Die Debatte über die Piraten-Partei artet zunehmend in ein gouvernantenhaftes „darf man das“ aus. Über manches, etwa die Verbrennung von Emma-Heften, kann man sich streiten, und man darf natürlich auch, wie der Focus und praktisch alle anderen das getan haben, die Berichte über dieses Treiben mit den reflexhaften Erinnerungen an die Bücherverbrennungen der Nazis einleiten. Man darf sich aber auch fragen, ob es nicht doch einen kleinen Unterschied zwischen Völkermördern und gewaltfreien Aktivisten gibt. Oder zwischen dem Symbol für die physische Vernichtung ganzer Denkschulen und unerwünschter Herkunft oder der ungeschickten (wenngleich berechtigten!) Kritik an einem Schmähartikel. Und ob man den Nazis nicht einen unverdienten Gefallen tut, wenn man sie wegen Denkträgheit mit vergleichsweise harmlosen Piraten zusammenwirft.

Ich verstehe die Piratenpartei inzwischen als eine Gruppierung, deren oberste Priorität darin besteht, die  inhaltsentleerte Phrasendrescherei und Sonntagsredenlogik der sonstigen Parteien zu unterlaufen. Das ist großartig. Mit Geschichtsvergessenheit oder unpolitischer Naivität hat das auch nichts zu tun. Es ist schlicht der Versuch, nur noch solche Sätze zu sagen, die tatsächlich einen Sinn ergeben und routinemäßige, allein aus traditionellen Gründen als wichtig erachtete Blubbereien als solche zu entlarven.

Dazu gehören ersatzreligiöse Bekenntnisse aller Art, die man daran erkennt, dass man, wenn man es in angeblich aufgeklärter Gesellschaft wagt, sie zu bestreiten, mit enthemmtem Hass bedacht wird. Ein falsches Wort zur Atomkraft – bäng! Nach dem Bäng geht dann im aufgeregten Geschrei der Gläubigen unter, was man an Argumenten vorzubringen hat. Immer, wenn ich Anti-Atom-Freunden sage, dass etwa der Guru der US-Umweltschützer, Stewart Brand, aus wohldurchdachten Gründen auch nach Fukushima die Atomkraft befürwortet, halten sich die Anti-Atom-Freunde die Ohren zu und machen laut „Lalalala“. Darum erfahren sie nie (wollen sie auch nicht), dass Brand nämlich die Gefahren für die Atmosphäre für größer hält und das Hauptproblem der Atomkraft, die Lagerung ausgebrannter Brennstoffe, für lösbar. Sympathischerweise gibt es bei den Piraten eine Pro-Atom-Bewegung. Natürlich hört man nur wenig über die, weil unsere staatsnahen und grün-affinen Mainstream-Medien meist nur die Anti-Atom-Piraten zitieren, die es ebenfalls gibt. Festzuhalten ist: Bei den Piraten darf gestritten werden, auch über Themen, die ansonsten in der Gesellschaft ersatzreligiösen Fanatismus auslösen.

So, wie auch das Thema Mülltrennung. Mir persönlich geht es schon lange auf den Zeiger, dass es kaum noch jemand wagt, in Frage zu stellen, wie sinnvoll es ist, wochenlang mit einem Kofferraum herumklirrender Flaschen durch die Gegend zu fahren oder den Balkon mit demnächst zu entsorgenden Spezialabfällen zu verschönern. Wenn ich sage, dass Müll automatisch längst besser und schneller getrennt wird als von Hand, folgt meist wieder das laute Lalala mit zugehaltenen Ohren. Wieder so ein ersatzreligiöses Fanal. Als würde der Mülltrennautomat dem Gläubigen die Liturgie zerstören.

Aber Hoffnung naht. Die inzwischen recht bekannte Bundesgeschäftsführerin der Piraten, Marina Weisband, twitterte und facebookte dieser Tage über den ersatzreligiösen Charakter der Mülltrennung und holte sich dafür hunderte Kommentare, Retweets und Mag-ich-Klicks. Offenbar gibt es mehr Leute, als man denkt, die die Nase voll haben von alternativlosen Dogmen für alle Lebenslagen.

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