Je suis Charlie“. Auch, wenn die NPD sich heute ebenfalls Charlie Hebdo nennt und Pegida sich bestätigt sieht. Beifall von der falschen Seite lässt sich nicht vermeiden. Die giftige Melange aus Abendland, Morgenland, Ressentiment und Opportunismus ist nach den Schüssen in Paris noch giftiger geworden. In den Radionachrichten hörte ich heute mehrmals Pegida als Thema Nummer 2. Ohne Charlie Hebdo wäre es jedenfalls beim Bayerischen Rundfunk auch heute Thema Nummer 1 gewesen. Die heutige Folge handelte davon, dass auch Horst Seehofer in Kreuth etwas zu Pegida zu sagen hatte. In Kurzform: Er sagte dasselbe wie alle anderen aus allen anderen Parteien, nur etwas freundlicher. Und ein weiteres Mal beschlich mich das Gefühl, dass sich zu viele Leute die gute Sache derart zu eigen machen, dass am Ende eine schlechte daraus wird.

In den Tagen um den Jahreswechsel, als wir noch nicht Charlie Hebdo waren, da hatte ich den Eindruck, Pegida sei das Topthema Deutschlands. Eine nationale Affäre wegen 18.000 Hanseln, die sich Abendland nennen, was ziemlich grotesk ist, denn das Abendland ist christlich und die Pegidas sind DDR-Atheisten. Leider ist das Abendland tatsächlich etwas untergegangen, denn christliches Bekenntnis gilt seit einigen Jahren als eher unmodisch. Die Pegidisten haben sich das Abendland geklaut, so, wie sie sich die Montagsdemos geklaut haben und über die Feiertage Weihnachtslieder. Alles nur geklaut. Nichts davon ist echt. Eine Copy-and-Paste-Bewegung. „Wir sind das Volk!“, rufen sie. Wie lächerlich! 18.000 geistig-moralische Plagiateure maßen sich an, für unser 80-Millionen-Volk zu sprechen?

Dummerweise gibt’s da aber noch eine andere Seite, und die ist nicht besser. Der Eindruck der nationalen Wichtigkeit entstand ja erst, weil die, die von den Pegidisten als „Lügenpresse“ geschmäht werden, sie richtig groß rausbrachten. Und das taten sie wiederum deshalb, weil das gesamte Spektrum an Parteien und Organisationen den Stoff dafür lieferte. Parteien, Kirchen, Gewerkschaften – das gesamte Funktionärs- und Verbändewesen Deutschlands rief zum „Widerstand“ gegen Pegida – ja: So habe ich es gestern stundenlang im öffentlich-rechtlichen Radio gehört, wieder und wieder: „Der Widerstand gegen Pegida ist weiter gewachsen“. Da waren es die beiden Altkanzler Schmidt und Schröder, die den nachrichtenrelevanten Anlass lieferten.

Widerstand? Dieses Wort kannte ich bisher aus Ländern, in denen Unterdrückte sich gegen die Unterdrücker erheben. Widerstandsrecht kennt auch das deutsche Grundgesetz, aber nicht gegen eine Gurkentruppe à la Pegida, sondern gegen eine eventuell eines Tages die Grundrechte abschaffende Regierung. An sprachliche Schlamperei mag ich hier nicht glauben. Es wird wohl eher so gewesen sein, dass den Redaktionen die korrekten Worte ausgingen, um über Wochen hinweg ein Nichtthema irgendwie bedeutend klingen zu lassen. „Kritik“, „Empörung“ & Co. sind im Pegida-Kontext schon seit einer Weile etwas ausgeleiert.

Eher wird es daran liegen, dass zu viele Redaktionen die Distanz zu ihren Protagonisten aufgegeben haben. Muss man gleich mit allen politischen Lagern eine gemeinsame Kampagne fahren, nur, weil 18.000 Trottel mitsamt einer Handvoll Hooligans sich Abendland nennen?

Sowas schwächt und rächt sich. Kampagnen sind Mist, schon gar, wenn die Regierenden sie vorantreiben. Widerstand auf Seiten der Staatsmacht – das ist einfach absurd. Jetzt raufen sich etliche Redakteure die Haare und fragen sich, wie sie die Berichterstattung über Charlie Hebdo weichzeichnen, weil sie fürchten, ihre Berichte könnten dem Publikum anti-islamische Reflexe eingeben. Es geht zu wenig um Fakten und klare Gedanken, dafür zu viel um gute Absichten.

Ob die NPD weiß, dass Charlie Hebdo eine linke Zeitschrift ist?

Ob die NPD weiß, dass Charlie Hebdo eine linke Zeitschrift ist?

Charlie Hebdo ist/war derartiges egal. Es handelt sich – NPD und Pegida, aufpassen – um eine linke Zeitschrift. Die haben aus Prinzip alles und jeden aufs Korn genommen. Muss man nicht mögen, ist aber erlaubt. Bedroht wurden sie dafür freilich nur von Islamisten, Leuten übrigens, mit denen NPD und Pegidisten viel gemein haben, etwa ihre Vorliebe für die Hamas oder ihren Hass auf Israel und die Juden. Charlie Hebdo war jede Bedrohung egal. Sie druckten trotzdem munter Mohamed-Karikaturen. Die französische Regierung kritisierte sie dafür scharf (was zeigt, dass Merkelsche Basta-Feigheit, also Opportunismus, nicht allein ein deutsches Problem ist).

„Kritik am Islam muss so banal werden wie Kritik an Juden oder Katholiken“, sagte Charlie-Hebdo-Chefredakteur Stéphane Charbonnier. Das war so etwas wie seine Mission. Die hat er durchgezogen. Wegen der wurde er bedroht, wegen der stand er unter Polizeischutz, wegen der wurde er heute ermordet. Der Mann hat etwas riskiert. Er war verdammt mutig. Ein Held – das meine ich ernst. Ein Vorbild.

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