Karen Woo, zusammen mit Daniela B. in Afghanistan ermordet. Foto aus ihrem Facebook-Album

Krieg ist eine ziemlich faktische Sache. Gestern hatte ich in der BZ-Redaktion die Aufgabe, über das getötete Ärzteteam der Hilfsorganisation IAM in Afghanistan zu schreiben. Am liebsten hätte ich mich der 35 Jahre alt gewordenen Chemnitzerin gewidmet, die als Übersetzerin bei der Expedition durch die unwegsame Bergregion der Provinz Badachschan dabei war und die auch zu den Opfern gehört, denn das hätte nahegelegen. Eine junge Deutsche, die seit 2007 in Afghanistan lebte, 1975 geboren wurde, als ihre Heimatstadt noch Karl-Marx-Stadt hieß, in Leipzig studierte und die sich als Linguistin mit den Dialekten und Mundarten der Paschtu-Sprache beschäftigte. Als solche war sie offenbar eine ausgewiesene Expertin und in der Szene der Expatriats in Kabul bekannt, so dass der aus New York stammende Teamchef Tom Little sie ansprach und mit auf die Tour nahm. Ich hätte gern geschrieben, was diese Frau motiviert hat, wie sie nach Afghanistan kam und wie sie dort lebte. Aber es kam anders.

Das lag schlicht daran, dass über sie nichts zu erfahren war. IAM-Chef Dirk Frans hatte mir gestern früh zwar ein telefonisches Interview zugesagt, diese Zusage aber wenig später widerrufen, wie er gestern sämtliche bereits vereinbarten Gespräche mit Journalisten unvermittelt absagte (am Abend kündigte er dann allerdings eine Pressekonferenz für den folgenden Tag in Kabul an). Über seine Gründe lässt sich nur spekulieren, aber ein Kollege fand heraus, dass es irgendwelche kurzfristigen Vereinbarungen zwischen deutschen und afghanischen Stellen gab, über den Fall Stillschweigen zu bewahren. Von offizieller Seite war ohnehin nichts zu erfahren. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte am Morgen, es sei noch gar nicht offiziell, dass überhaupt eine Deutsche unter den Opfern war. Im Laufe des Tages zog er diesen Umstand dann zwar nicht mehr in Zweifel, verwies aber für weitere Auskünfte auf das Bundespresseamt. Der dortige Sprecher vom Dienst erläuterte, das Auswärtige Amt erkläre sich möglicherweise deshalb für nicht zuständig, weil es, mit meinen Worten ausgedrückt, beleidigt sei, und zwar deshalb, weil am Freitag das Bundespresseamt den Tod der Deutschen verkündet hatte und damit die Zuständigkeit des Außenministeriums übergangen haben soll. Kurz vor Redaktionsschluss war vom AA-Sprecher immerhin zu erfahren, die Frau sei 35 Jahre alt und stamme aus Sachsen. Mehr wolle er nicht sagen, weil die Angehörigen noch informiert werden müssten. Das hinterfragte ich mit dem Hinweis, dass die Ärztegruppe ja schon am Donnerstag ermordet worden war, ob es denn tatsächlich sein könne, dass die Angehörigen immer noch nichts davon wüssten. Der Mann blieb schweigsam, ich vermute, weil er von seinen Vorgesetzten dazu vergattert war.

Also schrieb ich über Karen Woo, eine englische Ärztin, die ebenfalls zu der Gruppe gehörte. Ich telefonierte mit einem ihrer Freunde in London, las, was die britischen Kollegen dazu ins Netz gestellt hatten, klickte mich durch ihr Fotoalbum bei Facebook und las ihr Blog. Ich erfuhr, dass sie 36 Jahre alt wurde und letztes Jahr einen Job als medizinische Direktorin bei dem britischen Gesundheits- und Klinikkkonzern Bupa gekündigt hatte, um nach Afghanistan zu gehen. Dass sie in den nächsten Tagen heiraten wollte und gerade erst in Kabul Seide für ihr Hochzeitskleid gekauft hatte. Las, dass sie sich über die Risiken ihres Einsatzes voll im Klaren war. Dass das Team vorhatte, abgelegene Bergdörfer zu besuchen, in denen es weit und breit keinen Arzt gebe, nur zu Fuß zu erreichen, die Ausrüstung auf Packpferden, einige der Siedlungen über 5000 Meter hoch gelegen, mit Schnee sogar jetzt im August. Sah Bilder einer lebenslustigen Frau, die offenbar eine Vorliebe für Yoga hatte und viel herumreiste, zum Vergnügen nach Kalifornien, aus Neugier und Hilfsbereitschaft nach Afrika. Afghanistan hatte sie bei kurzen Reisen kennengelernt, sagte mir ihr Freund Firuz Rahimi, ein usbekischer Afghane, der in London für die BBC arbeitet und mit Karen Woo gemeinsam das Blog pflegte. Ich erfuhr, dass sie noch wenige Tage vor der tragischen Expedition ein Fundraising-Dinner in Kabul veranstaltete, zu dem Diplomaten und Geschäftsleute erschienen und für die Tour durch die Bergdörfer Badachschans Geld spendeten. Ich schrieb über Karen Woo, weil genug über sie zu erfahren war, um ihre Geschichte zu erzählen und so lebendig vorzustellen, wie das eben tagesaktuell möglich ist.

Hinterher habe ich mich gefragt, warum Deutschland ein Land ist, in dem die eigenen Leute nur als tote, bürokratische sogenannte Fakten aufnotiert werden. Warum reflexhafter Datenschutz wichtiger genommen wird als Hochachtung und würdiges Andenken, immer garniert mit der Bemerkung, man möge dafür bitte Verständnis aufbringen. Mir fiel wieder ein, wie aufrichtig mitfühlend die Bürger in Wooton Basset ihre gefallenen Afghanistan-Soldaten verabschiedeten, als die Bundesregierung sich noch mit der Frage beschäftigte, ob in Afghanistan Krieg herrsche oder nicht. Fragte mich, wie es sein kann, dass ich meinen Lesern in Berlin eine facettenreiche Karen Woo vorstellen kann, während die Linguistin Daniela aus Chemnitz nur das Nachnamenskürzel B. trägt, sogar das nur inoffiziell, wie der Sprecher des Auswärtigen Amtes wichtig erläuterte.

Wie kalt ist unser Deutschland eigentlich, dass seine Regierung zwischen offiziell und inoffiziell unterscheidet, wo doch faktisch auch eine Deutsche zu betrauern wäre, die etwas Ungewöhnliches für andere geleistet hat? Glaubt irgendjemand wirklich, es sei menschlich, einen Menschen und seinen tragischen Tod bürokratisch zu anonymisieren? Dürfen unsere Toten in Afghanistan immer noch kein Gesicht und keinen Namen tragen?

5 Kommentare
  1. Klaus sagte:

    Zu deiner Frage fallen mir gleich mehrere Antworten ein.
    1. Es mag nun mal nicht jeder sein ganzes Leben auf Facebook ausbreiten. Wenn das jemand macht – okay. Aber dazu ist man ja glücklicherweise nicht verpflichtet.
    2. Wenn der Nachname nur mit „B.“ angegeben wird, dann erfolgt das auch zum Schutz der Angehörigen. Sonst rennen denen übereifrige Journalisten das Haus ein. Und darauf können Angehörige in solch einer Situation sicher gut verzichten.
    3. Wenn Du dann noch berücksichtigst, wie im letzten Jahr die Geiseln im Jemen (und auch die jetzigen Opfer schon wieder) von den deutschen Medien und in den diversen Blogs behandelt wurden, dann kannst Du Deine Frage selbst beantworten. Unverständnis ist eine Sache, aber Verhöhnung und Spott von Leuten, die humanitäre Arbeit in Krisenregionen leisten, sind einfach völlig unangebracht. Da kann ich gut verstehen, wenn jemand seine Arbeit lieber in aller Ruhe macht und vielleicht nur seinen engsten Freundeskreis darüber informiert, aber es nicht per Internet in die Welt hinausschreit.

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  2. Ben sagte:

    Bereits ab dem 9. August war bei IAM (für die Daniela B. arbeitete)der volle Name, eine kurze Biographie, sowie ein Photo zu bekommen, ansonsten stimme ich Klaus 100% zu. Ein wenig mehr Recherche ohne Facebook würde vielleicht manchmal helfen…

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  3. bitterlemmer sagte:

    Naja, Facebook hat mir Bilder gebracht, aber das war ja beileibe nicht meine einzige Quelle, das habe ich ja im Detail beschrieben. Mir geht es außerdem um einen anderen Punkt: Wir haben für meinen Geschmack hierzulande ein etwas verklemmtes Verhältnis zu Öffentlichkeit. Einerseits präsentieren wir eher belanglose Leute rauf und runter, mit Geschichten, die vorne bis hinten konstruiert sind, andererseits stören wir uns daran, wirklich wichtige Figuren näher kennenzulernen, weil das angeblich Persönlichkeitsrechte beeinträchtigen soll. Ich frage mich manchmal, worin diese Einschränkungen praktisch bestehen sollen, wenn es, wie in meinem Beispiel, ja darum geht, jemanden zu würdigen, der das verdient hat.

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  1. […] This post was mentioned on Twitter by bitterlemmer, René Worlitzer. René Worlitzer said: RT @bitterlemmer Wann bekommt Daniela B.,in Afghanistan ermordet,einen Namen und ein Gesicht? (http://bit.ly/936ywR) http://bit.ly/8XdU9E […]

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