Als ich Christian Wulff zum ersten Mal erlebte, stand ich kurz vor dem Abitur und war aktives Mitglied der Berliner Schülerunion. Als Mitglied der Bundesdelegiertenkonferenz war ich dabei, als Wulff 1979 als Bundesvorsitzender wiedergewählt wurde. Meine Erinnerung an diese Veranstaltung ist nicht besonders stark, aber dreierlei ist mir fast bildlich im Gedächtnis geblieben: Dass unser Berliner Landesverband irgendwo ganz hinten im Saal hockte und von dem, was da vorn passierte, kaum etwas mitbekam; dass ich mich zu irgendeinem Thema zu Wort gemeldet hatte, aber die Versammlungsleitung die Debatte beendete, bevor ich dran war; und dass Wulff mit seiner gefönten Frisur, seinen drolligen Jeans und seinem drolligen Pulli genauso aussah, wie der typische Nachwuchs-Unionist auszusehen hatte. Sein Dresscode und sein Auftreten hatten mit persönlichem Geschmack nicht die Bohne zu tun, sondern waren der wandelnde Kompromiss zwischen den anwesenden Anzug- und Jeansträgern und außerdem eine Referenz an seine älteren Mentoren, denen ein zu legerer Auftritt der Jugend nicht recht zusagte. Es ist für ihn dann ja auch alles so gelaufen, wie er es sich vorgestellt haben mag. Sein Weg führte geradeaus weiter, zuerst als Landeschef der niedersächsischen Jungen Union, dann Landtagsabgeordneter, diverse Vorstandsämter, schließlich Fraktionschef und dann Ministerpräsident. Dass ausgerechnet Wulff mit einer Anwaltskanzlei kokettiert und so tut, als pausiere er im erlernten Beruf nur mal zwischendurch, um sein vorübergehendes öffentliches Amt auszuüben, ist ein ziemlicher Witz. Wulff war immer Politiker, er war nie etwas anderes als ein Politiker, ein besonders typischer Berufspolitiker außerdem.

Seine Fingereien in den Hinterzimmern waren schon damals, auf der Bundesdelegiertenkonferenz der Schülerunion, unübersehbar. Ich Naivling dachte, da gehe man hin, um offen zu diskutieren und dann zu beschließen, was die besten Argumente bekam. Dann aber staunte ich, woher die Delegierten der anderen Landesverbände immer so genau wussten, an welcher Stelle sie zu klatschen oder den Arm zu heben hatten. Ich hatte praktisch nichts verstanden, und dann war Wulff wiedergewählt und der Kongress vorbei.

Diesmal läuft das anders. Das lässt sich nach meinem Verständnis aus der Parteienlogik ableiten. Merkel und Wulff haben sich einfach verzockt. Vielleicht waren sie in leise Panik geraten, als Köhler so unvermutet das Amt aufgab. Plötzlich hatten sie eine nur 30 Tage lange Frist, um das nominell höchste Staatsamt neu zu besetzen. In der Eile haben sie einiges übersehen. Ein Mann wie Wulff funktioniert nur dann, wenn vorher alles glattgezogen ist, wenn vorher die Hinterzimmer getagt haben, wenn vorher genügend Meinungsführer mit Posten und Versprechen eingekauft wurden. Wulff wirkt nicht als Persönlichkeit, dazu ist er zu glatt, zu glamourfrei, zu wenig charismatisch. Er steht auch für nichts. Er ist ein Mann ohne Botschaft. Weil die Deals, auf die er seine Karriere baute, diesmal fehlen, muss Wulff jetzt mit Gegenwind in den eigenen Reihen rechnen, als da wären:

  • Die FDP. Die Wulff-Gegner reichen von der schon immer sozialliberal gestimmten Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und ihren bayerischen Landesverband bis zu den auf freiheitliche Politik justierten Ost-Landesverbände. Aus NRW könnte es Gauck-Stimmen bei Freunden der Ampel-Koalition geben, als Geste für gute Bündnislaune. Außerdem sind viele Liberale schlicht beleidigt, weil sie das Gefühl haben, ihre Partei sei an der Nominierung Wulffs praktisch nicht beteiligt gewesen und Westerwelle habe bei der Kür versagt.
  • Die CSU. Viele Abgeordnete sind aus denselben Gründen beleidigt wie ihre FDP-Kollegen. Außerdem hegen die Mitglieder der Berliner Bundestags-Landesgruppe eine Dauerfehde mit der Münchner Parteiführung und Horst Seehofer, dem sie bei passender Gelegenheit gern mal einen Hieb verpassen würden. Da werden sich einige erinnern, dass Gauck ja schon einmal als Präsidenten-Kandidat im Gespräch war, nämlich als Vorschlag aus der CSU.
  • Baden-Württemberg, und zwar quer durch alle Parteien. Wulff war derjenige, der im Hinterzimmer mit Merkel kungelte, um das einer freien Marktordnung zuwiderlaufende VW-Gesetz EU-konform abzuändern. Damit hat sich die niedersächsische Landesregierung einerseits Sonderrechte als staatlicher Miteigentümer von VW auf Dauer gesichert, andererseits aber verhindert, dass Porsche VW übernehmen konnte. Dass es umgekehrt kam, nunmehr also der niedersächsische Autobauer der Hausherr bei der schwäbischen Sportwagenfirma ist, hat allein Wulff bewirkt. Die Stuttgarter Landesregierung (CDU und FDP) war damals pottsauer auf Wulff.
  • Die Ostdeutschen, und zwar quer durch alle Parteien, außer der Linken. Mit Gauck steht zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung ein Mann für ein hohes Staatsamt zur Verfügung, der tatsächlich aus der Bürgerbewegung kommt und der mit seinem Einsatz und seinem Mut mehr zur Wiedervereinigung beigetragen hat als all die Karrierepolitiker vom Schlage Wulffs. Außerdem steht er für die Mehrheit der Ostdeutschen, auch, wenn die Redakteure der politischen Talkshows als Vertreter der Ostländer immer Gysi und Konsorten einladen.
  • Die Freunde von Ursula von der Leyen. Die ist derart sauer, dass sie jetzt die Geschichte von der Merkel-Wulff-Intrige in die Redaktionen tragen lässt. An ihr hängen die CDU-Sozialausschüsse und Gruppen wie die Senioren-Union.

Die angeblich so komfortable Mehrheit von ca. 25 Sitzen für schwarz-gelb in der Bundesversammlung ist in Wahrheit höchst wackelig. Ein gutes Dutzend Abweichler genügt. Die Zahl derjenigen, die ein Motiv für die Begleichung einer offenen Rechnung hätten, ist höher.

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