Die durchschnittliche Durchschnittapp kostet in Deutschland laut iBusiness 23.000 Euro, die teuerste komplexe App 520.000. Die App Green-Mobility wird mit 1,1 Millionen Euro bezuschusst, während der Marktführer im selben Segment weniger als fünf Prozent dieser Summe investierte

Wie kann es sein, dass eine App für eine Mitfahrzentrale mit 1,1 Millionen Euro aus staatlichen Töpfen bezuschusst wird, der erfolgreichste private Mitbewerber dagegen seine App mit weniger als einem Zwanzigstel davon entwickelt hat? Der kleine Markt der Mitfahrzentralen taugt ganz gut als Fallstudie für den Nutzen oder Schaden einer subventionsgesteuerten Staatswirtschaft. Würde sich jemand die Mühe machen, sämtliche staatlichen Zuschüsse – insgesamt handelt es sich um 165 Milliarden Euro – genauso detailliert zu hinterfragen wie hier das staatliche Mitfahrzentralen-Projekt Green Mobility, dann käme vermutlich eine vernichtende Bilanz heraus. Möglicherweise lautete das Ergebnis, dass die deutsche Volkswirtschaft mit Leichtigkeit Griechenlands Schulden übernehmen könnte, wenn der Staat auf derart unsinnige Ausgaben verzichtete. So freilich lautet das vorgezogene Resumée: Das Beispiel Green Mobility zeigt, wie unsinnig ein wesentlicher Teil der staatlichen Ausgaben ist.

Was die Entwicklung einer mobilen App für das iPhone oder ein Android-Handy in Deutschland kostet, hat das Portal iBusiness ermittelt. Für eine einfache App sind zwischen 760 und 97.000 Euro fällig. Der Durchschnitt liegt bei 16.500 Euro. Eine durchschnittlich komplexe App erstellen die Entwickler für mindestens 2.450 und höchstens 105.000 Euro, für eine komplexe Anwendung sind im Durchschnitt 79.000 Euro fällig. Die teuerste App, die die Marktbeobachter fanden, kostete 520.000 Euro. Freilich ist selbst das immer noch nur die Hälfte dessen, was das Bundeswirtschaftsministerium für die Mitfahrgelegenheiten-App des Projektes Green Mobility als Zuschuss zahlt.

Die derzeit erfolgreichste App in diesem Geschäft ist die von mitfahrgelegenheit.de. Die Entwicklung der dazu passenden Smartphone-App hat nach Auskunft der Betreiber fünf Prozent dessen gekostet, was Green Mobility vom Staat bekommt, also einen fünfstelligen Betrag. Die App ist seit Februar 2011 erhältlich wurde bisher 110.000 mal heruntergeladen. Der Anteil der mobilen Nutzung des ursprünglich im Netz gestarteten Angebots wächst laut den Betreibern stark. Über alle Plattformen zusammen vermittele mitfahrgelegenheiten.de pro Wochenende 30.000 Beförderungen. Das Web-Angebot besteht seit zehn Jahren und habe bisher 16 Millionen Fahrten vermittelt.

Konkurrenzlos ist mitfahrgelegenheiten.de nicht. Dank diverser Testberichte ist der Markt ziemlich transparent. Dass er von allein funktioniert bestreitet auch das Bundeswirtschaftsministerium nicht. Dass das Ministerium dennoch eine Konkurrenz fördert, begründet es im wesentlichen mit zwei Argumenten: Der mit der App entwickelten „Middleware“ und der Fähigkeit der künftigen App, „ad-hoc-Fahrten“ zu vermitteln.

Einleuchtend ist keines davon.

  • Die Rolle der Green-Mobility-Middleware bleibt auch nach hartnäckigem Nachfragen unklar. Das Bundeswirtschaftsministerium hat nach einer ersten Antwortmail nur noch auf die Webseite des Rahmenprojekts verwiesen, innerhalb dessen Green Mobility entwickelt wird. Es heißt Theseus. Der Blick auf die Webseite beantwortet nicht, was die immer wieder genannte „Middleware“ konkret bewirken soll. Die Projektbetreiber selber sprechen davon, die „Middleware“ beschleunige Prozesse und vernetze unterschiedliche Anwendungen.
  • Mit „ad-hoc-Fahrten“ sind spontane Fahrten gemeint. Der Nutzer steht am Straßenrand und möchte schnell wo hin. Subventionsfreie Angebote dieser Art gibt es ebenfalls schon im Markt. Neueste Schöpfung ist Flinc.de, seit dem Wochenende in neuem Outfit online. Es setzt einen Schwerpunkt auf „ad-hoc-Fahrten“. „80 Prozent aller gefahrenen Strecken sind weniger als 40 Kilometer lang“, sagt Geschäftsführer Klaus Dibbern.

Selbst, wenn es eine dringende gesamtwirtliche Notwendigkeit für die Vermittlung von Spontantouren oder die Programmierung einer „Middleware“ gäbe, bleibt die Frage, warum der Staat sich darum kümmern muss. Die beantwortet das Wirtschaftsministerium leider nicht. Es verweist stattdessen auf das „Theseus-Programm„. Dabei handelt es sich laut Selbstdarstellung um ein vom Wirtschaftsministerium „initiiertes Forschungsprogramm mit dem Ziel, Zugang zu Informationen zu vereinfachen“. Green Mobility ist eines der Theseus-Projekte.

„Bullshit-Bingo“

Die Zielsetzungen von Theseus klingen ganz nett, erweisen sich aber bei näherem Hinsehen als nichtssagend. Da ist etwa von „semantischen Technologien“ die Rede, für die Theseus Grundlagenforschung fördere. Semantische Technologien sind tatsächlich ein heißes Thema, jedoch keineswegs ein neues. Daran arbeiten Entwickler auf der ganzen Welt. Theseus verfügt über 100 Millionen Euro Steuerzuschuss und noch einmal denselben Betrag von Förderern aus der Industrie. Zu denen, an die dieses Geld weitergereicht wird, zählen Uni-Institute, private Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Welche Förderungen sinnvoll sind, ist von außen nicht nachzuvollziehen. Dass Green Mobile subventioniert wird, dürfte damit zu tun haben, dass sich das Projekt im politischen Umfeld gut verkaufen lässt. Theseus fördere „Technologien für das Internet der Dienste“ – was immer das im Unterschied zum sonstigen Internet sein soll. Green Mobility versteht sich als dazu passender Dienste-Lieferant mit grünem Anstrich.

In der Szene der subventionsfreien Entwickler werden solche Sätze eher mit Spott aufgenommen. Von „Bullshit-Bingo“ ist die Rede. Ideen und Visionen werden dort etwas direkter formuliert. Michael Reinicke von mitfahrgelegenheiten.de schrieb mir etwa auf die Frage, wie die Idee zu seinem Angebot entstand: „Ganz einfach, wir wollen Menschen zusammenbringen, die das gleiche Ziel haben und helfen ihnen, gemeinsam zu reisen. Dadurch sparen Fahrer und Mitfahrer eine Menge Geld und CO2. Je voller die Autos dabei werden, desto leerer werden die Straßen: Davon profitieren am Ende alle.“

Dieses Jahr in die Gewinnzone

Eher praktisch gehen die privaten MFG-Vermittler auch bei der Wahl ihrer Partner vor. Mitfahrtgelegenheiten.de arbeitet mit dem ADAC, der Bahn, Air Berlin und öffentlichen Stellen, Flinc.de mit dem Navi-Spezialisten Navigon. Beide nutzen die Reichweite ihrer Partner, um die Basis ihrer Geschäfte zu stärken. Die besteht in einer möglichst großen Zahl von Nutzern. Viele Fahrten locken viele Mitfahrer und umgekehrt. Flinc integriert sein Angebot darum nicht nur in die eigene App, sondern auch in die App von Navigon. Mitfahrgelegenheiten.de versieht seine App mit unterschiedlicher Optik und stellt sie als Klon etwa dem ADAC zur Verfügung.

Solche „White-Label“-Lösungen sind außerdem eine Erlösquelle. Eine zweite besteht in Werbeaufschaltungen. Bisher halten sich die Umsätze in Grenzen, aber dieses Jahr will Mitfahrgelegenheiten.de erstmals die Gewinnschwelle überschreiten. Wachsen will die Plattform nicht nur in Deutschland. Sie ist inzwischen auch in Großbritannien, Frankreich, Griechenland, Polen, Spanien, Italien, Österreich und der Schweiz vertreten. Das ist bemerkenswert, weil es eher selten ist, dass deutsche Netz-Firmen internationale Filialen eröffnen. Meist ist es umgekehrt.

Umso fragwürdiger erscheinen die Subventionen für Green Mobility, dessen Patron Theseus sich die Stärkung des „Standorts Deutschland“ auf die Fahnen schreibt. Das tun die privaten Konkurrenten auch, nur eben schon funktionierend in der Praxis und nicht nur auf bedrucktem Papier.

Teil 1: Staat steckt eine Million in App
Teil 2: So reagiert das Ministerium

[yellow_box]Was ist eigentlich Middleware?

Wikipedia versteht darunter „anwendungsneutrale Programme, die so zwischen Anwendungen vermitteln, dass die Komplexität dieser Applikationen und ihre Infrastruktur verborgen wird“. Weil diese Definition genauso unverständlich ist wie der Begriff Middleware, hier mein persönlicher Erklärungsversuch: Es handelt sich um eine Art Dolmetscher, der die Sprachen unterschiedlicher Programme beherrscht und zwischen Programmen und Computer-Prozessor übersetzen kann. Als Middleware kann man etwa das Betriebssystem eines Computers oder eines iPhones ansehen. Anwendungsprogramme verwenden deren Bedienerführung oder deren Verbindung ins Netz. Versuche mit proprietärer Middleware sind heute eher unbeliebt. Ein Beispiel dafür ist ColdFusion. Dabei handelt es sich um eine Server-Anwendung, die den Aufbau von Webseiten erleichtert. Wer darauf Seiten entwickeln will, muss Geld bezahlen. Die wohl gängigste Alternative dazu ist die Skriptsprache PHP. Sie ist quelloffen und kostenlos. Im Web ist sie mittlerweile eine Art Standard. Dieses Blog etwa basiert ebenfalls auf PHP. Für Spezialanwendungen gilt Middleware dagegen als veraltet.[/yellow_box]

 

2 Kommentare
  1. musikraft sagte:

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