Dem Herrn sei’s gedankt, unsere Demokratie ist ja zum Glück stabil. Natürlich ist sie das nicht ewig, jedenfalls dann nicht, wenn sie einer kritischen Masse der Menschen egal wird, wenn Meinungs- und persönliche Freiheit nicht mehr zählen und wenn keine Medien mehr da sind, die Diktatur von Demokratie unterscheiden können. Im Fall der Ukraine funktioniert das mit den hiesigen Medien noch ganz gut. Beispielhaft möchte ich die Zeit nennen, die inzwischen eine ganze Reihe höchst lesenswerter Artikel dazu produzierte, sowohl von eigenen als von externen Gastautoren. Besonders gelungen ist dieser, der sehr schön herleitet, wie Moskau den  Vorwurf des Faschismus gegen die neuen Regenten in Kiew auch in Westeuropa streut. Der Neosowjetismus übernimmt offenbar die Verhaltensmuster des historischen Sowjetismus und legt sich mit Geld und Kontakten eine fünfte Kolonne zu. Das soll aber nicht das Thema sein, denn es geht mir ja um eine ganz andere Frage, die allerdings mit Putins neuem kalten Krieg gegen den Westen zu tun hat. Eine Erfahrung mit dem historischen Sowjetismus liegt ja darin, dass die Helfer und Unterstützer im Westen im Laufe der Zeit immer stärker und zahlreicher wurden.  Anfang und Mitte der 80er Jahre brachte die sogenannte Friedensbewegung Hunderttausende Demonstranten auf die Straße, die gegen amerikanische Raketen protestierten – die die Nato freilich als Reaktion auf die SS-20 der Sowjets aufstellen wollte. Die großen Demonstrationen waren ebenso von Moskau gesponsert wie die jahrelangen Vorarbeiten, Schriften, Konferenzen, Reisen, Schulungen etc. Und mit der Zeit gewann die Bewegung auch immer mehr Unterstützer in Redaktionen und Politik. Gerhard Schröder etwa musste bis heute noch nie unangenehme Fragen dafür beantworten, dass er 1986 einen ziemlich schleimigen Brief an SED-Politbüromitglied Egon Krenz schickte. Wer im Studentenparlament der FU widersprach, dem chinesischen ZK eine Grußbotschaft zu telegrafieren oder gar die DDR-Mauer weghaben wollte, wurde schnellstens niedergebrüllt (ich spreche da aus eigener Erinnerung).

...wie dieses historische Dokument zeigt. Realpolitik, schwarz auf weiß

Gerhard Schröder, damals Ministerpräsident in Niedersachsen, schrieb DDR-Vizechef Egon Krenz diesen Brief

 

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der große Teil der Publizistik überwiegend einen intakten Kompass hatte. Ob Rias, Springer oder Hundert,6 – trotz aller Risse und Grabenkämpfe gehörten wir zum Westen und wussten, dass unsere Existenz auf der Meinungs- und Medienfreiheit beruhte. Freie Medien, freies Land – diese Gleichung galt. Zu den freien Medien gehörten auch die linken Medien, von der UZ über die taz bis zum Berliner Extradienst, manche mehr, manche nicht von DDR und Stasi finanziert. Die Demokratie hat das ausgehalten. Die Zeitungen waren politisch klar positioniert und hatten immensen Erfolg.Möglicherweise hat das alles miteinander zu tun.

Allerdings ist diese Sicht auf  Mediendinge derzeit etwas unpopulär. Nachdem ich die Zeit eben gelobt habe, möchte ich sie jetzt kritisieren, oder besser, ihren Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Der führte vor kurzem ein Interview mit Bertelsmann-Chef Thomas Rabe, einem der mächtigsten Medienmänner Deutschlands. Di Lorenzo fragte ihn nach seinem Fitnessprogramm und ließ sich erklären, Rabe habe einen Dienst-Mini. Den lasse er aber gerne stehen, vor allem in Berlin, weil er da lieber sein Mountain-Bike benutze. Zum Print-Geschäft (das Wort Journalismus kommt kein einziges Mal vor) gab es nur ein paar dürre Zeilen, in denen Rabe sagte, dass er sehr gern gedruckte Printmedien konsumiere und dass ihm vor allem ein Portrait von Pep Guardiola im Stern gefallen habe.

Viel nachgehakt hat di Lorenzo nicht. Nicht einmal Niedlichkeiten. Warum muss es in Berlin ein Mountainbike  sein, hätte er nachfragen können, weil Prenzlauer Berg Berg heißt? Hat er aber nicht. auch nicht, welchen Stellenwert in seinem Haus der Journalismus hat. Welche Grenzen er seinen Journalisten setzt. Wie weit sie die Staatsmacht auch mal herausfordern dürfen, wenn sie das für angebracht halten. Er hätte auch nachfragen können, wie Rabe Medienfreiheit definiert. Ob er heute wieder den Geschäftsführer eines konzerneigenen Radiosenders feuern würde, weil der sich einen ziemlich spektakulären Telefonscherz mit dem Bundeskanzler persönlich – wiederum Schröder – erlaubt hatte. Das hat mit Journalismus natürlich nichts zu tun, aber es war lustig, und vor allem war es demokratisch, weil solche Scherze sonst nur mit Fahrlehrern oder Friseurinnen gemacht werden – warum also nicht auch mal mit dem Bundeskanzler?

Erst recht wüsste man gern, wie Rabe sich ein Szenario vorstellt, in dem seine Medien ein Großereignis wie den Umsturz in der Ukraine nicht mehr in der Auslands-Sektion aufschreiben, sondern im Ressort Politik Inland. Welche Rolle am Diskurs schreibt er seinen Medien zu? Welche Rolle am Erhalt eines politischen Rahmens, der Medienfreiheit überhaupt erst möglich macht? Wie würden seine Medien sich verhalten dürfen, wenn ein neosowjetischer (oder sonstwie unerfreulicher) Umsturz drohen sollte? Schade, dass di Lorenzo all das nicht fragte.

Aber vielleicht konnte er auch nicht. Vielleicht ist ja klar, dass auch der Zeit-Chefredakteur nur ein Angestellter ist und einen höhergestellten Medienmanager darum lieber nach seinem Morgengetränk (Ingwertee) fragt statt nach dessen Auslegung des gesetzlichen Tendenzschutzes. Wenn Medien Diskurs und Konflikt abschaffen und stattdessen nur noch freundliche Belanglosigkeiten bringen, dann schaffen sie sich am Ende vielleicht selber ab.

Schon möglich, dass die Auflagenverluste gerade der Tageszeitungen auf das Konto des Internets gehen. Möglicherweise liegt es aber aber auch daran, dass Journalisten immer häufiger recherchefrei und oberflächlich berichteten und viele als investigativ etikettierte Geschichten in Wahrheit eher moralischer Empörungsstoff sind statt substanziell. Dass da etwas dran sein könnte, zeigt ja ausgerechnet wiederum die Zeit – die als eines der wenigen deutschen Printmedien Auflage (und Klicks!) hinzugewinnt, meistens mit Substanz, manchmal auch mit dem Hinweis auf Gefahren für die Demokratie, vorausgesetzt, es wird nicht gerade gerade Thomas Rabe interviewt.

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