Es war im Oktober 2014, als die in der Allgemeinheit weitgehend unbekannte Organisation ICCT in einer Pressemeldung auf eine Merkwürdigkeit bei Dieselautos aufmerksam machte: Es gebe eine „hohe Diskrepanz zwischen offiziellen Zertifizierungs- bzw. Prüfwerten für Stickoxide“. Wie gesagt: Oktober 2014. Ihre Information verbreitete sie auf deutsch und englisch. Jetzt ist September 2015, ein Jahr später, und erst jetzt ist die Bombe hochgegangen. Quelle und Auslöser: Wiederum die ICCT.

Die augenfälligste Konsequenz war, dass die VW-Aktie an den ersten beiden Skandaltagen um je 20 Prozent einbrach Das entsprach einem Verlust an Börsenwert in Höhe von 25 Milliarden Euro. Wer vorab wissen konnte, was da passiert, müsste sehr charakterstark sein, hätte er sich die Chance auf ein schnelles Vermögen entgehen lassen. Passende Anlagen, genannt CFDs, haben praktisch alle Onlinebroker im Angebot.

Ebenso augenfällig war die schnelle Meldung am Montag über den angeblichen Rücktritt von VW-Chef Winterkorn.  Die brachte allein der Berliner Tagesspiegel. Der Tagesspiegel ist nicht dafür bekannt, sich Tatarenmeldungen auszudenken. In diesem Fall setzte es aber ein schnelles und hartes Dementi. Welches Interesse verfolgte also der Informant, der dem Tagesspiegel diese Info steckte (ich gehe davon aus, dass es einen gab)? Winterkorn, die Erinnerung ist noch frisch, stand erst vor kurzem auf der Abschussliste von Ferdinand Piëch. Der alte Mann im Hintergrund wünschte sich als Nachfolger Porsche-Chef Müller. Exakt so sah die Lösung aus, die der Tagesspiegel jetzt neu präsentierte. Schauen wir mal, ob und ggf. wie lange das Dementi hält.

Zu erwähnen wäre auch, dass die Deutsche Umwelthilfe e.V. vergangene Woche, nämlich am 17. September, also drei Tage vor dem Platzen des Skandals, eine Kampagne gegen Dieselmotoren startete. Aktueller Aufhänger war die Eröffnung der Automobilmesse IAA in Frankfurt. Umwelthilfe-Chef Jürgen Resch wird darin so zitiert:

Herr Zetsche, Herr Winterkorn und Herr Krüger sind als Chefs von Daimler, Volkswagen und BMW für jährlich viele zehntausend vorzeitige Todesfälle durch Dieselabgase persönlich mitverantwortlich.

Umwelthilfe und ICCT wiederum sind seit langem eng miteinander verbandelt. So traf man sich etwa am 24. und 25. Juni 2008 zu einem Symposium zu Ehren des scheidenden Abteilungsleiters im Umweltbundesamt, Axel Friedrich. Friedrich war höchst umstritten. Öko-Aktivisten preisen ihn als „Antreiber“ im Kampf gegen die Autolobby. Gehen musste er nach einer Betrugsaffäre um unwirksame Dieselfilter, wobei er in den Medien wohl dank seines Öko-Bonus gut wegkam.

Umwelthilfe und ICCT verfügen zudem seit langem über ein gut organisiertes Netzwerk auf beiden Seiten des Atlantiks. Es handelt sich um einen elitären Club namens ELEEP. Auf der Webseite von ELEEP findet sich eine Weltkarte mit den Orten, in denen ELEEP-Mitglieder leben und wirken. Einer der Initiatoren von ELEEP ist der zweite Umwelthilfe-Chef, Sascha Müller-Kraenner. Der knüfte seine Kontakte in den USA als Stipendiat des German Marshall Fund. Seine politische Karriere begann er bei den Grünen in Sachsen. Seitdem ist er als hauptberuflicher Umweltaktivist unterwegs.

Als die ICCT jetzt und diesmal folgenschwer den fast ein Jahr alten Skandal hervorzog, da war dann auch die Umwelthilfe schnell mit einer Stellungnahme zur Hand und forderte nur Stunden nach dem Platzen ein generelles Fahrverbot für Diesel-Autos in Deutschland.

Mal abgesehen davon, dass VW auch nach eigenem Eingestäntnis getrickst hat und dass das jetzt schwere Konsequenzen nach sich zieht: Man wüsste dennoch auch gern, wie solche Skandale für Öffentlichkeit und Medien inszeniert werden und wer davon profitiert. Transparenz ist gut, vor allem dann, wenn sie alle Beteiligten betrifft.

3 Kommentare
  1. Henning Müller sagte:

    Sehr geehrter Herr Lemmer,
    die Autoindustrie versucht mit ihren Lobbyisten und PR-Abteilungen jegliche Gesetzgebung in Richtung ökologischem Privatverkehr zu bremsen und/oder zu umgehen. In der Werbung für Diesel wird betont, dass es sich um „clean“ oder „blue“ Dieselfahrzeuge handelt, die praktisch kaum mehr umweltschädlich seien, damit dem öko-bewussten Autofahrer ein gutes Gewissen bzw. ein weniger schlechtes Gewissen beim Autokauf verbleibt.
    Es gibt dann auch ein paar Umweltorganisationen, vielleicht sogar im Umfeld der grünen Partei, die ein bisschen gegensteuern.Und die sich auch professionalisiert haben (etwa was den Zeitpunkt der Aufdeckung von Skandalen und PR-Kampagnen angeht) und die jetzt ihre sonst ziemlich ungehört belbenden Argumente etwas stärker zu Gehör zu bringen. Und jetzt kritisieren Sie dieses Vorgehen? Sind Sie ernsthaft der Ansicht, man müsse der Autoindustrie und ihren Lobbyisten das Feld allein überlassen? Und Umweltargumente dürften keine Rolle spielen, damit VW bzw. die Wirtschaft ordentlich dampft? Sie wollen ernsthaft andeuten, eine grüne Verschwörung habe den VW-Skandal verursacht, um auf der Skandalflamme ihr eigens selbstsüchtiges Süppchen zu kochen? Eine ziemlich merkwürdige Auffassung. Aber gern, wer betrogen werden will, dem ist nicht zu helfen.
    Besten Gruß
    Henning Ernst Müller

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  2. bitterlemmer sagte:

    Bleiben Sie mal sachlich. Ich stelle die Fragen so, wie ich sie für richtig halte. Und die eine Lobby passt mir so wenig wie die andere. Auch die Öko-Lobby manipuliert. Fahren Sie übrigens ein Auto? Sind Sie schon mal in den Urlaub geflogen? Kaufen Sie im Supermarkt ein? Ist Ihr Haus gut geheizt? Geht die elektrische Beleuchtung? Bestellen Sie manchmal Waren bei Amazon oder Zalando? Essen Sie Fleisch? Oder womöglich aus fernen Gegenden eingeflogene Sojaprodukte?

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  3. Henning Müller sagte:

    Sehr geehrter Herr Lemmer,
    gern bleibe ich sachlich und höflich, Zu Ihren sachlichen Fragen:
    1) Nein 2) Zuletzt vor einigen Jahren 3) Ja 4)5) ich habe kein Haus, aber meine Wohnung ist beheizt und hat elektrisches Licht 6) Ich boykottiere einige, aber nicht alle Internetshops 7) Wenig 8) Nein.
    Aber (sachlich gemeinte) Gegenfrage: Meinen Sie, nur wenn man alle Ihre Fragen mit Nein beantwortet, dürfe man VW dafür kritisieren, dass sie unter Täuschung der Verbraucher Dieselfahrzeuge als nur gering umweltschädlich vertrieben haben? Und nur wenn man alle Ihre Fragen mit Nein beantwortet, dürfe man Ihren Beitrag dafür kritisieren, dass darin mit dem Finger auf den Messenger gezeigt wird und nicht auf den Übeltäter? Die Logik hinter Ihren Fragen erschließt sich mir sonst nicht.
    Übrigens: Ich schätze Ihren Blog, deshalb lese ich ihn auch gern und diskutiere gern mit Ihnen.
    Besten Gruß
    Henning Ernst Müller

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