Michael Buback (65), der Sohn des Ermordeten. Die BZ hat mich (Mitte) als Berichterstatter zur Prozesseröffnung entsandt

Der neue RAF-Prozess in Stammheim ist in gewisser Weise eine Premiere. Zum ersten Mal spielt die Familie eines Ermordeten eine Hauptrolle, im Verfahren wie in den Medien. In den früheren Terroristen-Prozessen waren die Rollen immer anders verteilt. Da redete jeder über die Täter. Hier und da fiel noch etwas Ruhm auf die Terroristen-Anwälte ab. Aber wer hätte je von den Hinterbliebenen gehört, außer vielleicht in gefühligen Schmonzetten-Reportagen, die mehr vom Opfersein handelten als von den Verbrechen? Opfer gehören im öffentlichen Raster bisher nicht zu denen, denen man zutraut, auch mit den Härten umzugehen, die – in diesem Fall – Michael Buback den Vater nahmen.

Diesmal ist das anders. Buback ist formal nur Nebenkläger, aber er ist es, der den Fall wieder ins Rollen brachte, er ist es, der Verena Becker als Tatverdächtige ins Visier nahm, er ist es, der nach jahrelangen eigenen Recherchen so viel Druck aufbaute, dass die Generalbundesanwaltschaft und das Gericht nicht mehr anders konnten, als die Sache ernst zu nehmen. Buback junior rutschte eher zufällig in die Rolle des Privatermittlers, aber als er sie hatte, da spielte er sie auch. Er sprach mit Zeugen, wälzte Akten, rekonstruierte den Tathergang, und er tat all das mit der ihm eigenen Akribie eines Naturwissenschaftlers. Michael Buback ist beruflich ja Professor für technische und makromolekulare Chemie.

Die Katastrophe für die Strafverfolger besteht darin, dass Buback etwa Zeugen aufspürte, die zwar nach der Tat auch der Polizei schon gesagt hatten, was sie sahen, aber im Laufe der Ermittlungen aus nicht nachvollziebharen Gründen aus den Akten verschwanden und nie vor Gericht aussagten. So war es für ihn völlig neu, als er von einem solchen Zeugen über die Möglichkeit hörte, auf dem Sozius des Motorrades, von dem aus sein Vater ermordet wurde, könne ein Frau gesessen haben. Jedenfalls sei die Sozia/der Sozius sehr zierlich, von den Formen her weiblich und deutlich kleiner als der Fahrer gewesen.

In seinem Buch beschreibt Buback Abgründe. Wer es liest, verliert den Glauben an die Integrität der staatlichen Strafverfolger. Immer wieder wird er auf falsche Fährten gelenkt. Eine legte, möglicherweise unwissend, der frühere Terrorist Peter Jürgen Bookh. Bookh hatte Kontakt mit Buback aufgenommen und ihm von dem Verdacht erzählt, sein Ex-Genosse Peter Wisniewsky könne der Schütze sein. Erst heute, beim Prozessauftakt, enthüllte Buback, dass seine ohnehin starken Zweifel an diesem Namen sich offenbar bestätigten. Bookh habe kürzlich wieder angerufen und erklärt, er glaube jetzt, das RAF-Kommando, das ihm diesen Namen nannte (es war nicht sein eigenes) habe ihm bewusst einen falschen Namen genannt. Buback hatte aufgrund der Zeugen sowieso an eine Frau gelaubt – nämlich Verena Becker.

Wer Bubacks Buch liest, lernt, dass Becker offenbar jahrelang vom Verfassungsschutz abgeschirmt und vor Strafverfolgung geschützt wurde. Die Störmanöver reißen ja auch jetzt noch nicht ab. Eine Woche vor dem Prozess – was für ein gelungenes Timing! – geisterte die Nachricht durch die Zeitungen, Becker könne gar nicht auf Buback geschossen haben, weil sie am Gründonnerstag 1977 in einem Flugzeug nach Bulgarien gesessen habe. Das hätten Geheimdienstkreise in Umlauf gebracht. Eine offensichtliche Lüge, wie Buback meint, beweisen zu können, denn nur fünf Tage später sei sie bei einem Bankraub in Köln erkannt worden.

Gipfel der Verschleierung ist für Buback das Verschwinden von Beweismitteln. Das Tatmotorrad, das Fluchtauto und der Dienstwagen von Bubacks Vater sind spurlos weg. Unglaublich!

Über den verstörendsten Hinweis, der ihn im Laufe seiner Ermittlungen erreichte, hat er nur ein kurzes Kapitel geschrieben. Da geht es um einen Tipp der in Italien lebenden Autorin und Berlusconi-Biografin Regine Igel. Die zitiert in einem Buch über eine Mordserie an italienischen Staatsanwälten Zeithistoriker, laut denen Geheimdienste die Strippenzieher dieser Morde gewesen seien. Die italienischen Historiker hätten ausdrücklich auch über den Fall Buback gesprochen und meinten, der Fall liege ebenso wie die Fälle in Italien.

Buback junior beschreibt in diesem Zusammenhang das Verfahren gegen Kanzleramts-Spion Günter Guillaume, der 1974 verhaftet wurde. Der Fall führte zum Rücktritt von Willy Brandt als Kanzler. Generalbundesanwalt Buback senior führte den Prozess und war sogar besonders stark engagiert. Er hielt einen Teil des Plädoyers selber. Buback senior soll später gesagt haben, Guillaume werde nur “über meine Leiche” über einen Agentenaustausch freikommen.

Genau so geschah es, vier Jahre, nachdem er ermordet wurde.

Buback junior sagte heute, jetzt gehe es zunächst darum, die Wahrheit über den Mord an seinem Vater herauszufinden. Anschließend, wenn das jetzt begonnene Verfahren beendet sei, kämen die Hintergründe an die Reihe.

2 Kommentare

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  1. […] Sollte sich die Meldung bestätigen, wäre das die Bestätigung für eine unbegreifliche Ermittlungspanne. Neben dem Motorrad verschwand auch das Auto, in dem der getötete Buback und seine ebenfalls getöteten Begleiter saßen. Auch das Fluchtauto, ein Alfa Romeo, ist spurlos verschwunden. Enthüllt hatte das der Sohn Bubacks. […]

  2. […] heute nicht weggeräumt. Ein drastisches Beispiel dafür ist der Prozess gegen Verena Becker (siehe hier), der am Donnerstag in Stuttgart beginnt. Sie ist angeklagt, zu den Mördern des damaligen […]

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