Kann man diesem Abgrund, der den Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ trägt, etwas Zuversichtliches abgewinnen? Man kann, so abwegig das auf den ersten Blick erscheinen mag. Und es ist ja ein wirklicher Abgrund, der sich um Uwe Böhnhardt und seinen Freundes-, Komplizen- und Helferkreis auftut: Mord, Fremdenhass, Kindesmissbrauch, Erpressung, Gewalt, Drogenhandel, Prostitution und Zuhälterei, Waffenhandel, Menschenhandel – es ist die ganze Palette professioneller Verbrecherei, eine Subkultur des Bösen, abgeschottet und nach außen strikt verschwiegen, im Innern straff und brutal geführt. Ein Paralleluniversum, eine Welt, die normale Menschen nie kennenlernen und in die kein Außenstehender ohne weiteres Einblick erhält.

Aber dann scheiterte am 5. November 2011 ein Bankraub der beiden mutmaßlichen NSU-Mörder Böhnhardt und Mundlos. Beide nahmen sich das Leben. Mit einem lauten Knall flog der „Nationalsozialistische Untergrund“ auf. Schlagartig waren zehn Morde aufgeklärt. Die Mauer der Verschwiegenheit wurde an manchen Stellen brüchig. Es war der GAU für diese Subkultur, deren Gruppen und Grüppchen sich in ganz Deutschland finden, dazu in der Schweiz, in Belgien, in Skandinavien, in der Ukraine, in den USA und noch ein paar Ländern. Gruppen, deren Mitglieder sich kennen, die Geheimnisse miteinander teilen und die sich mal untereinander aushelfen, mal Geschäfte aller Art abwickeln.

Der Gau dieser Subkultur besteht vor allem darin, dass er hat Einblicke ermöglicht, die es bis dahin nicht gab. Endlich gibt es Namen von Mitgliedern, unzählige Vernehmungen, Verhaftungen und Ermittlungen. Sie wurden gesammelt in Akten, von denen rund 200 000 Seiten allein in der Prozessakte des NSU-Prozesses landeten. Schon die Lektüre einer vergleichsweise kleinen Teilmenge daraus widerlegt das Bild des NSU als einer Dreipersonen-Wohngemeinschaft, bestehend allein aus Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe. Die Vision vom reinen Trio mag so in der Anklage stehen, aber sie dürfte eher mit Prozessökonomie zu tun haben als mit dem wirklichen Leben. Irgendwie musste die Bundesanwaltschaft den Stoff sortieren und juristisch bewerten, und sie stand dabei auch unter Zeitdruck. Das Material, dass es in die Prozessakte schaffte, geht über den Stoff der Anklage weit hinaus. Dieses Material belegt jedes der aufgezählten Delikte.

Das Bild, das entsteht, ist das einer organisierten Struktur mit festen Regeln und Riten. Zu ihr gehören Rocker oder Gruppen mit eher lächerlichen Namen wie Hammerskins. Es sind meistens rein männliche Vereinigungen. Frauen sind selten, und wenn, dann stehen sie hoch oben in der Hierarchie. Die meisten Frauen, die in der Subkultur feststecken, sind allerdings Prostituierte, häufig aus Osteuropa. Die Namen von Bordellen und ihrer Betreiber sind inzwischen bekannt. Es sind Männer der Rangstufe Böhnhardts oder deren Chefs. Hinzu kommen Gruppen, die auf bestimmte Geschäfte oder kulturelle Themen spezialisiert sind, etwa auf Musik, den Glauben an Odin und seine germanische Götterbande oder die fast schon kultische Verehrung des „Führer-Stellvertreters“ Rudolf Heß. Das NSU-Trio stand keinesfalls an der Spitze dieser Subkultur, aber es spielte eine herausragende Rolle. Die Suche nach weiteren Mordopfern aller Kriminaldisziplinen ist eine gute Entscheidung, der sich weitere Behörden anschließen sollten.

Zurück zum Ausgangspunkt. Einer dieser Momente, in denen die Mauer des Schweigens porös wurde, war etwa die Aussage eines ehemaligen Kumpels von Böhnhardt, der sich im Zeugenstand dazu hinreißen ließ, seine eigene kranke Fantasie zu offenbaren. Er habe seinen Job verloren, weil man an seinem Arbeitsplatz Kollagen zerstückelter Kinder gefunden habe. Eine ziemlich natürliche Reaktion, daß Vorgesetzte und Kollegen in Derartigem das Werk eines Monsters sehen, mit dem sie nichts zu tun haben möchten. Dann all diese anderen Bezüge, etwa zu diesem Monster Tino Brandt. Dank Böhnhardts DNA bei Peggy fragt sich jeder, ob sein Bild, das er sich vom NSU gemacht hat, nicht viel zu harmlos gewesen sein könnte. Das ist der nächste GAU für die Subkultur. Jetzt geht es ihnen nicht nur wegen der Ceska-Morde an den Kragen, sondern auch für alles andere. Die Anführer sollten sich an den Gedanken gewöhnen, dass auch Sie jetzt an die Reihe kommen könnten. Bisher laufen sie frech und frei herum, brettern mit Ferraris durch Jena und die Schweiz und verarschen Ermittler und Gerichte. Man kennt auch ihre Namen, und der Druck von außen, sie endlich aus dem Verkehr zu ziehen,  wird jetzt hoffentlich massiv. Und auch die verstörende Frage könnte neu gestellt werden, welche Rolle Behördenmitarbeiter bei alldem spielen. Wir reden ja über eine Subkultur, in der annähernd jeder Mittel- oder Oberchef und dazu alle möglichen Fußsoldaten V-Leute für Geheimdienste waren und auch mancher Polizist mal ein Bordell besucht haben könnte.

Die Chance, diesen unfassbaren Sumpf endlich trockenzulegen, ist freilich nicht das, was ich mit der hellen Seite meine. Damit meine ich etwas anderes. Dass der Fall Peggy jetzt womöglich ein weiterer Fall jedenfalls des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt ist, könnte damit zu tun haben, dass der Kreis der Gewaltverbrecher derartigen Kalibers überschaubar sein könnte. Wäre Peggys Mörder ein anderer, dann gäbe es neben Böhnhardt einen Mörder mehr unter uns. Vielleicht aber existieren  gar nicht so viele abgrundtief böse Menschen wie manche fürchten. Vielleicht ist die Sache gar nicht uferlos. Vielleicht überblickt man nach all den Ermittlungen und Recherchen zum NSU-Komplex inzwischen einen beachtlichen Teil dessen. Vielleicht bringen die Ermittlungen, die jetzt gerade zusätzlich losgehen, Resultate. In Thüringen wurde bereits eine neue Sonderkommission eingerichtet, um ungeklärte Verbrechen gegen Kinder zu untersuchen. Vielleicht kommt so auch heraus, wer 1993 den neun Jahre alten Bernd Beckmann ermordet hat. Auch da gab es ja schon einmal einen Verdacht gegen Böhnhardt.

Als ich davon erfuhr, dass seine DNA bei Peggy gefunden wurde, da war ich ehrlich geplättet. Das hat auch damit zu tun, dass der Fall Peggy lange Zeit – an die zwei Jahre – meine Hauptbeschäftigung war, am Ende mit einem Buch, zusammen mit Ina Jung. Dann fing der NSU-Prozess in München an. Der geht jetzt seit dreieinhalb Jahren. Bisher gab es 316 Verhandlungstage. Wenn ich richtig gezählt habe habe ich davon 314 im Gerichtssaal verfolgt und darüber geschrieben, daneben alle möglichen Features, auch über die Verdachtsmomente wegen Kindesmissbrauchs in der Szene. Und dann – plömm – sind der Fall Peggy und der Fall NSU plötzlich miteinander verquickt und womöglich eine einzige, noch monströsere Verbrechensaffäre.

Da kam mir der Gedanke, dass genau darin die tröstliche Erkenntnis liegen könnte, dass jetzt die wirkliche Dimension der Subkultur wichtbar wird. Dass es in Wahrheit gar nicht so viele sind, die dazugehören. Dass man sie alle kriegen kann. Dass der Rest der Menschheit zu solchen Verbrechen nicht fähig ist, weil im Kern mehr oder weniger gut. Dass der Zivilisationsbruch all der Böhnhardts in scharfem Kontrast steht zur ansonsten eben doch funktionierenden Zivilisation. Einen Verbrecher vom Schlage eines Böhnhardt von außerhalb der Zivilisation hatten wir schon einmal an der Spitze des Landes, so einer darf da nie wieder hin. Und wo die Grenzen nicht sauber gezogen sind, da können Sie vielleicht endlich wieder gezogen werden. Stichwort: Geheimdienste. Stichwort: Ermittlungspannen, Manipulation von Zeugen, falsche Anschuldigung von Opfern, gar ein falsches Mordurteil, zufällig gegen einen unschuldigen Türken. Da wurden Gute für Böse gehalten, und da waren die böse, die Gute sein sollten. Und das Geheule der Verschwörungstheroretiker vom matschigen Ufer des Sumpfes sollte einfach egal sein.

Klingt nach schwarz-weiß? Ist es.

Ist es darum falsch? Ich denke nicht. Schon deshalb nicht, weil klare Grenzen mit Rechtsstaat zu tun haben. Damit Menschen wissen, was erlaubt ist und was verboten. Und erst recht nicht, weil der Tod von Peggy Knobloch, Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismael Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasic, Halit Yozgat, Michéle Kiesewetter, Bernd Beckmann und vielleicht weiterer Ermordeter wenigstens nicht sinnlos gewesen wäre.

5 Kommentare
  1. Hartwich, Ingo sagte:

    Ich denke? Dass es Christoph Lemmer war, welcher während des WAV und Anspielungen auf eine Verbindung zwischen Peggy und des NSU, dies als absurd abgetan hat. Ja sogar seine wohlgepflegte Facebookseite nutzte, um diese Fabel zu entkräften. Jetzt muss der Journalist eine Rolle rückwärts machen. Diejenigen welche aber über lange Zeit an den Fakten dafür gearbeitet haben, wird nicht einmal der notwendige Respekt gezollt. Nein, viel schlimmer, die Entwicklung wird zur eigenen literarischen Selbstdarstellung genutzt. Respekt verloren und einen Leser!

    Antworten
  2. Joachim Adamek sagte:

    Ich kenne keinen anderen Kriminalfall, der die Öffentlichkeit in den letzten Jahren so beschäftigt hat, wie das Schicksal von Peggy. Wenn ein Mensch spurlos verschwindet, schiessen die Spekulationen ins Kraut. Das ist normal. Auch dass viele Menschen schnell in Verdacht geraten. Selbst mir ging das so: Ich habe den Täter mal in Lichtenberg, dann wieder im familiären Umfeld, und zuletzt bei einem Serienmörder vermutet. Klar war mir, dass der Täter pädofile Neigungen haben musste. Aber ich hätte ihn nie und nimmer beim NSU vermutet. Heute frage ich mich, weshalb. Aber auch, wie nah waren die Dienste wirklich am NSU? Kassel und Heilbronn nähren einen bösen Verdacht.

    Antworten
  3. Winston Smith sagte:

    Den Mord einem geistig Behinderten in die Schuhe zu schieben, hat wohl nicht ganz geklappt, denn dieser hatte wider Erwarten Unterstützer. Warum versucht man es dann nicht mit einem Toten? Der kann sich immerhin nicht mehr gegen die Anschuldigungen wehren.

    Mal ehrlich: Welcher Mensch, der noch halbwegs bei Verstand ist, glaubt nach all dem, was passiert ist, einem Ermittler wie Herrn Geier? Was in diversen Pressemeldungen präsentiert wird (NSU-DNA an Peggys Leiche gefunden), ist so abstrus, das es nicht einmal dem Hirn eines durchgeknallten Aluhut-Trägers entsprungen sein könnte. Oder sollte es gerade deshalb wahr sein?

    Vielleicht ist die Erklärung sehr viel einfacher. Hat vielleicht mal wieder jemand in einem DNA-Labor geschlampt, wie es beim Heilbronner Phantom der Fall war?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Heilbronner_Phantom

    Das hätte natürlich nicht den Charm eines bösen Genies. Vielmehr würde es (wie im Fall Peggy schon so oft) auf peinliche Weise die himmelschreiende Unfähigkeit deutscher Ermittlungsbehörden und Gerichte aufzeigen.

    Antworten
  4. bitterlemmer sagte:

    Ich hätte den Täter auch nie und nimmer beim NSU vernutet. Eine kurze Bemerkung zu Ingo Hartwich: Es ist ein Unterschied, ob man einfach so in Blaue behauptet, Peggy sei ein NSU-Opfer, oder ob ein Beweis wie diese DNA das naheliegt. Es gab bis dahin im Fall Peggy keine Verbindung zum NSU, die nachvollziehbar oder begründet gewesen wäre. Es ist ein bisschen wohlfeil, so zu tun, als sei es irgendwie verdienstvoll oder besonderen Fähigkeiten geschuldet, wenn ein blinder Zufallstreffer jetzt für etwas gelten soll.

    Antworten
  5. Hartwich, Ingo sagte:

    Herr Lemmer, welcher Journalist sind Sie, der nicht in der Lage ist zeitliche und geographische Abläufe in ein Verhältnis zu setzen, es gab ausreichend Fakten die eine Verbindung beider Fälle aufzeichneten, allein schon die Person Geier und vielerlei Aspekte, welche zumindest einer Überlegung wert gewesen wären. Sie haben sich jedoch nie die Mühe gegeben. Ich kann mich noch genau an Ihren Facebookpost erinnern, in dem Sie dies als absurd abtaten. Nun die Geschichte hat mir dann doch wohl recht gegeben, darauf bin ich nicht stolz. Nie haben Sie Hanse Wirth erwähnt, nie die sozialen Umstände und Herkünfte beleuchtet. Herr Lämmer Sie waren nicht nur blind, sondern auch mit Ihrer eigenen Eitelkeit beschäftigt. Übrigens leben nicht Journalisten wie Sie von Zufallstreffern, oder wird Ihr Schaffen durch Ihre Nachbarschaft in Bad Aibling bestimmt. Leider eine nachfliegende Vermutung!

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.