VVor einiger Zeit starb eine 99jĂ€hrige Frau, die ich gut kannte. Erst vor kurzem erfuhr ich allerdings NĂ€heres ĂŒber ihren Tod. Eine, die es miterlebte, sprach lange nicht darĂŒber. 

Ich kannte die 99-JĂ€hrige seit frĂŒher Kindheit. Mit 80 konnte sie uns Kindern noch vorfĂŒhren, wie sie auf Stelzen lief. Sie erzĂ€hlte uns von ihrer eigenen Kindheit in Bremen und wie sie als KindermĂ€dchen in Portugal arbeitete. Eine eigene Familie hatte sie nie. Aber sie war ziemlich glĂŒcklich mit ihrem Leben. Irgendetwas war immer fĂŒr sie zu tun. Ein oder zwei Jahre vor ihrem Tod kam sie in eine Art Sanatorium fĂŒr alte Leute. Erstmals in ihrem Leben wurde sie da auch krank, dann auch schwer. Am Ende hatte sie Krebs. 

Dass ihre letzten Tage dann die Hölle fĂŒr sie waren, habe ich erst spĂ€ter erfahren. Sie habe tagelang vor Schmerzen geschrien. Tagelang. Man ließ sie schreiend und sich quĂ€lend sterben. In dem Sanatorium arbeiten Ärzte. Die, die es mir erzĂ€hlte, sagte, sie habe eine Ärztin gefragt, warum sie der offensichtlich Sterbenden kein Morphium gebe. Die Ärztin habe geantwortet, das dĂŒrfe sie nicht. Es sei verboten. Sie wolle das auch nicht. Morphium sei ja ein Opiat. Es mache sĂŒchtig.

Ich muss immer an den Tod dieser 99-JĂ€hrigen denken, wenn ich von den derzeit gefĂŒhlt tĂ€glichen VorschlĂ€gen unserer Gesundheitspolitiker lese. Ich frage mich dann, ob Zynismus aus politischem KalkĂŒl eine Obergrenze hat. Ob Politiker, Ärztelobbyisten, Kliniklobbyisten, Pharmalobbyisten, Leute wie Jens Spahn oder Karl Lauterbach, auch Journalisten, die ĂŒber deren Wortschwalle schreiben, als seien sie wichtig, noch wissen, was sie tun. 

Ich frage mich das auch deshalb, weil die Geburt, das andere singulĂ€re Ereignis im Leben jedes Menschen, inzwischen ja ebenso bĂŒrokratisiert und formularisiert ablĂ€uft. Je nach Bundesland und Landkreis liegt der Anteil der Kaiserschnittgeburten bei einem Drittel bis bei der HĂ€lfte aller Geburten. Es ist ein offenes Geheimnis, woran das liegt: An der DienstplanverfĂŒgbarkeit des Personals und den bĂŒrokratisch sortierten AblĂ€ufen der Kliniken. Die Herrschaft der grauen Verwaltungsgestalten triumphiert ĂŒber das Leben. 

Es wird Zeit, wichtig und unwichtig wieder zu unterscheiden und die Zyniker zu verjagen.

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