Das Unangenehme im Fall Peggy ist fĂŒr Politik, Polizei und Justiz, dass ĂŒber die internen AblĂ€ufe und die Ermittlungen so viele Details bekannt sind. Journalisten schauen den Beteiligten viel schĂ€rfer ĂŒber die Schulter als in den meisten anderen FĂ€llen. Tiefere Kenntnis schĂ€rft auch den Blick fĂŒr das Wesentliche, wenn am Ende Ergebnisse prĂ€sentiert werden. Besonders interessant war das Gutachten des Berliner Psychiaters Hans-Ludwig Kröber und was die Staatsanwaltschaft daraus machte (nicht das Gericht – anders als vor zehn Jahren).

Kröber hatte schon im ersten Ulvi-Prozess zu untersuchen, ob das GestĂ€ndnis des Angeklagten glaubhaft war oder nicht. Er kam zu dem Ergebnis, es sei tatsachenbegrĂŒndet. Ohne diesen Befund hĂ€tte der Richter Ulvi kaum zu lebenslanger Haft verurteilen können, das Gutachten spielte eine tragende Rolle. Dieses Mal sollte Kröber dasselbe Gutachten noch einmal liefern, mit nur einer Änderung: Er sollte berechtigen, dass die Polizei eine Taghergangshypothese entwickelt hatte. Das soll er vor zehn Jahren nicht gewusst haben. Die Tathergangshypothese ist deshalb wichtig, weil sie möglicherweise die Grundlage darstellte, auf der Polizisten ihrem Beschuldigten einen Tathergang suggeriert haben könnten.

Kröber tat also wie geheißen und nahm die Tathergangshypothese zur Kenntnis – erklĂ€rte sie aber sogleich fĂŒr irrelevant. HĂ€tte er sie vor zehn Jahren schon gesehen, „wĂ€re ich enttĂ€uscht gewesen“, trug er vor. Das, was da drinstand, habe vorher ja schon der V-Mann-Zeuge Peter Hoffmann geĂ€ußert (der Mitpatient von Ulvi Kulac, der ihn in der Psychiatrie aushorchte und der Polizei weismachte, Ulvi habe ihm den Mord gestanden). Daraus lĂ€sst sich schließen, dass Kröbers Gutachten vor zehn Jahren auch dann nicht anders ausgefallen wĂ€re, wenn er die Tathypothese gekannt hĂ€tte.

Daraus lĂ€sst sich aber auch schließen, dass Kröber sein Gutachten auf denselben Fakten erstellte wie vor zehn Jahren. Demnach hĂ€tte er eigentlich zu demselben Ergebnis kommen mĂŒssen. Kam er aber nicht: Diesmal gutachtete er, das GestĂ€ndnis von Ulvi Kulac sei zwar gut, aber mit gewisser Wahrscheinlichkeit dennoch falsch. Als BegrĂŒndung nannte er zwei Sachverhalte, die er vor zehn auch schon hĂ€tte erkennen können: Zum einen, dass Ulvi in seinem GestĂ€ndnis zwar wirkliche Geschehnisse schilderte, die er aber in ganz anderen ZusammenhĂ€ngen erlebe habe und dann in einer Art geistigem Copy-and-Paste in die Schilderung der angeblichen Mordtat einbaute. Zum anderen, dass die Polizisten ihm bestimmte Passagen in den Verhören eingeredet haben könnten (Kröber hat das nicht in dieser Klarheit formuliert – seine wörtlichen Formulierungen hĂ€nge ich hinten an)

Das lĂ€sst nur einen Schluss zu: Seine Gutachten waren ĂŒberflĂŒssig – das erste und auch das zweite.

Geradezu furchteinflĂ¶ĂŸend ist, dass die Staatsanwaltschaft auch dieses Mal ihren Antrag auf Kröbers Befund stĂŒtzte – wie vor zehn Jahren. Sie berief sich dieses Mal auf ihn, als sie beantragte, Ulvi “in dubio pro reo” freizusprechen, und sie berief sich vor zehn Jahren auf Kröber, als sie lebenslange Haft forderte – auf Basis identischer Fakten und Akten. Heute schuldig, morgen unschuldig – einfach so. Das wirft die Frage auf, ob die Rolle der Gutachter bleiben kann, wie sie ist. Immerhin hat Richter Eckstein im Verfahren mehrmals klargemacht, dass ihm letztlich egal ist, was Kröber sagt. Das unterscheidet ihn von der Staatsanwaltschaft und von der Hofer Kammer im Jahr 2004 – und vermutlich von zahlreichen Richterkollegen, die Gutachtern blind folgen.

***

Aus dem Gutachten von Prof. Hans-Ludwig Kröber vom 6. Mai 2014:

Wenn tatsĂ€chlich beide Sachverhalte zusammengekommen sein sollten, dass zum einen die ErzĂ€hlung von Peggys Sturz ĂŒber einen Stein, Aufheben, Bluten, Streit, Aufstampfen auf einem realen, aber zwei Wochen frĂŒheren Erleben beruhte, und zweitens, die Geschichte der nĂ€chsten Etappe nach dem erneuten hinkenden Weglaufen Peggys bis zur Ansprache eines Helfers zum Wegbringen des Leichnams durch die Vernehmungen vom 25.6. und 2.7.2002 dadurch induziert wurde, dass Ulvi Kulac zur plastischen VergegenwĂ€rtigung der Situation und möglicher AblĂ€ufe in ihr angeregt wurde, dann ist in diesem Sinn nicht ausschließbar, dass Herr Kulac ein aussagepsychologisch recht gutes, aber falsches GestĂ€ndnis vorzubringen imstande war.

2 Kommentare
  1. Robert Stegmann sagte:

    Welch Brot ich ess, des Lied ich sing.

    So machen es die Gutachter schon seit Jahren auch im Sozialrecht.

    Gestern habe ich ein Gutachten ĂŒber meine Wenigkeit erhalten, die die Gutachten der vergangen Jahre sprichwörtlich in der Luft zerrissen hat.

    Dabei ging es um eine schon im Jahr 2006 beantragte Rente. Alle Vorgutachter haben mich immer als voll erwerbsfÀhig eingestuft. Es waren nicht wenige.

    Der jetzige Gutachter hat gemeint, ich sei schon seit mehr als 10 Jahren voll erwerbsunfĂ€hig. Egal in welchem Beruf. Offenbar hat der Fall Mollath hier einiges bewirkt. “Eine KrĂ€he hackt der anderen kein Auge aus”, gilt offenbar nicht mehr.

    Ich bin gerne bereit, mein letztes Gutachten dem Betreiber der Seite zur VerfĂŒgung zu stellen, damit er meine Angaben ĂŒberprĂŒfen und journalistisch verwerten kann

    Robert Stegmann

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