Lieber Herr Professor Tsokos, in Ihrem neuen Buch und in zahlreichen Interviews, die Sie dazu in letzter Zeit gegeben haben, plädieren Sie für eine grundlegende Reform der Jugendhilfe und, wenn ich Sie da richtig verstehe, für eine deutliche Stärkung der Rechtsmedizin in diesem Feld. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie fragen, ob Sie den Fall Lea aus Thüringen kennen. Lea war 5 Jahre alt, als sie mit allen Anzeichen schwerer Misshandlung auffiel. Monatelang stritten sich alle möglichen staatlichen Instanzen, was mit ihr passieren sollte. Sie beschreiben ja selber derartiges und sprechen dann von Systemversagen. Im Fall Lea hat leider auch die Rechtsmedizin versagt. Ich frage Sie nach diesem Fall, weil Sie ja fordern, den Rechtsmedizinern mehr Einfluss in der Jugendhilfe zuzusprechen. Damit würden Sie aber auch die Macht eines offensichtlich schlecht geführten Instituts wie dem in Jena mehr Macht geben, und das können Sie eigentlich nicht ernst meinen.

Lea war bei einer Reihenuntersuchung in ihrer Kita aufgefallen. Sie hatte zahlreiche Hämatome im Gesicht und an anderen Körperstellen und Bissspuren am Hintern. Ihre Fingernägel waren abgekaut, die Nagelbetten blutig. Die Fotos der Untersuchungen habe ich gesehen, außerdem die relevanten Berichte. Ausgerechnet Ihre Kollegin Prof. Gita Mall, die die Rechtsmedizin in Jena leitet, wollte darin aber keine Anzeichen für Misshandlung oder gar Missbrauch erkennen. Die blauen Flecken im Gesicht seien nur deshalb da, weil die Mutter “reflexhaft” einmal zugeschlagen habe, die Bissspur wurde erst gar nicht weiter untersucht. Angeboten hätte sich, sie mit der Zahnstellung des damaligen Lebensgefährten der Mutter zu vergleichen. Im Jugendamt gab es genügend Hinweise, von denen auch Ihre Kollegin gewusst haben muss.

Das Gutachten von Frau Prof. Mall führte stattdessen dazu, dass ein Ermittlungsverfahren gegen die Mutter und ihren Lebensgefährten eingestellt wurde. Die Betreuerinnen des Mädchens hatten das Gefühl, Sie würden gegen eine Wand aus Ignoranz und Gleichgültigkeit anrennen. Der Staat drohte gerade zu versagen und Lea in die Hände ihres mutmaßlichen Peinigers zurückzugeben. Es war am Ende ein Familienrichter, der die Reißleine zog und Leas leiblichem Vater das Sorgerecht zusprach, ausdrücklich gegen die Empfehlung Ihrer Rechtsmedizin-Kollegin.

Dieser Tage, Prof. Tsokos, habe ich ein Interview mit Ihnen im Deutschlandradio gehört. Sie kritisieren darin praktisch sämtliche Instanzen, die mit Kindern zu tun haben – angefangen mit den Familien selbst, die Sie fast schon unter Generalverdacht stellen, bis hin zu den freien Trägern, denen Sie unterstellen, sie würden Kinder nur deshalb in üblen Familienverhältnissen belassen, weil sie sonst kein Geld mehr bekämen. Sie verschweigen dabei – soweit ich das übersehe nicht nur in diesem Interview –, dass dieselben freien Träger auch eigene Heime betreiben, in denen Sie die Kinder gegen unterbringen und dafür vom Staat bezahlt werden – ein Beispiel aus Ihrer Lieblingszeitung hier. So gesehen sollte es kein finanzielles Motiv für diese oder jene Entscheidung geben, weil ja so oder so Geld vom Staat fließt – das heißt: Ich verstehe Ihr Argument hier nicht.

Aufgehorcht habe ich, als Sie in besagtem Interview sagten, “auch in der Ärzteschaft” gebe es einige, die wegschauen und dann auch noch “die Mauer der Schweigepflicht” vorschieben, wenn sie zu bestimmten Fällen Auskunft geben sollten. Weil also in der ganzen Kette der Zuständigkeiten immer mal ein schwarzes Schaf dabei sein könnte und weil es, wie sie es nennen, so viele “Schnittstellen” gibt, plädieren Sie jetzt für einen kompletten Systemwechsel. Das ist erstmal eine steile Forderung. Die gefällt natürlich vielen meiner Journalistenkollegen, weil sie sich gut zur Schlagzeile machen lässt.

Ihre Begründungen machen mich aber ein bisschen misstrauisch. Sie argumentieren z.B. mit der Zahl von 160 zu Tode misshandelten Kindern in Deutschland pro Jahr, die sie sogleich unter Berufung auf die Dunkelfeldforschung verdoppeln, auch noch mit dem Zusatz, sie würden damit “konservativ” schätzen, womit Sie tatsächlich meinen, die Zahl sei in Wahrheit um ein Vielfaches höher. Hier wäre anzumerken, dass die Dunkelfeldforschung nichts anderes tut, als statistische Berechnungen anhand geschätzter Parameter anzustellen.

Sodann entwerfen Sie ein schlimmes Bild der Familien in Deutschland, da ja in allen Schichten, vom Hartz-4-Bezieher bis zum “Villenviertel”, überall Kinder misshandelt würden. Ihre Definition von Kindesmisshandlung wird im Verlauf des Interviews auch immer breiter und unschärfer. Sie sprechen nicht nur von der vorsätzlichen körperlichen Misshandlung, sondern auch von der von Ihnen vor allem türkischen Familien zugeschriebenen Züchtigung (die Sie, wenn sie nicht in Deutschland passiert, für zulässig erklären) bis zu seelischen Grausamkeiten. Eine Grenze, ab der kindliche Erziehung korrekt verläuft, ziehen Sie nicht.

Damit drehen Sie die Diskussion in eine fatale Richtung. Eltern sind hier nur noch Subjekte, denen man grundsätzlich mit Misstrauen begegnet. Noch fataler ist, dass Sie damit auf einer Debattenwelle surfen, die in der Politik schon seit Jahren populär ist und die in der Praxis dazu führt, dass sich die Zahl der Kinder, die ihren Familien weggenommen wurden, in den letzten Jahrzehnten verdoppelt hat. Im Jahr 2012 waren das 12.700 Fälle. Ich wüsste gern, was Sie etwa dem Familienrichter a.D. Elmar Bergmann antworten, der beklagt, dass Elternrechte immer häufiger “den Bach runtergehen” oder wie Sie krasse Fehlentwicklungen wie diese kommentieren.

Noch mehr stört mich an Ihrer Argumentation aber, dass Sie es vermeiden, erstmal vor der eigenen Tür zu kehren, also offen und nachvollziehbar untersuchen, was in Ihrer eigenen Disziplin schiefläuft. Der Fall Lea ist nicht der einzige Fall, den ich jedenfalls aus Jena kenne. Das System Rechtsmedizin ist weitgehend ein abgeschottetes System, in das ein Außenstehender nur ausnahmsweise Einblick bekommt. Da hätte es jemand wie Sie sehr viel leichter. Warum nicht einmal anhand von Einzelfällen evaluieren, welche Fehler von Rechtsmedizinern zu verantworten sind? Und warum nicht erst einmal die 160 Fälle, die die Statistik ausweist, einzeln unter nachvollziehbaren Kriterien untersuchen, um dahinter zu kommen, was da eigentlich wirklich passiert ist?

So aber beschleicht mich das Gefühl, dass auch Sie Ihre eigene Agenda im Sinn haben und gerade im Sinne einer Lobbyarbeit für die eigenen Zwecke unterwegs sind. Denn die logische Konsequenz aus Ihrer Argumentation wäre ja, die Rechtsmedizin zum Dreh- und Angelpunkt eines reformierten Jugendhilfesystems zu machen. Gerade dann müsste Ihre Disziplin aber über alle Zweifel erhaben sein, und das ist sie nicht.

Ich würde gern Ihre Antwort auf meine Gedanken kennenlernen und natürlich auch gern hier publizieren.

Herzlichst,

Christoph Lemmer

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