Es ist ungewöhnlich, dass journalistische Recherche detektivische Züge annimmt und zu einer Frontstellung zu Strafermittlern führt. Im Fall des mysteriösen Todes von Rudolf F. in Meiningen ist das passiert. Äußerlich sichtbar wurde das jetzt in einem Artikel des Meininger Tageblattes, in dem meine Position zu dem Fall gegen die der Staatsanwaltschaft steht. „Lemmer widerspricht Staatsanwaltschaft“, lautet die Unterzeile unter der Überschrift: „Todesfall wirft weiter Fragen auf“.

Ausriss aus dem Meininger Tageblatt vom 7. Mai 2010

Zustande kam diese seltsame Konstellation, die mir übrigens nicht besonders gut gefällt, mit einer Presseerklärung, die die Staatsanwaltschaft vor einigen Tagen verschickte und aus der das Meininger Tageblatt ausgiebig zitierte. Darin warf sie mir vor, die von mir zitierten Mediziner seien „nicht dazu bereit, die ihnen zugeschriebenen Zitate und Meinungen auf Nachfrage durch die Staatsanwaltschaft Meiningen vollen Umfangs zu bestätigen“. Außerdem warfen die Ermittler mir vor, ich hätte „das Zweitgutachten der Rechtsmedizin aus Frankfurt … nahezu unbeachtet“ gelassen. Das war eine Attacke auf meine Glaubwürdigkeit, und die wollte ich dann doch nicht so stehenlassen.

Die von mir zitierten Mediziner stehen nämlich sehr wohl zu dem, was sie mir gesagt haben und auch dazu, wie ich es aufgeschrieben habe. Einer, der Chef eines großen Rettungsdienstes, bat mich lediglich, seinen Namen aus dem Blog zu streichen. In der Sache, so versicherte er mir, halte er in vollem Umfang an dem fest, was dazu hier zu lesen ist. Noch klarer äußerte sich der ebenfalls von mir zitierte Berliner Rechtsmediziner Prof. Volkmar Schneider, der schilderte, wie die Staatsanwaltschaft versuchte, seine bei mir und in der Thüringer Allgemeinen wiedergegebene Ansicht zu überprüfen. Nach der Rückkehr aus den Ferien habe er eine Ansage auf seinem AB abgehört, die derart schnell gesprochen war, dass die Rückrufnummer nicht zu verstehen war. Schneider sagte, er hätte selbstverständlich zurückgerufen, wenn er die Nummer nur verstanden hätte. Er nannte es eine Frechheit, dass die Staatsanwaltschaft derart leger Kontakt zu ihm aufnehme. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Waßmuth, verkündete hinterher, Schneider habe leider auf die Anfrage seiner Behörde nicht reagiert. Das ist nun wirklich starker Tobak.

Vor allem aber hat der wichtigste der von mir zitierten Mediziner, Carsten Hädrich, ausdrücklich bekräftigt, was er auch mir schon vorher gesagt hatte – dass nämlich die Verletzungen am Hals von Rudolf F. eine Gewalteinwirkung nahelegen. Hädrichs Ansicht gehört deshalb besonders ernst genommen, weil er die Leiche selber obduziert hat – anders als die Chefin des Jenaer Rechtsmedizin-Instituts, die einen Gewaltangriff bestreitet. Die Staatsanwaltschaft hat seine Stellungnahme ohne jegliche Begründung für irrelevant erklärt.

Der Vorwurf, ich hätte das Zweitgutachten aus Frankfurt nicht beachtet, ist schlicht lächerlich. Ein Klick – hier –, und er ist widerlegt. Kritisch anzumerken, dass es keine besonders schlaue Entscheidung war, ausgerechnet Prof. Bratzke mit dem Zweitgutachten zu beauftragen, ist vollkommen angebracht. Bratzke gehörte der Berufungskommission an, die die Erst-Gutachterin Gita Mall auf ihren Chefsessel im Jenaer Rechtsmedizin-Institut berufen hat. Wer die Frage nach dem Verdacht der Befangenheit des Zweitgutachters vermeiden will, hätte jemanden auswählen können, dessen Wege sich nicht in dieser Weise mit denen der Erst-Gutachterin kreuzten. Waßmuth begründete die Auswahl später damit, das Frankfurter Institut sei auf Wundheilungen spezialisiert. Außerhalb der Meininger Staatsanwaltschaft hat davon allerdings noch nie jemand etwas gehört. Da darf man dann wohl hellhörig werden.

Die Folge war, dass das Meininger Tageblatt jetzt einen weiteren Artikel druckte, in dem ich unverhofft als Protagonist auftauche. Die Zeitung zitiert mich mit dem Satz: „Ich habe noch nie erlebt, dass sich eine Staatsanwaltschaft so ziert, ein Tötungsdelikt aufzuklären“. Den habe ich so gesagt, dazu stehe ich auch.

Den Vogel schoss dann die Pressestelle der Staatsanwaltschaft mit einer Mail ab, in der sie mir mitteilte, dass die „Öffentlichkeitsarbeit in dem genannten Fall abgeschlossen ist“.  Demnach darf ich mit der Beantwortung diverser noch offener Fragen wohl nicht mehr rechnen, als da wären: Wo sind die verschwundenen Röntgen-/CT-Aufnahmen geblieben, die nach Lage der Dinge für ein Verbrechen sprechen? Wie verlief das ominöse Gespräch, bei dem Staatsanwaltschaft, Kripo, Rechtsmediziner und Klinikärzte angeblich festgestellt haben wollen, eine Gewalttat sei ausgeschlossen? Was ist mit dem Video, auf dem dieses Treffen festgehalten wurde?

Einer der von mir zitierten Mediziner forderte mich inzwischen auf, bloß an der Sache dranzubleiben. Versprochen. Wobei ich hoffe, dass ich mich wieder auf meine Rolle als Berichterstatter konzentrieren kann.

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