Irgendwie sind wir inzwischen eine große NSU-Gemeinschaft, die Gerichtsreporter, einige Stammzuschauer und die Sicherheitsbeamten unten an der Pforte. Es ist wie in jeder Gemeinschaft. Mit manchen versteht man sich besser als mit anderen. Nach nunmehr 210 Verhandlungstagen grüßt man sich und scherzt auch mal herum. Die Polizisten und Justizwachleute an der Pforte treffe ich mindestens zwei Mal täglich, am Morgen und nach der Mittagspause.  An ihnen muss vorbei, wer in den Gerichtssaal will. Hinter dem Eingang haben sie einen Kontrollpunkt wie am Flughafen aufgebaut, nur kleiner. Man muss seine Siebensachen auf ein Band legen, auch Jacke, Geldbörse und Hosengürtel. Währen die auf einem Band durch die Durchleuchtungsmaschine fahren, spaziert unsereiner durch ein elektronisches Schleusentor. Das piept bei mit eigentlich immer, auch, wenn ich nichts metallisches an mir habe. Ob es piept oder nicht ist aber egal, denn die nächste Station ist immer eine Art Umkleidekabine, in der ein Polizist den Leib visitiert.

Ich habe festgestellt, dass es zwei Typen von Visitierern gibt.

Der eine ist soweit okay. Er tastet mit ausgestreckten Armen und hält nach Möglichkeit körperliche Distanz. Meistens beginnt er an der Schulter und patscht sich über Bauch und Rücken zu den Füßen durch. Je nach Laune nimmt er auch ein Stück des Hosenbundes mit, spart die primären Geschlechtsorgane jedoch aus.

Der andere ist überhaupt nicht okay. Das fängt schon damit an, dass er seine Arme anwinkelt, was unerwünschte Nähe schafft. Auch er beginnt am Oberkörper und tastet sich nach unten durch, ist aber anders als Typ 1 auch an heiklen Stellen interessiert. Typ 2 geht dabei gern so vor, dass er nach dem Hosenbund die Hände erstmal den Oberschenkel abwärts und dann wieder aufwärts gleiten lässt, und zwar auf der inneren Seite. Wie zufällig touchiert der Handücken dann immer die Mitte. Anfangs glaubte ich an ein Versehen, aber es ist bei diesem Typus immer dasselbe. Errst den rechten Oberschenkel ab und auf, dann den linken,.

Muss das sein?

Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, diese Frage zu diskutieren. Ich habe am Anfang des Prozesses ziemlich viel über manches diskutiert, was mir nicht einleuchtet. Beispielsweise leuchtet mir bis heute nicht ein, dass unterschiedslos jeder Beobachter durch diese Prozedur muss. Vater Staat sieht Sicherheitsfragen immer sehr mechanisch. Er schaut nicht darauf, wer gefährlich sein könnte, sondern nur was. Aber gut, diese Debatte führt zu nichts. Sie ist zu grundsätzlich. Das findet jeder anstrengend, außer mir. Der Herr behandelt alle gleich, Verdächtige wie Unverdächtige, in diesem Fall gleich würdelos.

Damit ist natürlich nicht geklärt, warum der eine Sicherheitsbeamte auch den Pimmel checkt und der andere eben nicht. Nachdem es für so ziemlich alles eine Vorschrift gibt: Gibt es die auch hier? Steht irgendwo geschrieben, wie weit die Fummelei im Namen der Sicherheit gehen darf? Und darf ich auch mal nein sagen, wenn’s zu arg wird?

Einer der Beamten (Typ 1) meinte mal, da habe jeder seinen „persönlichen Stil“. Ich verkneife mir weitergehende Gedanken zur möglichen Korrelation zwischen Abtast-Stil und sonstigen Angewohnheiten.

6 Kommentare
  1. Hyun sagte:

    „Vater Staat sieht Sicherheitsfragen immer sehr mechanisch. Er schaut nicht darauf, wer gefährlich sein könnte, sondern nur was.“

    „Der Herr behandelt alle gleich, Verdächtige wie Unverdächtige, […]“

    So ist das auch gedacht, sonst hieße es ja gleich wieder „Rassismus! Diskriminierung!“, wenn Unterschiede gemacht würden.

    Antworten
  2. Pina Colada sagte:

    Wenn die Vorgehensweise bei der Visitation immer die Gleiche, also eine feste Prozedur wäre, dann wäre sie damit absehbar, sprich einkalkulierbar. Dann könnte man ja wirklich irgendwann eine Knarre hinterm Pi..el reinschmuggeln. Vor 40 Jahren war man ja auch nur deswegen in der Lage, Pistolen und Sprengstoff nach Stammheim zur RAF einzuschleusen, weil die Durchsuchungsmethodik immer gleich strukturiert war.

    Und das Weglassen der Visitation – weil man Journalisten per se zu den good guys klassifizieren würde – wäre wiederum ein Angriffspunkt (Lese mal das Buch von Sun Zi über die Kunst des Krieges) auch für Dich. Denn wenn Du nicht durchsucht wirst, dann könnte man ja mittels Gewaltandrohung oder -einwirkung gegenüber Lebenspartner und Kinder bestimmt auch einen Journalisten dazu zwingen können, Dinge in einen Sicherheitsbereich einzuschleppen. Die Visitation bei auch vermeintlich unnötigen Besuchern schützt diese ähnlich wirkungsvoll wie beim Zeitschloss bei der Bank: Man kann den Bankmitarbeiter noch so arg bedrohen, die Tresortür öffnet sich keine Sekunde früher.

    Ergo betrachte diese etwas peinliche Visitation also vielmehr unter dem Blickwinkel, dass es Dich und Deine Angehörigen schützen tut.

    Antworten
  3. Jürgen Pohl sagte:

    Also Herr Kollege! Nach mehr als 2 Jahren NSU-Prozess ist der (fast) tägliche „Pimmelcheck“ nicht mehr aus meinem Alltag wegzudenken. Und wenn wir mal wirklich ehrlich sind: Seitdem nur noch an 2 Tagen pro Woche verhandelt wird haben wir doch alle ein Stück Lebensqualität verloren, oder? :-)

    Antworten
  4. S.J.Frees sagte:

    Also ich muss dir Recht geben. An dem Tag hatte ich auch das Gefühl,der will es genau wissen. Es gibt aber auch welche die schauen dich nur an ein Handgriff auf dem Rücken genügt. Aber trotzdem muss man sagen egal wer es ist wir werden immer sehr freundlich empfangen.Aber dein Kommentar ist genial!!!!

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.