erhalten haben, über dessen Identität er aber offenbar keine Auskunft gibt. Die Quellenlage ist also durchaus diffus.

Dennoch lässt sich offenbar ziemlich eindeutig rekonstruieren, dass die ähnlich aussehende junge Dame keineswegs Peggy ist. Die Ermittlungsbehörden konnten ihr Konterfei in einer Datenbank finden, in der Gesichter aus Kinderpornos gesammelt sind.  Das Gesicht, das angeblich Peggy Knobloch sein soll, fand sich darin, und es gehört zu einem anderen Mädchen als Peggy.

Den Verschwörungstheoretikern wird das egal sein. Das war es bisher schon. Da stalkten Sie eine junge Frau auf einem Schulhof in Weimar, weil sie sie für Peggy hielten – und als irgendwann die Polizei kam und diese junge Frau, die mit Peggy absolut nichts zu tun hat, von diesen aufdringlichen Misters und Misses’ Marple befreite, da interpretierten sie das als Eingriff der Staatsmacht, die nichts besseres zu tun habe, als die wahre Identität der entführten Peggy in Weimar zu verschleiern. Warum die Staatsmacht so etwas tun sollte? Ein Fehler, dem Verschwörungstheoretiker eine solche Frage zu stellen, denn der weiß immer Bescheid: Weil natürlich höchste Repräsentanten des Staates in die Sache verwickelt seien und womöglich leibhaftige Minister sich Peggy zuführen ließen. Woher er das wisse, der Verschwörungstheoretiker? Da folgt dann statt einer Antwort, womöglich gar eines Beweises, der implizite Vorwurf, man stecke womöglich mit der Staatsmacht unter einer Decke.

Es geht aber durchaus noch geschmackloser. Der Gipfel aller Verschwörungstheorien ist für mich immer die, die lautet, dass Peggys Mutter ihre Tochter zum einen an einen Kinderpornoring verkauft habe und zum anderen selber für Pornobilder mit ihrer Tochter posiert habe. Der Erfinder dieser Theorie stellte dazu schon vor Jahren ein Foto ins Netz, das ein Mädchen mit Peggys Gesicht mit einer Frau zeigte, die auf dem Bild nicht zu erkennen war. Die Stellung dieser beiden ließ sich nur ahnen, weil der Urheber nur einen engen Ausschnitt zeigte. Dazu formulierte er einen Text, der an Boshaftigkeit kaum zu überbieten ist und der sehr deutlich insinuiert, dass Peggys Mutter das Mädchen habe verschwinden lassen. Erst in jüngster Zeit hat dieser Verschwörungstheoretiker eingeräumt, dass er das Foto selber gefälscht hat. Er kopierte das Gesicht von Peggy  auf das erwähnte möglicherweise pornographische Bild.

Das eine Übel an diesen Theorien ist, dass sie die ernsthaften Ermittlungen gelegentlich behindern. Jetzt also sah sich die Staatsanwaltschaft bemüßigt, eines dieser Fotos auszuwerten, damit wenigstens diese Variante aus der öffentlichen Debatte verschwindet.

Das andere Übel ist, wie schmerzhaft jede dieser Theorien auf ihre Opfer wirken muss – die angeblichen Peggys ebenso wie die Familie der echten Peggy. Die Unterstellungen gegen Peggys Mutter sind bisweilen maßlos. Richtig ist, dass es Widersprüche in ihren Aussagen gibt. Die müssen auch aufgeklärt werden. Dass das jetzt endlich geschieht, dazu hat unser Buch einiges beigetragen – ganz gewiss nicht im Sinne der Staatsmacht. Aber Verschwörungstheorien taugen dazu nicht.

6 Kommentare
  1. Pete Denker sagte:

    In vielen Fällen würde es ausreichen, wenn erst einmal ermittelt und dann berichtet wird, sofern es berichtenswerte Informationen gibt. Da es aber in der Vergangenheit oft genau anders heraus der Fall war, da wurde erst berichtet und dann ermittelt, beteuern gewisse Medien diese Verschwörungstheorien.

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  2. Pete Denker sagte:

    Korrektur:

    In vielen würde es ausreichen, wenn erst ermittelt und dann berichtet wird. Sofern es berichtenswerte Informationen gibt. Da es aber in der Vergangenheit oft genau anders herum der Fall war, da wurde erst berichtet und dann ermittelt, befeuern gewisse Medien diese Verschwörungstheorien.

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  3. Tina sagte:

    Was soll ich sagen? Das ist genau das was ich denke! Es gibt zu viele die sich in diese Sache einmischen und angeblich ja soooo vieles wissen! Ist schon eigenartig was Menschen sich zusammenspinnen wenn sie zu viel Zeit haben. Kritisch darf man leider nicht sein denn dann wird einem gesagt man wäre ganz sicher Susanne K. selbst. Oder man wird “höflich” gebeten sich doch rauszuhalten. Also was sich manche da so anmaßen geht garnicht! Ich hoffe wirklich das man das Schicksal von Peggy irgendwann klären kann.

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  4. Pete Denker sagte:

    Also, mir ist in Erinnerung, daß in einer Pressekonferenz die Bevölkerung um Mithilfe gebeten wurde. Darüber hinaus erging ein Aufruf mit Fahndungsplakaten und gegenwärtig gegenwärtig läuft die Suche nach Peggy noch.

    Somit ist weiterhin mit Hinweisen zu rechnen. Der springende Punkt ist, wie man damit umgeht. So hätte man manche Theorie diskret recherchieren können, bevor sie ihren Weg über die Medien in die Öffentlichkeit findet.

    Das sich Verfechter unterschiedlichster Theorien auf Internetplattformen zu Cybersekten formieren, lässt sich auf Grund des medialen Echos nicht verhindern. Zudem die Theorien durch zweifelhafte Berichterstattung immer neue Nahrung finden. Gegenwärtig setzt man auf die Fähigkeiten eines Hellsehers.

    Meine persönliche Hoffnung ist, daß trotz solcher Auswüchse, das Thema Peggy in den Köpfen und in den Herzen der Menschen aktuell bleibt.

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  5. bitterlemmer sagte:

    Mir geht es ja nicht um Hinweise aus der Bevölkerung, sondern darum, dass einige Leute die Ermittlungen in die eigenen Hände nehmen von abstrusen Theorien regelrecht besessen sind. Peggys Schicksal ist nach meinem Eindruck – zum Glück – nach wie vor sehr präsent.

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  6. Pete Denker sagte:

    Der größte Teil der Theorien, die so durch die Medien geistern, geht ja eigenartigerweise den Ermittlungen voraus. Das ganze Fluidum, was um den Fall entsteht, wird noch durch die oberflächliche Berichterstattung begünstigt. Für die abstrusen Theorien gibt es ebenso wenig Beweise, wie seinerzeit für Ulvis Schuld. Die jetzige Situation ist vergleichbar mit einem Machtkampf zwischen Hypothese und Theorie.

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