Wenn sich ein Bioladen in einem Wahlkampf für einen Kandidaten engagiert, mit Plakat im Schaufenster und Aufsteller auf dem Trottoir, für welche Partei wird er wohl werben? Die Frage ist natürlich rhetorisch gemeint. Es ist eh jedem klar, dass ein Bioladen für die Grünen wirbt. Grün und bio gehört ja irgendwie zusammen. Der Bioladen ist die Konsumkapelle grüner Lebensart. Man kauft nicht, weil es besser schmeckt oder günstiger sättigt, sondern um ein Bekenntnis abzulegen. Wer im Bioladen kauft, glaubt, er kaufe „regional“, ohne Genetik (oder so), ohne Chemie (oder so) und irgendwie gesünder (oder so). Und lässt sich das einen Extra-Aufschlag auf den Preis kosten und findet es großartig, wenn Grüne pauschal für teurere Lebensmittel eintreten.

Im Kommunalwahlkampf in Bad Aibling ist die Verknüpfung zwischen grüner Partei und ihrem biokommerziellem Business besonders augenfällig. Der Bioladen Ährensache an der Bahnhofstraße, zentral gelegen, wirbt mit einem Plakat im Schaufenster und einem Aufsteller auf dem Bürgersteig für die Grünen und ihre Spitzenkandidatin Martina Thalmayr. Auch die Inhaberin des Geschäfts kandidiert für die Grünen um einen Sitz im Stadtrat.

Bürgermeisterkandidatin Thalmayr ist ihrerseits auch Inhaberin eines Bioladens, nämlich des Hachinger Biogwölb. Und spätestens jetzt bietet es sich an, mal genauer auf die Botschaften zur schauen, die dieser grün-biokommerzielle Komplex an Wähler und Kunden aussendet. Die erklären sich am offensichtlichsten anhand der Marken, die die Bio-Politikerinnen in ihren Läden anbieten. Dabei wird auch deutlich, dass es sich keinesfalls um eine niedliche, lokale, kleinteilige Nachbarschaftsökonomie handelt, sondern um Big Business vor allem eines internationalen Konzerns, dessen Vertriebsstellen sich nur gekonnt als niedliche, lokale und kleinteilige Nachbarschaftsökonomie verkleiden.

Veleda: germanische Seherin

Bioläden, auch der der grünen Bürgermeisterkandidatin, pflegen ein breites Sortiment der Marke Weleda. Es handelt sich um eine Marke des Erfinders der Anthroposophie, Rudolf Steiner. Der Name „Weleda“ ist germanischer Mythologie entlehnt: Steiner benannte die Firma nach der germanischen „Seherin“ Veleda. Steiner himself zeichnete auch das Logo, vermerkt die Firma Weleda auf Ihrer Website:

Rudolf Steiner hat das Logo, das bis heute verwendet wird, persönlich gestaltet. Es zeigt einen stilisierten Stab und eine aesculapianische Schlange – symbolisch und mythologisch mit Heilung verbunden. Um den Stab wird ein Spenden- und ein Empfangssymbol gezeichnet, das den medizinischen und sozialen Ansatz von Weleda symbolisiert.

Ein Dollarsymbol wäre vielleicht auch angebracht. Weleda bezeichnet sich selber als „der weltweit führende Hersteller von ganzheitlichen, natürlichen, biologischen Kosmetika sowie von Arzneimitteln für die anthroposophische Therapierichtung“. Was das in Zahlen bedeutet, findet sich in einer Presseaussendung des Weleda-Konzerns: Der Jahresumsatz belief sich im Jahr 2018 auf 412 Millionen Euro. Davon entfielen 157 Millionen Euro auf Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz.

Homöopathie

Etliche Weleda-Produkte sind homöopathisch. Weleda rühmt sich, prominent am Zentralwerk der Homöopathen mitzuarbeiten, dem „Deutschen Homöopathischen Arzneibuch“.

In einem wichtigen Durchbruch im Jahr 1976 begannen die Mitarbeiter von Weleda mit der Arbeit an den Monographien für das Deutsche Homöopathische Arzneibuch. Seitdem ist Weleda für Informationen fast aller Heilmittel in der Liste verantwortlich, die mit Mineralien, Wärme und rhythmische Behandlungen zu tun haben.

Homöopathie ist eines der großen aktuellen Streit-Themen. Dass darüber überhaupt gestritten werden kann hat mit dem Einfluss der Grünen und der grün-verbandelten Medien zu tun. Homöopathie hat keinerlei Wirkung, die über den Placebo-Effekt hinausgeht. Gleichwohl propagieren alle, die Geld mit Homöopathie verdienen, esoterischen Unsinn etwa vom Wassergedächtnis. Homöopathische Weleda-Produkte finden sich auch in den Bioläden der beiden grünen Aiblinger Politikerinnen. Die bayerischen Grünen befürworten mehrheitlich die homöopathische Voodoo-Medizin. Martina Thalmayr, die Bürgermeisterkandidaten, verkauft entsprechende Präparate. Meine Frage, ob sie selber daran glaubt, beantwortet sie nicht und verweist auf ihren übervollen Terminkalender wie übrigens auch zu allen anderen Fragen, um die es hier geht. Insofern gibt es zu alldem keine Stellungnahme von ihr.

Homöopathie für den kosmisch energetisierten Acker

Die Hohepriester von Biokommerz und Homöopathie treiben den Schabernack noch weiter. Nicht nur Mensch, Pferd, Hund oder Katze wollen sie mit Globuli heilen können, nein: Sie glauben sogar, sie könnten auf homöopathische Weise Ackerböden mit magischer Energie aufladen. Für biologisch-dynamische Landwirtschaft mit Demeter-Zertifikat ist nämlich folgendes zu tun (Quelle):

  • Man vergrabe im September Kuhhörner im Boden, die zuvor mit Kuhdung gefüllt wurden. Das Befüllen der Kuhhörner mit Dung zelebriere man mit Achtsamkeit als kultische Handlung – nicht, weil es dann in Realität wirken würde, sondern weil man sich dann als Druide biogrünen Lifestyles fühlen darf.
  • Im Frühjahr buddele man die Kuhhörner wieder aus und kratze den Dung in einen Wasserbottich.
  • Dann rühre man die Dungsuppe eine Stunde lang um, und zwar abwechselnd links- und rechtsherum. Eine Stunde lang! Abwechselnd links- und rechtsherum. Und dabei bitte andächtig gucken.
  • Dann ist das Präparat präpariert, mit dem das Feld energetisiert werden kann. Man bringe das links- und rechtsgerührte Wasser mit der Monate alten Kuhkacke tropfenweise auf dem Feld aus, z.B. mit einem Handfeger. Tröpfchen hier, Tröpfchen da.

Die Hohepriester fantasieren, auf diese Weise wirkten die Kräfte des Kosmos auf das Feld ein, die von September bis Frühjahr auf die vergrabenen Kuhhörner mit Kuhdung eingewirkt haben sollen. Also das Gedönse mit Planetenkonstellationen und so.

Äpfel betanzen

Man nähere sich bitte andächtig und staunend jedem Apfel im Bioladen, vor allem, wenn er einem Demeter-zertifizierten Baum entspross. Demeter ist eine weitere dieser mystisch angehauchten Bioladen-Marken aus dem Kosmos des Rudolf Steiner. Dessen heutige Apologeten veröffentlichen unter dem Stichwort „Forschung“ die umwerfende Erkenntnis, dass der Apfel nur dann biologisch-dynamisch genug heranreift, wenn er vom Biobauern angetanzt wird. Angetanzt! Kein Witz! Bäume antanzen! Das klingt exakt so bekloppt wie es ist. Aber diese Leute meinen das ernst (Quelle).

Tanja Baumgartner entwickelte dann in Zusammenarbeit mit Niklaus Bolliger zwei Behandlungsreihen mit eurythmischen Laut-, Planeten- und Seelengesten, je eine für Süße und Festigkeit. Ausgangspunkt war das Wesen des Apfelbaums, das der Demeter-Obstbauer aus seiner täg- lichen Arbeit heraus darstellte. Und aufgrund dessen Tanja Baumgart- ner nach Parallelen zu den euryth- mischen Bewegungsqualitäten suchte. Aus diesen wurden dann die Reihen zusammengestellt.

Zitat aus einer mit „Forschung“ rubrizierten Seite von Demeter

Besagte „Forscherin“ ist auf der entsprechenden Publikation auf einem Foto zu sehen, wie sie ein U vor einem Apfelbaum tanzt. Also noch einmal: Eine Frau ist zu sehen, die ein U vor einem Apfelbaum tanzt. Die anthroposophische Forschung über das Betanzen von Obstbäumen kommt – Überraschung! – zu dem sensationellen Ergebnis, dass die betanzten Äpfel süßer und fester waren als die nicht betanzten, jedenfalls „tendenziell“. Übrigens: Wir leben im 21. Jahrhundert, auch, wenn der Bioladen-Kult nach Mittelalter klingt.

Regionale Rapunzel mit Vandana Shiva

Eine weitere Erfolgsmarke der Bioläden ist Rapunzel. Das Motto: Viel Geld verdienen mit Steiner-Esoterik plus regionalem Anbau plus Fairtrade plus Vandana Shiva. Vandana wer?

Vandana Shiva gehörte zu den Stars eines „One World Festivals“, das die Marke Rapunzel 2017 veranstaltete. Shiva ist Trägerin des alternativen Nobelpreises, Kämpferin gegen den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft und eine Ikone der Szene. Dort, wo sie herkommt, in Indien, ist Shiva freilich schwer umstritten. Indische Landwirte rebellieren offen gegen sie und gegen den bis in die indische Politik gesickerten Öko-Fundamentalismus – und bauen trotz strikten Verbots genmodifizierte Baumwolle an. Das erspart ihnen und der Natur tonnenweise Insektengift. Und es kostet die Bauern auch viel weniger, weil die steile Behauptung der Gentechnik-Gegner, Konzerne wie Monsanto würden mit Patenten die Bauern versklaven, schlicht falsch sind. sie werden zwar unablässig wiederholt, aber sie sind falsch.

Richtig ist, dass die Marken, deren Produkte Aiblinger Grünen-Politikerinnen führen, diese Unwahrheiten weiterverbreiten, aufwändige Veranstaltungen inszenieren, umstrittene Figuren wie Vandana Shiva fördern und teure Propaganda veranstalten, weil der Verkauf ihrer Produkte entsprechende Umsätze generiert, mit denen strategisch das Feld der Meinungsbildung beackert werden kann.

Indische Bauern demonstrieren für das Recht, gentechnisch behandelte Baumwolle anbauen zu dürfen

Zugleich verwendet Rapunzel beim Umgang mit international produzierten Erzeugnissen das Label Fairtrade. Das erscheint dann wohl etwas selbstgerecht. Indische Bauern dürften Rapunzels zugleich grüne und profitable Ideologie nicht besonders fair finden.

Antisemitismus, Rassismus, Nationalsozialismus

Ein paar Worte zur Ideengeschichte und vor allem zur von Steiner und seinen Apologeten vertretenen biologisch-dynamischen Landwirtschaft: Die hat ihre Ursprünge in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zur damals heftig einsetzenden Industrialisierung und Globalisierung. Die Themen – Regionalismus statt Globalisierung, Absage an technischen Fortschritt, Skepsis gegenüber Wissenschaft und Aufklärung – waren im Grunde dieselben wie heute.

Eine weltweite Ikone der Bewegung war Helena Petrovna Blavatsky. Diese Frau begründete die Theosophie, eine vermeintliche Lehre, die sich zwischen Theologie und Philosophie bewegen und die Welt erklären sollte. Tatsächlich ist Blavtatskys Werk nur verschwörungstheoretisches Geraune, basierend auf der Idee, der Mensch habe sich aus einer Wurzelrasse entwickelt. Überhaupt geht es bei Blavatsky vor allem um menschliche Rasse, weshalb Rassisten aller Art sich bei ihr bedienten.

Blavatsky wiederum war Vordenkerin von Rudolf Steiner, der ihre Theosophie für bare Münze nahm und daraus seine Anthroposophie strickte. Steiner schwebte eine deutsch-nationale Mystik vor, die sich ähnlich anfühlen sollte wie der asiatische Buddhismus. Steiners sogenannte Lehre ist nicht weniger bescheuert wie Blavatskys, nur länger, ausschweifender und kommerziell bis heute viel erfolgreicher – wie sich an den Regalen der Bioläden in Aibling und Oberhaching besichtigen lässt. Außerdem war Steiner Antisemit.

Bio-Kräuter für Nazi-Bonzen aus dem KZ

Steiner verknüpft in seinem Werk auch Ideen der sogenannten Lebensreformer mit seinem Konvolut. Daraus stammt das Konzept des biologisch-dynamischen Landbaus. Wie gut der Mann damit das deutsche Nationalistenwesen traf, erwies sich unter der NS-Herrschaft. Vor allem die germanisch-heidnisch infizierte SS stand auf Steiners Thesen.

In der Gedenkstätte des KZ Dachau gibt es einen biologisch-dynamischen Kräutergarten. Der ist mitnichten eine Marotte grün-bio-gesinnter Gedenkstätten-Mitarbeiter, sondern ein Überbleibsel der biologisch-dynamischen Landwirtschaft um das KZ. Juden, Sinti und Roma beackerten als Arbeitssklaven die Felder nach Demeter-Regeln und lieferten Kräuter und Gemüse an die Küchen von Heinrich Himmler und anderen Nazi-Bonzen. Nebenbei: Dass so ziemlich jede Schulklasse Bayerns Dachau besucht und dennoch praktisch niemand diesen Teil der Dachau-Historie kennt, ist erschreckend. Machen die – Lehrer, grün gesinnt? – alle die Augen zu, wenn der Bio-Kräutergarten ins Blickfeld rückt?

Die grüne Partei hat immerhin vorübergehend den Versuch unternommen, diesen ekelhaften, braunen Teil ihrer Ideengeschichte aufzuarbeiten. Das war zu der Zeit, als in Berlin Ralf Fücks die parteieigene Böll-Stiftung leitete. Besonders populär war das in der Partei und der angeschlossen Bio-Kommerzialität freilich nie. Denn die basierte immer darauf, die für deutsche Seelen gemachte Steinersche Esoterik politisch wie kommerziell nutzbar zu machen.

In Oberbayern ist das leider teils erfolgreicher gelungen als anderswo. Hier ist beispielsweise auch die Impfquote bei Masern so niedrig wie nirgendwo sonst in Deutschland. Grüne Ideologie, Weleda- und Demeter-Konsum und Impfgegnerschaft gehen aber Hand in Hand. Ähnliche Vorlieben finden sich in Nazi-Mileus, übrigens ganz besonders in der Szene um den NSU. Grüne und Braune mögen sich spinnefeind sein, aber ideengeschichtlich verbindet sie mehr, als vor allen den Grünen lieb ist.

Von Bürgermeisterkandidatin Martina Thalmayr wollte ich u.a. wissen, wie sie selber zum Impfthema steht. Aber auch für die Antwort auf diese Frage reichte ihre Zeit nicht aus. Sie ignorierte sie in ihrer Antwort-Mail vollständig.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.