Kassandra greift in den Lostopf und zieht die Prophezeiung für den Untergang Griechenlands: Fresko aus dem antiken Pompeji | Foto via Wikimedia

Überbringer schlechter Nachrichten haben es manchmal schwer. Jetzt trifft es die Rating-Agenturen. Von Union bis Attac gelten sie als Verstärker der Griechenland-Krise, weil sie Griechenland inzwischen auf die Stufe CCC herabgesetzt haben – nur eine Stufe vor der finalen D-Bewertung, die für Zahlungsausfall steht. Die Agenturen seien zu mächtig, zu unkontrolliert oder zu wenig unabhängig. Darum müsse eine europäische Ratingagentur gegründet werden, die als Gegengewicht zu den Groß-Agenturen aus den USA oder Kanada Kreditratings abgebe. Das ist so schlau und hilfreich wie damals, als die alte Griechin Klytämnestra der Sage nach die Wahrsagerin Kassandra erdolchte – dafür, dass sie den Griechen den Untergang in Troja vorhersagte, so, wie heute die Ratingagenturen den Untergang Griechenlands auf dem Finanzmarkt.

Manche antiken Geister rechtfertigten das mit Populismus, der von dem heutiger Politiker nicht weit entfernt ist. In Pompeji fand sich ein Fresko, das Kassandra an einem Lostopf zeigt. Soll sagen: Sie hatte eigentlich keine Ahnung und orakelte im besten Fall einfach drauflos, im schlimmsten mit üblen Absichten. Möglicherweise ist das Gerede von der angeblich leicht irren, sich gern in Trance versetzenden Kassandra aber nur historische üble Nachrede und sie hatte die Lage nur geschildert, wie sie war. Schließlich warnte sie ziemlich konkret vor dem trojanischen Pferd, und sie war auch nicht die einzige, die das Drama kommen sah.

Wie die Ratingagenturen heute. Deren Kreditnote besagt: Griechenland wird mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Schulden nicht zurückzahlen können. Für diese Prognose studieren die Agenturen tabellenweise Zahlen, die Dinge wie Einnahmen, Ausgaben, Schuldenstände und Zinsen enthalten. Das ist ziemlich kühl und trocken und für eine Gefühlsgesellschaft, antik oder modern, offenbar schwer zu schlucken. Vor allem aber hat es hat mit der Ursache der Krise nichts zu tun, sondern zeigt nur den gegenwärtigen Stand der Dinge an.

Die Kritik der Politiker an den Ratingagenturen ist darum nichts anderes als Realitätsverweigerung. Die Note CCC stört die Methode, die Augen zu schließen, durchzutauchen und auf ein Wunder zu hoffen. Alles, was die Politik an grundsätzlicher Kritik vorbringt, spricht gegen die Politik, nicht gegen die Ratings.

  • Die Agenturen seien zu mächtig – eine substanzlose Behauptung. Welche Macht haben sie denn? Sie beschließen keine Gesetze und haben keine exekutive Vollmacht. Ihre sogenannte Macht basiert nur auf der Stimmigkeit ihrer Wahrscheinlichkeitsrechnung.
  • Die Agenturen seien nicht unabhängig – da schwingt der unausgesprochene Vorwurf mit, sie seien an Geldgeschäften beteiligt, für die sie Ratings erstellen. Die Agenturen bestreiten das vehement. Einen Beweis dafür hat niemand erbracht. Vermutlich gibt es ihn auch nicht. Die Agenturen wären erledigt, käme so etwas heraus, denn ihre Auftraggeber sind Investoren, die ihr Geld vermehren möchten. Das können sie nur, wenn die Informationen stimmen, für die sie Geld bezahlen.
  • Die Agenturen seien außer Kontrolle – zum Glück sind sie das. Sonst bestünde die Gefahr, dass sie unter Druck einer Aufsicht Gefälligkeitsgutachten erstellen.

Womit sich die Idee einer politisch gewollten europäischen Ratingagentur quasi von allein kommentiert. Die wäre ein Instrument von Politikern, denen unabhängiger Sachverstand offensichtlich ein Graus ist. Eine solche Agentur solle unabhängig sein wie die Europäische Zentralbank EZB, sagte Unions-Fraktionschef Volker Kauder bei Maybritt Illner. Das ist verräterisch, spätestens, seit die EZB in großem Stil Anleihen der Griechen kauft – eben solche Papiere, die die Ratinagenturen mit CCC bewerten.

Damit treibt die EZB kein gutes Geschäft, sondern hilft, schlechte Politik zu verschleiern. Unabhängigkeit sieht anders aus.

***

Gerade lese ich, dass bei einem 50-prozentigen griechischen Schuldenschnitt vor allem eine Bank konkursgefährdet wäre – eben die angeblich unabhängige EZB. Die deutsche Bundesbank ist mit 28 Prozent an der EZB beteiligt und müsste in diesem Fall auf einen Schlag ca. 100 Milliarden Euro zuschießen. Die wiederum müsste sie aus dem Bundeshaushalt bekommen. Der sieht für 2011 bisher Gesamtausgaben in Höhe von 305,8 Milliarden Euro vor. Das kann man getrost als Katastrophe bezeichnen – nicht als Naturkatastrophe, sondern als katastrophale Konsequenz der Politik der europäischen Regierungen. Sie haben gegen jeden Rat die Lage immer weiter verschlimmert und hören immer noch nicht damit auf.

 

1 Antwort
  1. fittings sagte:

    I’m extremely impressed with your writing skills and also with the layout on your blog. Is this a paid theme or did you customize it yourself? Anyway keep up the nice quality writing, it’s rare to see a nice blog like this one today..

    Antworten

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.