Was für ein 129. Verhandlungstag im NSU-Prozess! Eine Zeugin aus dem niedersächsischen Peine, die ihre Aussage immer wieder unter Schluchzen und Tränen hervorpresst und die sich als sanftmütige, hochintelligente und erzählfreudige junge Frau erweist. Als sie den Verhandlungssaal betritt da fällt ihr Blick auf Beate Zschäpe, die Frau, die für sie über fünf Jahre eine Mischung aus Freundin und Ersatzmutter war, wie es eine weitere Zeugin dieses Tages formulierte, ebenfalls heute 21 Jahre alt, aus Hameln. Jahrelang, von 2007 bis 2011, haben die beiden Frauen zusammen mit ihren Familien die Sommerferien auf einem Campingplatz auf der Ostseeinsel Fehmarn verbracht. Dort stießen die beiden Familien stets auf das Trio. An der Ostsee waren alle zusammen dann eine große Urlaubs-Freundesfamilie.

„Unsere Ossis“ nennt eine der beiden Frauen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Richtig gute Freunde. Unglaublich nett. Immer lustig. Jeden Tag von früh bis spät mit ihnen verbracht. Zusammen Boot gefahren, gesurft, Ausflüge gemacht, spazieren, einkaufen, ins Kino, gegrillt, Gitarre am Lagerfeuer und Lieder gesungen. Mit Beate über Teenagerprobleme geredet. Das heißt: Nicht mit Beate, sondern mit Liese. So nannte sie sich, all die Jahre. Und dann betritt die junge Frau aus Peine den Gerichtssaal. Ihr Blick trifft den von Liese alias Beate, Liese/Beate erwidert ihn. Beide Frauen sind wie vom Blitz getroffen. Die junge Frau aus Peine bricht in Tränen aus, Beate/Liese verkneift sie sich, aber sie steht verdammt nah am Wasser, ihre Lippen sind zusammengepresst, sie senkt den Blick, sie hat sowieso einen Scheißtag. Sie wollte neue Anwälte, und gerade eben hat der Richter ihr vor öffentlicher Versammlung erklärt, dass sie die nicht bekommt. Die Atmosphäre auf der Anklagebank wirkt angespannt. Mit den Anwälten Heer und Sturm, die sie links und rechts flankieren, redet sie den ganzen Tag kein Wort. Wenn sie mit Anwalt Stahl spricht, dann beugen sich Frau Zschäpe und Anwalt Stahl hinter Anwältin Sturm zueinander und tauschen leise Worte aus. Keine Ahnung, ob die Stimmung auf de Anklagebank so eisig ist, wie es aus der Ferne der Publikumsempore aussieht.  Aber dass Beate/Liese mit den Tränen kämpft, da bin ich mir sicher.

Ein bisschen gibt sich das, als sich die Zeugin aus Peine endlich beruhigt und dann über längere Zeit sehr flüssig, sehr klar und sehr verständlich erzählt. Wie es war mit den Dreien. Wie sie die Beziehung unter den Dreien erlebte. Dass es schon manche Merkwürdigkeit gab, etwa Gerys Tätowierung mit dem Soldatenhelm auf dem Gerippekopf, die dann im Jahr darauf überstichelt war mit einem pflanzlichen Geranke. Haben Sie ihn danach gefragt, fragt der Richter? Klar, habe sie. Er habe geantwortet:

„Eine Jugendsünde, da wollte er nicht drüber sprechen, hat er schnell vom Thema abgelenkt“.

Gery, so nannte sich Böhnhardt. Mundlos kannten die Urlaubsfreunde als Max.

Oder die Beziehungen der drei zu anderen Partnern. Gery und Max hätten daheim Freundinnen gehabt. Aber was Gery einmal erzählt, war schon komisch:

„Das einzige, was ich weiß, ist, dass Gery eine Freundin hatte. Aber er hat sein Handy nicht dabei, weil er sie eigentlich gar nicht erreichen möchte, den ganzen Sommer über.“

Oder wie irrsinnig gut die drei aufeinander eingespielt waren. „Sie wussten alles voneinander“, sagt sie, und der Richter fragt nach, wie sie darauf komme.

„Sie konnten jede Geschichte zusammen erzählen. Auch, was der einzelne erlebt hat, wussten die schon. Es war nie so, dass Liese gesagt hat: Oh, das wusste ich noch gar nicht. Die konnten übereinander auch Geschichten erzählen oder Dinge erzählen, von Jugend bis zu dem Zeitpunkt jetzt.“

Und wie sie das sagt, die Zeugin aus Peine, da hört man ihr an, wie sie über sich selber staunt, weil ihr wohl aufgefallen war,  dass all das komisch war, aber dass sie trotzdem an eine echte und tiefe Freundschaft zu den Dreien glaubte. Ein paar Mal kamen sie sogar in Peine vorbei, einmal zu ihrem 17. Geburtstag. „Unglaublich offen“, „nett“, „lustig“, alles an ihnen war toll und locker. Streit oder Ärger? Nie. Auch das ist merkwürdig, und auch das scheint der Zeugin beim Erinnern aufzufallen.

Am Ende gibt’s wieder Tränen, noch bitterer als am Anfang. Die Zeugin lässt heraus, was ihr durch den Kopf geht:

„Ja, also über die Jahre hat sich ja schon eine enge Freundschaft zu denen aufgebaut, kann man sagen. Ich hab‘ mich auch immer sehr auf die gefreut. Seitdem die nicht mehr hinfahren, fahren wir auch nicht mehr hin. Es war schon eine besondere Beziehung, weil wir alles miteinander verbracht haben. Fast wie Ersatzeltern. Als ich dann die Nachrichten gesehen habe…

(hier bricht sie wieder in Tränen aus, während Beate Zschäpes Gesichtszüge versteinern. Den Rest schildert sie unter Schluchzen)

„…als ich dann die Nachrichten im Internet gesehen habe ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Mich hat das anfangs ziemlich belastet, so dass ich auch in einer Therapie betreut werden musste und nicht mehr zus Schule gehen konnte.“

Und dann fast eine Wutrede:

„Ja, das war das letzte, was man erwartet von seinen Freunden, dass die sowas machen. Ich kannte sie ja nur als liebe gute Menchen, und dann habe ich das gesehen. Das kann man nicht fassen, dass jemand das macht. Das braucht seine Zeit, dass man das verstehen kann. Ich kann es bis heute nicht verstehen. Ich habe denen zu hundert Prozent vertraut. Und dann hab ich gemerkt, dass sie mich von vorn bis hinten belogen haben. Und ich frage mich: Mochten sie mich wirklich oder haben sie mich die ganze Zeit auch noch verarscht?“

Und dann verlässt sie den Gerichtssaal. An der Tür, eine uniformierte Beamtin stützt sie, dreht sie sich noch einmal zu Liese. Die Blicke der beiden treffen sich. Und dann, kaum zu sehen, hebt sie ein wenig die Hand und winkt ihr zu. Liese/Beate durchzuckt es richtig, sie muss es gesehen haben. Sie springt auf, zum Glück verkündet der Richter gerade eine Pause. Zschäpe dreht sich weg. Die Zuschauer können nicht sehen, ob die Tränen jetzt laufen, und das will sie sicher auch nicht zeigen. Sie bückt sich und kramt hektisch herum, vielleicht nach einem Taschentuch. Sie richtet sich auf, einer der Polizisten erbarmt sich und führt sie heraus, ins Wartezimmer für die Untersuchungsgefangenen, weg von den Blicken der Gerichtsöffentlichkeit.

Nach der Pause sagt die nächste Urlaubsfreundin aus, die aus Hameln. Sie ist von ihrer Art her trockener. Im großen und ganzen bestätigt sie alles, was die Zeugin aus Peine sagte, aber dazu erzählt sie noch, dass sie Nazis nicht mag und damals schon, als sie mit den Familien und dem Trio herumzog, das auch offen zeigte. Sie habe eine schwarze Tasche besessen, auf der ein Aufnäher, auf dem eine Faust ein Hakenkreuz zerschmettert. Außerdem sei sie Ärzte-Fan. Beate auch. Einmal habe sie eine Gitarre und ein Liederbuch mit Ärzte-Liedern dabei gehabt, und Beate Zschäpe habe mitgesungen. Und dann sagt sie:

„Wenn ich über Politik rede dann eher mit einem Problem mit rechts. Schrei nach Liebe von den Ärzten.“

Das Trio habe das stillschweigend hingenommen, ohne Regung.

„Ich dachte, die haben einfach kein Interesse an Politik.“

So kann man sich täuschen. 2007, als die beiden jungen Frauen, damals Teenager, das Trio kennenlernen, sind alle zehn Morde, für die sie heute angeklagt sind, schon geschehen. Niemand weiß, was sie in den übrigen Jahren bis 2011 getrieben haben, außer in den Sommerferien. Sommer 2007 bis Sommer 2011, das war die Zeit, als „unsere Ossis“ und die Familien aus Peine und Hameln eine Urlaubsfamilie waren.

 

Schrei nach Liebe

Du bist wirklich saudumm, darum gehts dir gut
Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut
Alles muss man dir erklären, weil du wirklich gar nichts weißt
Höchstwahrscheinlich nicht einmal, was Attitüde heißt

Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe
Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit
Du hast nie gelernt dich zu artikulieren
Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit
(Ohoho) Arschloch!

Warum hast du Angst vorm Streicheln? Was soll all der Terz?
Unterm Lorbeerkranz mit Eicheln, weiß ich, schlägt ein Herz
Und Romantik ist für dich nicht bloß graue Theorie
Zwischen Störkraft und den Onkelz steht ’ne Kuschelrock-LP

Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe (a silent cry for love)
Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit
Du hast nie gelernt dich zu artikulieren
Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit
(Ohoho) Arschloch!

Weil du Probleme hast, die keinen interessieren
Weil du Schiss vorm Schmusen hast, bist du ein Faschist
Du musst deinen Selbsthass nicht auf andere projizieren
Damit keiner merkt, was für ein lieber Kerl du bist (Ohoho)

Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe
Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit
Du hast nie gelernt dich artizukulieren
Und deine Freundin, die hat niemals für dich Zeit
(Ohoho) Arschloch! Arschloch! Arschloch!

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