Ich finde die Berichterstattung in eigentlich allen deutschen Medien über den Vor-Wahlkampf der Republikaner in den USA ziemlich unsäglich. Kennzeichnend sind pauschale und üble Wertungen, die vor allem Donald Trump betreffen. Genreübergreifend lese und höre ich die Einordnung als “Zirkus” oder “Polit-Zirkus”. Bei Google-News finde ich zu einer Stichwortsuche nach “Vorwahlen USA Trump Zirkus” stand heute 461 Einträge. Mal wird der Wettstreit der Republikaner-Kandidaten auch als “Schlammschlacht” bezeichnet oder Trump mit einem “Betrunkenen” verglichen. Manche Kollegen, auch der ARD, lehnen sich seit Wochen immer wieder mit der nirgendwo begründeten Behauptung aus dem Fenster, Trump sei bei allem möglichen der “Verlierer”. Für meinen Geschmack haben die betreffenden Kollegen jeden Maßstab und jede professionelle Distanz verloren. Ein paar Gedanken dazu.

  1. Vorwahlen in den US-Parteien sind zutiefst demokratisch. Deutsche Parteien diskutieren derartiges seit Jahrzehnten, ohne es je hinbekommen zu haben. Ich denke, man muss das nicht in epischer Tiefe und Breite begründen, dass es demokratisch ist, den eigenen Mitgliedern und Anhängern eine Auswahl an Kandidaten zu präsentieren, unter denen die dann denjenigen auswählen, den sie für am besten geeignet halten.
  2. In den USA haben Sie dabei auch noch eine echte Auswahl. Zum Start des Vorwahlprozederes hatten sich fast 40 Bewerber gemeldet. Jetzt sind es immer noch mehr als zehn. Mitglieder und Anhänger deutscher Parteien haben weniger Auswahl. Bei der Union ist nicht nur Merkels Politik “alternativlos”, sondern auch die Kanzlerin selber. Bei der SPD wird nur noch darüber debattiert, ob überhaupt jemand antreten soll. Damit wird das Demokratiegefälle zwischen den USA und Deutschland immer steiler. Bei der nächsten Bundestagswahl wird es in Deutschland jedenfalls nicht darum gehen, dass die Bürger wählen dürfen, wer Bundeskanzler wird. Faktisch dürfen sie nur zu Merkel ja oder nein sagen.
  3. Die Bürger in den USA sind offenbar politisch sehr interessierte Menschen, anders, als hiesige und von allen Medien gern verbreitete Vorurteile nahlegen. Die Fernsehduelle und -auftritte der Republikaner-Kandidaten sind durchweg Quotenerfolge. Hierzulande fallen Politiker dagegen eher durch abseitige Ideen auf, mit denen sie Politik populärer machen wollen, etwa verlängerte Wahltage oder dubiose Kampagnen mit vermeintlich aufklärerischen Inhalten.
  4. Hiesige Medien erklären das hohe Interesse an politischen Debatten in den USA gern damit, da gehe es mehr oder weniger nur um Klamauk und Personality. Beliebt ist – wiederum vor allem bei ARD-Medien – der Hinweis auf angeblich fehlende “Programme”. Das ist, liebe Kollegen, totaler Quatsch. In den Quotenrennern in den USA geht es regelmäßig um “Programme”, auch, wenn niemand das so nennt. Die Themen, über die die Kandidaten (Trump eingeschlossen) streiten, sind u.a.: Zuwanderung, Wirtschaft, Steuern, Sicherheit, Gesundheit, Drogenpolitik und Umwelt. So unterschiedlich ist der Kanon gar nicht, verglichen mit unserem. Anders ist nur, dass zu jedem dieser Themen eine viel breitere Palette unterschiedlicher Ansichten vertreten wird, und zwar schon innerhalb der republikanischen Partei. Wiederum ein Punkt für die USA beim Demokratievergleich, und zwar deshalb, weil hier nicht nur unterschiedliche Personen zur Wahl stehen, sondern auch unterschiedliche Programmatiken.
  5. Gerade deutsche Medien neigen manchmal zu gouvernantigem Verhalten, wenn es um Äußerlichkeiten und Persönliches geht. Als Merkel mal in einem dekolletierten Ballkleid gezeigt wurde, da reichten die Diskussionen von Sexismus bis sonstwohin. Ãœber Gabriel, der ziemlich übergewichtig ist und mit einer jüngeren Frau noch einmal spät Vater wurde, könnte man sicher viele unkorrekte Witze reißen, die verletzend sein mögen, aber trotzdem lustig wären. Derartiges ist aber verpönt, sicher auch aus nachvollziehbaren Gründen. Heißt der Kandidat aber Trump, dann gilt nichts davon. Da geht es um seine Frisur, seine Frauen, sein Geld und seine flotten Sprüche. Die Absicht dahinter ist klar: Der Mann soll öffentlich so weit desavouiert werden, dass er als vollständig inkompatibel zu ernsthafter Politik dasteht. Dass er seine Milliarden als ungewöhnlich erfolgreicher Geschäftsmann gemacht hat nützt ihm da auch nicht, im Gegenteil. Derart überwältigender Erfolg gilt deutschen Medien und Politikern eher als verdächtig. Wohl auch deshalb sind politische Quereinsteiger hierzulande die Ausnahme. Auch das spricht aber wiederum für die USA. Warum soll ein Milliardär nicht ebenso für ein politisches Amt kandidieren dürfen wie ein Mittelständler oder Arbeitersprößling? Wer das nicht mag, der mag es offen aussprechen und dann auch begründen, ob und ggf. wie er sich gegen Lenin abgrenzen will, der ja als Begründer der “Diktatur des Proletariats” und damit eine machtpolitisch definierte Politikklasse gilt.

Um jetzt nicht missverstanden zu werden: Mir geht es um den Stil und die professionelle Distanz bei der Berichterstattung über die Republikaner-Vorwahlen. Mich stört dieses kritiklose Mitschwimmen auf einer Schmähwelle und die falsche Prioritätensetzung. Trumps Frisur steht eben nicht im Mittelpunkt der Ereignisse, sondern sein Programm. Auch, wenn man das nicht mag, wäre es wohl angebracht, es wenigstens mal vorzustellen (denn er hat ja eines). Danach kann man ja immer noch einen Kommentar mit persönlicher Meinung nachschieben. Und um auch den letzten Raum für Missverständnisse zu versperren: Ich habe durchaus auch einen Favoriten bei den Republikern. Nicht Trump, sondern den libertären Rand Paul, der nach europäischer Begriffsdefinition ein echter Liberaler ist, was bis auf den Spiegel bisher auch niemand kapiert hat (oder nicht kapieren will).

Um zum Thema zurückzukommen: Unterm Strich ist es ziemlich arrogant, ein zutiefst demokratisches Auswahlverfahren zu verspotten und das einheimische, weit undemokratischere Verfahren zu glorifizieren. Nicht ohne Grund gelten deutsche Medien im Vergleich der westlichen Demokratien als die zahmsten. Wer das nicht glaubt, der möge sich einfach mal an die letzten TV-Duelle der Kanzlerkandidaten erinnern, die vor allem eines nicht waren: Duelle. Es waren bieder-bürokratische PR-Veranstaltungen mit seelenlosen Fragestellern, in denen es nur darum ging, den Kandidaten eine Plattform für Plattitüden zu schenken. Diskurs und Kontroverse? Fehlanzeige. Derartiges finde ich viel besorgniserregender als Trumps komische Frisur.

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