Muss man auf jeden Dummenfang hereinfallen? Sarah Wagenknecht hat gesagt, es sei „eine Ohrfeige für Hunderttausende junge Menschen, die in Deutschland leben und von denen viele nie eine Chance bekommen haben“, wenn die Bundesregierung jetzt junge Südeuropäer zur Ausbildung nach Deutschland einlade. Das kann man sehr eingängig auf klardeutsch übersetzen: Deutsche Ausbildungsplätze nur für Deutsche. Die NPD hätte das nicht besser hinbekommen. Es klingt auch ein bisschen nach Herrn Lafontaine, mit dem Frau Wagenknecht das Bett teilt und der seinen Sozialismus schon seit langem mit nationalen Beilagen garniert.

Fangen wir mal mit dem Faktischen an. Lehrstellen gibt es heuer genug, jedenfalls für alle, die ausreichend lesen, schreiben und rechnen können. Tatsächlich gibt es dieses Jahr einige Zehntausend Bewerber zu wenig. Genau das war auch das Motiv von Wirtschaftsminister Philip Röseler, Spanier oder Italiener zu ermutigen, in Deutschland einen Beruf zu lernen. Frau Wagenknecht argument also an der Sache vorbei – was uns was sagt? Dass es ihr um etwas anderes gehen muss.

Was das ist, sagt sie allerdings nicht offen. Als das internationalistische Lager ihren nationalen Ausfall irritiert in die Debatte holte und es machen Protest gab, drehte Wagenknecht scheinbar bei. Die Grenzen sollten natürlich offen bleiben, sagte sie, was aus ihrem Mund keineswegs selbstverständlich ist. Aber andererseits gehe es nicht an, dass die südlichen Länder ihrer Talente beraubt würden, argumentiert sie jetzt. Inhaltlich also dasselbe (Ausländer raus), aber schöner begründet. Wieder übersetzt auf klardeutsch: Bleibt gefälligst da, wo man (wer?) Euch braucht.

Dummerweise ist auch das an der Sache vorbei. Denn da, wo sie sind, braucht sie gerade niemand. In Spanien finden 56 Prozent der Jugendlichen weder Arbeit noch Ausbildung. In Griechenland sind es 58,4 Prozent, in Portugal 38,2 Prozent und in Italien 37,8 Prozent. Frau Wagenknecht verlangt also in ihrer korrigierten Fassung, die Ausländer mögen gefälligst ihr Leid erdulden und bleiben, wo sie sind.

Das wiederum steht in einem hübschen Gegensatz zum Bekenntnis mit den offenen Grenzen – man hätte es sich eigentlich denken können. Denn die Länder, um die es hier geht, sind allesamt EU-Länder. Innerhalb der EU gilt vollständige Reise- und Niederlassungsfreiheit. Jeder EU-Europäer darf sich innerhalb der EU bewegen wie er will, arbeiten wo er will und lernen was er will. Das ist ja exakt einer der genialen Vorzüge der EU – jedenfalls für freiheitsliebende Menschen, also nicht das Pärchen Wagenknecht-Lafontaine.

Womit wir bei der Frage sind, was sich Sarah Wagenknecht wirklich bei ihrem braunen Sprüchlein dachte. Vermutlich dasselbe, das sich auch Oskar Lafontaine immer denkt, wenn er etwas sagt. Nämlich: Wessen Wählerstimme ihm dieser oder jener Satz einbringen könnte. Und natürlich wissen Lafontaine wie Wagenknecht, dass die Wählermilieus von Linkspartei und NPD näher beieinander liegen, als den Linken lieb ist. Was sie andererseits aber nicht daran hindert, den einen oder anderen der dumpfen Wackelwähler von der braunen auf die rote Seite zu ziehen.

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