Wem nützt eigentlich diese Gerede über die „Mauer im Kopf“, die angeblich Ost von West trenne? Denn wahr ist daran ja nichts. Wahr ist, dass es eine Spaltung der Gesellschaft gibt, aber die verläuft ganz anders als entlang der früheren Mauer. Sie verläuft quer durch den Osten, nämlich zwischen denen, die in der DDR Macht hatten oder von ihr profitierten, und denen, die das Regime hassten und loswerden wollten. Letztere waren und sind die klare Mehrheit und halten bis heute nichts davon, dass die Linkspartei von den Medien als Robin Hood des Ostens präsentiert wird, erstere wurden schon zu DDR-Zeiten vom Westen mit Westmark gehätschelt. Zu belegen ist meine Einschätzung anhand der Wahlergebnisse. Die Linkspartei, die sich früher SED nannte, kommt in den ostdeutschen Ländern seit jeher auf  zehn bis zwanzig Prozent, was in etwa dem Anteil der herrschenden Clique entspricht. Im Westen verläuft die Mauer zwischen der politischen Klasse, geprägt von den 68ern, großteils sogar noch nach dem 9. November 1989 einer staatlichen Wiedervereinigung des geteilten Landes widerstrebend bis ablehnend gegenüberstehend, und der Mehrheit der Bevölkerung, die sich bedingungslos und ohne Vorbehalte über den Fall der Mauer freute.

Die Geschichtsklitterung, die die CDU am Wochenende vorführte, ist dabei immerhin erträglicher als die Heuchelei von SPD, Grünen und FDP. Denn es stimmt, dass die Union, anders als SPD, Grüne und FDP, die Wiedervereinigung noch im Programm hatte. Es stimmt aber auch, dass ein wesentlicher Teil der Partei, insbesondere der Landesverband Nordhrein-Westfalen und der Flügel unter Heiner Geißler, das ändern wollten. Im Herbst 1989 plante Geißler auf dem Bremer Bundesparteitag den Sturz von Helmut Kohl, der mit der programmatischen Angleichung der CDU an die deutschlandpolitischen Vorstellungen von SPD, Grünen und FDP einhergehen sollte. Der Plan scheiterte nur deshalb, weil Kohl den Delegierten eine brandheiße Nachricht übermitteln konnte. Der ungarische Außenminister Giulia Horn hatte ihn über die Öffnung seiner Grenze nach Österreich informiert. Damit brach die Geißler-Front zusammen. Ebenfalls ist natürlich unbestreitbar, dass Kohl, der bis dahin ein lausiger Kanzler war, die Chance packte und etwas draus machte. Sein damaliger SPD-Gegenspieler Lafontaine, das darf wohl als sicher gelten, hätte alles vermasselt.

Für die Parallelwelt der politischen Klasse ist der 3. Oktober jedes Jahr ein Fest, zum runden Jubiläum diesmal ganz besonders. Schon der Umstand, dass es dieser Tag wurde, ist ein Triumph der Parallelwelt. Ausgerechnet den bürokratischen Akt der amtlichen Besiegelung der Wiedervereinigung feiert sie, nicht aber den 9. November, den Tag, an dem die Mauer tatsächlich fiel und an dem auf einen Schlag Millionen Menschen die neu gewonnene Freiheit miteinander feierten. Dass der 9. November auch das Datum der Reichspogromnacht war, ist in Wahrheit kein Hindernis, sondern hätte erst Recht für diesen Tag gesprochen. Der 9. November bleibt auch so der Nationalfeiertag der Herzen. Er steht wie kein anderer Tag für die dunkle und die helle Seite der deutschen Geschichte und ist darum etwas besonderes, jedenfalls für die Realgesellschaft des Landes. Da mag die Parallelgesellschaft der Institutionen ihren Bürokratentag feiern wie sie will.

1 Antwort
  1. Ulrich Huppenbauer sagte:

    Hier stimme ich Ihnen voll zu. Ich ärgere mich jedes Jahr über den 3. Oktober als Nationalfeiertag. Es zeugt von Geschichtslosigkeit und Unsensibilität. Ein geplanter bürokratischer Akt an einem geplanten Tag – er paßte eben in Kohls Terminkalender – kann doch niemals Ausgangspunkt für einen Nationalfeiertag sein. Der 17. Juni war ein Tag der Erschütterung und des Gedenkens. Es war der 13. August, und es war selbstverständlich der 9. November: mehrfach. Der 9. November hätte die Chance geboten, Beschämung und Glück zusammen und im Zusammenhang zu sehen. Man könnte auch sagen: Absolute Zukunftslosigkeit – denn am 9.November 1938 hatte Deutschland alles verspielt, was es verspielen konnte: seine Geschichte, seine Kultur, seine Zivilisation, seine Zukunft, seine Moral – und der 9. November 1989 unerwartete Eröffnung der Zukunft, und dies auch noch friedlich – ohne Blutvergießen – zusammen an einem Tag und im Zusammenhang zu sehen – das hätte Sinn gemacht. Solche Tage sind nicht geplant, sie prägen sich aber in den Gefühlszustand eines Volkes ein.
    Der 3. Oktober setzt auch heute bei mir noch keinerlei Gefühle frei. Es wäre eher noch der 5. November gewesen. Da waren 1 Million in Ost-Berlin auf der Straße, ein unerhörter Vorgang. Auch diese Demonstration verlief friedlich. Sie war Ausgangspunkt vieler Hoffnungen, die für manchen allerdings nur 4 Tage anhielten. Denn am 9. November war wirklich alles anders.

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