Ich kann mich noch gut an die 80er Jahre erinnern, als meine Redaktion (damals die Berliner Morgenpost) ein Computersystem namens Coyote bekam. Man konnte damit Agenturtexte lesen, eigene Artikel schreiben und die Texte im Stockwerk darunter als ausgedruckte Fahnen ausgeben.¬†Metteure haben sie dann zerschnitten und mit Klebstoff in die Seitenlayouts eingepasst. Ich geh√∂rte zu den wenigen Kollegen, die den Coyoten viel besser fanden als die Schreibmaschinen. Die meisten hatten Angst um ihre Augen, f√ľrchteten um die Arbeitspl√§tze der Metteure oder beides. Es war √§hnlich wie beim Radio, wo ich wenig sp√§ter als Redakteur anfing. Tonb√§nder durften nur von Cuttern geschnitten werden. Redakteuren war das verboten. Musik musste von Redakteuren herausgesucht werden, weil Computer daf√ľr zu seelenlos seien. In der politischen Debatte dominierten damals die Gewerkschaften mit dem Schlagwort “Wegrationalisieren”. Technik galt als Feind. In Malta erlie√ü die Regierung des Sozialisten Dom Mintoff ein Gesetz, das den Einsatz von Computern gleich komplett untersagte. Das alles war zwar schon damals Unsinn, aber die Geschichte wiederholt sich gerade dennoch. Diesmal ist es das FAZ-Feuilleton, das f√ľrs Einfrieren der Entwicklung trommelt.

Ausgerechnet, m√∂chte man sagen. Denn das FAZ-Feuilleton profilierte sich noch vor gut zehn Jahren als Speerspitze der publizistischen Fortschrittsfraktion. Frank Schirrmacher war erst kurz vorher zum Herausgeber der Zeitung ernannt worden. Das Internet war noch neu und roch nach Freiheit, Anarchie und Umw√§lzung. Der Biologe und Unternehmer Craig Venter hatte als erster mehrere Sequenzen des menschlichen Genoms entschl√ľsselt. Schirrmacher druckte am n√§chsten Tag den gesamten Gen-Code auf vollen sechs Seiten des Feuilletons seiner Zeitung. Sechs Seiten, auf denen kein √ľblicher Text zu lesen war, sondern nur scheinbar wirre Gro√übuchstaben. Der Leser bl√§tterte und staunte: Hier also steht, woraus ich bin. Ich verstehe das zwar nicht, aber ich ahne, dass hier etwas bahnbrechendes im Gange ist.

Jetzt ist Schirrmacher zehn Jahre √§lter und da angekommen, wo fr√ľher seine Gegner standen. In seinen B√ľchern wettert er gegen den Kapitalismus und den Fortschritt. Das Internet ist f√ľr ihn zum Teufelswerk mutiert. Das schlimmste Feindbild ist f√ľr ihn das Online-Versandhaus Amazon. Es kommt in der FAZ im wesentlichen als machtversessene Datenkrake vor. Jetzt hat das Team Schirrmacher die n√§chste Stufe der Unmenschlichkeit ausgemacht: Amazon verwendet in seinen Lagerhallen zunehmend Roboter. Arbeit, die fr√ľher von Menschen erledigt wurde, wird jetzt von Robotern bew√§ltigt ‚Äď schneller, billiger, rund um die Uhr. Das Wort “Wegrationalisieren” verwendet die FAZ (noch?) nicht, aber es ist genau das: Der Vorwurf, die Steigerung der Effizienz sei √† priori unmoralisch. Ein Aufguss der Anti-Computer-Debatte der 80er Jahre.

Kann man machen, wenn man meint, dass man damit seine Leserklientel zufriedenstellt, aber die Geschichte wird auch Herr Schirrmacher nicht anhalten k√∂nnen. Amazon wird seine Lagerh√§user weiter automatisieren. √úberhaupt werden Roboter immer zahlreicher auftauchen. Auch an anderer Stelle wird moderne Technik die Produktion besser und effektiver gestalten. Der 3D-Druck etwa k√∂nnte eine Revolution ausl√∂sen, und m√∂glicherweise f√§ngt die gerade an. Die Menschen werden weitermachen wie seit den Tagen, als sie von den B√§umen stiegen, und von fr√ľh bis sp√§t daran arbeiteten, ihre Methoden zum Produzieren aller Dinge immer weiter zu verbessern.

Es k√∂nnte allerdings sein, dass Deutschland dank Schirrmacher und der Politikergeneration seiner Alterskohorte davon vorerst nichts hat, sondern sogar verliert. Fortschrittsfeindlichkeit ist dasselbe wie Abneigung gegen Ver√§nderung. Es ist eine Eigenschaft der Alten. Die Alten sind aber in Deutschland jetzt in der Mehrheit. √úber die H√§lfte der Bev√∂lkerung ist √§lter als 45 Jahre. Kein Land in der EU ist √§lter. Und gegen die jungen, agilen Bev√∂lkerungen in Asien, Afrika, Lateinamerika und den USA wirkt sogar der √∂stliche (j√ľngere) Teil Europas beh√§big.

Wohin die Reise geht, lesen wir im aktuellen Koalitionsvertrag von Union und SPD. Die Rente mit 67 ist praktisch erledigt und wird durch eine Rente ab 63 ersetzt. Auf jeder Seite staunen wir √ľber Mutter Merkels matriarchale Volksbegl√ľckungskonzepte, die allesamt nur dazu da sind, heutige Verh√§ltnisse f√ľr immer zu konservieren. Der Krieg der Alten gegen die Jungen wird mit freundlichen Worten gef√ľhrt, aber er ist in Wahrheit b√∂se. Die alte Mehrheit zimmert sich gerade ihren Einheitsstaat, um ihren Wohlstand auf Kosten der n√§chsten Generation auskosten zu k√∂nnen, aber bitte ohne Kindergeschrei vor der Haust√ľr und ohne l√§stigen neuen Technikkram. Die Schirrmachers von heute und die Gro√ükoalition√§re sind die wahren Erben von Dom Mintoff ‚Äď w√§hrend die Malteser, ebenfalls ein junges Volk, trotz (oder wegen?) der dann doch erlaubten Computer Jahr f√ľr Jahr neue Arbeitspl√§tze schaffen und ihre Arbeitslosigkeit verringern.

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