Es war einmal … da war das Kaufhaus des Westens am Berliner Tauentzien dafür berühmt, so ziemlich jeden Warenwunsch auch anspruchsvoller Kundschaft erfüllen zu können. Seine Einkäufer pflegten eigene Kontakte zu Produzenten überall auf der Welt und beschafften, was außer ihnen niemand sonst in Deutschlands Hauptstadt anzubieten vermochte. Ausgefallene Düfte, exotische Accessoires, nie zuvor gekostete Speisen.

Das hat sich gründlich geändert. Als Haus der „Karstadt Premium Group“ hat das KaDeWe in den vergangenen Jahren vor allem sein Sortiment reduziert und bietet heute kaum mehr als das übliche Nullachtfünfzehn-Angebot. Beispiel gefällig? Der Herrenduft Quorum, ein spanisches Erzeugnis. Kennt kein Mensch. Das soll auch so sein, der Kunde will ja etwas Besonderes, darum geht er ja ins KaDeWe. Bis zum Ende der 90er-Jahre war er da auch richtig. Die Sorte stand neben hunderten anderen, die meisten ebenso ungewöhnlich, in einem gewaltigen Regal. Testen, herausnehmen und kaufen. Eines Tages war das große Regal verschwunden. Stattdessen standen da kleine Pavillons, für jede Firma ein eigener, in dem sie allein die eigenen Marken feilboten. „Shop-in-Shop“ nennen das die Kaufhaus-Manager, die überhaupt für krude Wortschöpfungen gut sind. Wenn sie das Angebot zusammenstreichen, sprechen sie immer von „Straffung des Sortiments“. Treffender wäre „Strafung des Kunden“.

Immerhin gab es eine gewisse Zeit noch findige Verkäuferinnen, die auf Anfrage den Kunden zum Shop im Shop führten, dessen Firma den Vertrieb für die Sorte Quorum besorgte. Vorübergehend war der Stoff also noch auf normale Weise zu bekommen – wenn als normal auch gilt, dass er ohne Durchfragen nicht aufzufinden war. Aber auch diese Zeit ging vorbei. Es folgte eine Phase, während der der Shop im KaDeWe nur noch in der Lage war, das Produkt auf ausdrücklichen Kundenwunsch zu bestellen, Wartezeit bis zum Abholen immer drei bis vier Tage. Mittlerweile ist auch das nicht mehr möglich. Vielleicht liegt das aber auch daran, das im Erdgeschoss des KaDeWe keine einzige Verkäuferin mehr zu finden ist, die je von einem Herrenduft namens Quorum gehört hätte. Dafür sprechen sie dort jetzt erstaunlich fließend russisch.

Ein ernstes Problem scheint die großzügige Ausstattung an Grundfläche zu sein. Es sind ja immerhin 60.000 Quadratmeter, die irgendwie zugestellt werden müssen und die sich nicht so leicht straffen lassen wie das Sortiment. Verschärft wird das Problem dadurch, dass einige wirklich exklusive Angebote in unstandesgemäße Enge gerückt wurden. Etwa die auffällige riesige Stereoanlage von MBL mit den futuristisch aussehenden Lautsprechertürmen, die früher breit und raumgreifend direkt an der Rolltreppe stand, komplett aufgebaut und jederzeit abspielbereit. Heute steht sie wie Gerümpel in einer versteckten Ecke, und einer der Lautsprechertürme fehlt. Gleich daneben rümpelt ein Art Grabbeltisch mit ein oder zwei Apple-Laptops. Man kann bei der Präsentation von Apple-Geräten ja eigentlich nichts falsch machen. Die Dinger sind optisch so gelungen, dass sie in jeder Umgebung glänzen. Aber das KaDeWe hat das Prinzip Lieblosigkeit so perfektioniert, dass sogar die Macbooks nur noch nach nichts aussehen. Schlicht unfassbar ist daneben das kleine Regalchen mit der übersichtlichen Auswahl an iPhone-Hüllen. Jeder orientalische Telefonshop in der Stadt hat da mehr Auswahl.

Um auf das Problem mit den 60.000 Quadratmetern zurückzukommen: Die Fläche, die früher mit Stereoanlage, Apple-Rechnern und anderer Exklusivware verschwendet wurde, haben die Kaufhaus-Könige jetzt mit einer neuen Taschenabteilung zugestellt. Das ist durchaus skurril. Denn gleichzeitig findet sich eine andere gewisse Auswahl an Ledertaschen im Erdgeschoss, dort also, wo die Taschen im KaDeWe schon immer beheimatet waren. Es gibt jetzt also zwei Taschenabteilungen, eine oben, eine unten. Möglicherweise war das die Lösung, die drohende Leere im fünften Stock zu füllen. Gelungen ist das nicht ganz. Die fünfte Etage ist jetzt zwar kunterbunt bestückt, Taschen zwischen Papier und Elektronik, aber dafür fühlt sich der Kunde in der Taschenabteilung im Parterre etwas verloren. Dort, wo früher einmal Regale standen, spazieren wir jetzt durch einen langen, großzügigen Gang. Eine Art überdachte Champs-Élysées mit Schildern der berühmten Luxusmarken, nur eben viel leerer.

Aber wer weiß, vielleicht ist das KaDeWe ja noch nicht verloren. Neuerdings wendet sich die Kaufhausleitung an die Presse der Stadt Berlin mit dem Hinweis, man wolle sich verstärkt dem einheimischen Publikum widmen. Unausgesprochen steckt darin wohl das Zugeständnis, sich allzu–sehr auf ein neureiches touristisches Publikum konzentriert zu haben, das sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vom Nimbus des Namens KaDeWe locken ließ. Möglicherweise fiel den Kaufhaus-Chefs irgendwann auf, dass sich auch neureiche Russen zunehmend an ihren Wohlstand gewöhnen und mittlerweile Markenware nicht nur an Preisschildern erkennen, sondern auch geschmacklich beurteilen können. Und vielleicht trägt ja auch der Sturz der Karstadt-Manager dazu bei, sich wieder daran zu erinnern, wie sich das erste Haus am Platz vom Rest unterscheiden muss.

aus: Wirtschaftswunder Berlin-Brandenburg, Ausgabe Februar/März 2010

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